Red Gaze © Lena Prehal

Die Welt durch die rote Brille sehen

Das bewährte Grazer Indie/Punk-Label Numavi präsentiert das Vinyldebut der Punk-Formation Red Gaze. skug hat sich die Scheibe angehört und sich mit zwei Bandmitgliedern unterhalten.

Nach zwei bereits sehr bemerkenswerten Tapes (u. a. ein hervorragendes Split-Tape mit Rosa Nebel) ist Red Gaze mit »Cuts« ein extrem energetisches Album geglückt, das man aufgrund seiner Kürze allerdings durchaus auch als EP bezeichnen könnte. In sieben druckvollen Songs beweisen die GrazerInnen, dass sie es wunderbar verstehen, die Dringlichkeit und Unmittelbarkeit von Hardcore Punk zu kanalisieren, ohne sich jedoch von stilistischen Vorgaben beschränken zu lassen. So ist beispielsweise das Songwriting stets intelligent, ohne an Energie zu verlieren, auf der Stimme kommt häufig ein Echo-Effekt zum Einsatz und bei »Palms« ist sogar ein Klavier bzw. Keyboard zu hören.

Stilistisch lassen sich Einflüsse unterschiedlicher Punk-Rock-Spielarten von Hardcore bis Wave ausmachen, der Gesamteindruck bleibt aber immer schlüssig und eindeutig Red Gaze. Besonders hervorzuheben ist das druckvolle Zusammenspiel der Band, dem man anmerkt, dass sie eine hervorragende Live-Band sind. Der druckvolle Live-Sound wurde hier auch perfekt eingefangen. Red Gaze haben mit »Cuts« ein tolles Debütalbum abgeliefert, das neben anspruchsvollem und energetischem Hardcore Punk auch noch durch das schöne Coverdesign von Cecilia Caldiera begeistern kann und Lust auf mehr macht. Um Red Gaze besser kennenzulernen und mehr über die Hintergründe des Albums zu erfahren, sprach skug mit Stephanie Lackner (Bass, Gesang) und Markus Gönitzer (Gesang).

Red Gaze © Lena Prehal

skug: Vielleicht könntet ihr zunächst über euren Ursprung aufklären – wie hat Red Gaze zusammengefunden?
Stephanie Lackner: Red Gaze war für Markus und mich der Einstieg ins Musikmachen. Ich habe davor viele Jahre beim Girls Rock Camp mitgearbeitet, in Wiener Neustadt, wo ich zu dieser Zeit lebte und selbst Shows organisierte. Ich war auch viel mit befreundeten Bands auf Tour. Daher war meine Motivation für ein eigenes Bandprojekt schon lange vorhanden. Eine treibende Kraft war sicher Markus, bei dem die Idee einer Band ziemlich Wurzeln geschlagen hatte.
Markus Gönitzer: Im Sommer 2015 haben wir das erste Mal geprobt, etwa ein Jahr später den ersten Auftritt gehabt. Davor habe ich jahrelang Konzerte veranstaltet und Fanzines gemacht. So richtig habe ich schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass ich selbst nochmal in einer Band spielen werde. Ich war auch ein paarmal als Tourbegleiter unterwegs, zum Beispiel mit Catholic Guilt, also der zweiten Band von unserem Gitarristen Franz. Er hat dann irgendwann mal im Tourbus gemeint: »Ja, okay. Dann mach ich halt eine Band für dich.«
SL: Damit du endlich Ruhe gibst! (lacht)
MG: Haha, na ja, Franz ist ein großartiger Songwriter und guter Freund und ich habe mich sehr über das gemeinsame Projekt gefreut. Wie gesagt, Steffi und ich haben unsere Karrieren sozusagen erst mit Red Gaze gestartet, Franz hatte davor schon verschiedene Stationen, unser Schlagzeuger Philipp ist ebenso mit Erfahrung aus anderen Bands zu uns gestoßen.

Aber es war gleich klar, dass du den Gesangspart übernimmst, Markus?
MG: Na ja, ich konnte damals halt kein Instrument spielen. Und manche Leute, die mich kennen, wird es vielleicht wundern – aber ich habe schon lange gewusst, dass es ein bisschen in mir drinnen ist, also dass es für mich definitiv okay ist, auf der Bühne zu stehen und zu performen. Aber ich war schon sehr aufgeregt, ob ich etwas zustande bringe, was den Ansprüchen genügt. Sowohl meinen als auch denen der Band.
SL: Ich habe vorher auch nie Bass gespielt. Aber der Bass war das einzige Instrument, das bei der Besetzung noch übrig war. (lacht) Und ich wusste, dass ich zumindest vier Akkorde auf der Gitarre spielen konnte, also dachte ich, das mit dem Bass werde ich auch zusammenbringen. In der Anfangszeit hatte ich daneben eine andere Band namens Nhil, das ging eher so in die Richtung Crust Punk. Aber ich wollte mein Repertoire dann schon gern ein wenig erweitern.

Red Gaze © Lena Prehal

Was kann man unter dem Namen Red Gaze eigentlich verstehen? Wie oder was sieht man durch den »roten Blick«?
MG: Haha, es gibt schon eine Referenz. Die will ich jetzt aber gar nicht droppen, weil wir sowieso häufig ins Eck der pseudointellektuellen Studi-Punks gestellt werden. Das sollen die Leute selbst recherchieren, wenn sie es wirklich wissen wollen.

Dabei wollt ihr es belassen?
MG: Ja, bitte. Ich finde es viel spannender, was man mit unseren Namen ansonsten frei assoziieren kann. Zum »roten Blick« würde mir zum Beispiel schnell der Begriff Wut einfallen. Auch naheliegend wäre es – vor allem, wenn man weiß, dass wir doch alle recht politisch sind – dass wir die Welt mit einem »roten Blick« interpretieren, hoffend auf eine bessere Zukunft.

Wieder zurück zum Handwerk: Wie entstehen bei euch die Songs?
SL: Die Lyrics stammen von Markus. Die Kompositionen kommen vorwiegend von Franz. Mittlerweile ist es so, dass es auch immer öfter ein gemeinsamer Prozess ist und wir Ideen zusammen weiterentwickeln. Was sich für mich sehr gut anfühlt, weil ich merke, dass ich auch dazugelernt habe über die Zeit und mich spielerisch mehr einbringen kann als zu Beginn. Bei Red Gaze habe ich das Gefühl, ich kann mich das trauen. Es ist voll gut, wenn Menschen mit Erfahrung andere mitreißen und so die Grenzen des Möglichen ausgeweitet werden können. Für Red Gaze habe ich ganz viel Liebe, weil es mir die Tür in die Musikwelt, von der Bühne aus betrachtet, eröffnet hat.
MG: Der Gesang kommt immer am Schluss. Manchmal habe ich schon Lyrics in der Tasche, manchmal warte ich, in welche Richtung sich die Songs entwickeln und welche Stimmung sie haben, dann erst schreibe ich die Lyrics. Aber das Schreiben ist eher ein isolierter Prozess und ich habe eigentlich relativ viel Freiraum.

Die Texte sind ja tendenziell kurz und abstrakt gehalten. Gibt es trotzdem so etwas wie eine Message, die vermittelt werden soll?
SL: Ja, auch wir fragen Markus manchmal, was er da überhaupt singt. (lacht)
MG: Ich glaube, die Texte sind vor allem deshalb etwas kryptisch, weil mir das persönlich leichter fällt. Wenn man Dinge sehr direkt benennt, mag das funktionieren und in der Tradition von Punk stehen und ich bin auch durchaus Fan dieses Zugangs. Aber das ist eine große Kunst. Es kann auch schnell schiefgehen, nämlich dann, wenn es zu platt wirkt. Ein Kollege von uns hat kürzlich in einem Artikel geschrieben, dass unsere Songs weniger predigen wollen, sondern das Politische im Persönlichen, in zwischenmenschlichen Beziehungen durchleuchten wollen. Besser könnte ich es selbst nicht formulieren.

Red Gaze © Lena Prehal

Und wie kommt ihr beim Sound zusammen? Gibt es da manchmal Richtungsstreits?
SL: Wir bringen auf jeden Fall recht verschiedene Impulse mit, die sich aber sehr gut ergänzen. Bei mir ist die Streuung recht groß, von poppigem Punk bis Crustcore. Philipp spielt nebenbei noch in einer Stoner-Rock-Band. Franz bevorzugt meist auch eher härteren Stil, Markus bringt wiederum viel Wave in unsere Musik. Wir bewegen uns recht undogmatisch und flexibel durch das Spektrum von Post Punk bis Hardcore Punk.

Wie ist der Entstehungsprozess von »Cuts« verlaufen?
MG: Manche Songs vom Album sind eigentlich schon recht alt, »Pervasive Unease« war zum Beispiel schon auf unserem Demo-Tape. Von Frühjahr 2017 bis Anfang 2018 sind dann die weiteren Songs entstanden, daraufhin sind wir im Februar ins Studio. Anschließend hat es noch ein Dreivierteljahr gedauert, bis das Album abgemischt und gemastert und das Artwork fertig war. Es war insgesamt schon ein ziemlicher Act für uns, weil wir alle daneben noch tausend andere Sachen machen.
SL: Nach den zwei Kassetten, die wir davor veröffentlicht hatten, war klar, dass wir als Nächstes eine Platte machen wollen. Uns war schon bewusst, dass das etwas dauern wird, weil wir eben nicht so regelmäßig proben können. Die Tage im Studio selbst waren für uns dann im Endeffekt ein bisschen zu kurz. Wir waren vier Tage in Puntigam, in Graz, im S.T.R.E.S.S. Studio von Tom Zwanzger. Wir hatten gegen Ende ziemlich Druck, weil uns die Zeit zu knapp wurde. Einmal haben wir wegen Computerproblemen einen halben Tag verloren, da dachte ich mir schon: »Scheiße, geht sich das überhaupt noch aus?«
MG: Im Studio ist übrigens der Titel des Albums entstanden. »Cuts« war eigentlich zunächst nur ein Witz, weil bei manchen Songs der eine oder andere Schnitt her musste. Aber im Endeffekt haben wir festgestellt, »Cuts« ist eine sehr schöne Klammer zu den Lyrics, weil es einerseits um Verletzlichkeit geht, andererseits – wie im Sinne des Wiener Labels Cut Surface – um den Versuch, unter die Oberfläche zu gehen.

Red Gaze © Lena Prehal

Ihr kommt allesamt aus der DIY-Szene. Was sind Vorteile und was sind Hindernisse bei so einem Produktionsprozess, wenn man eine DIY-Attitüde verinnerlicht hat?
SL: Da das für mich das erste Mal war, dass ich an so einem Prozess teilnehmen konnte, war ich doch recht erschrocken, wie viel das kostet. Viel Spielraum hatten wir nicht. Aber das geht ja vielen Bands so, nicht nur denen aus der unmittelbaren DIY-Szene.
MG: Für mich steht ein DIY-Ethos heutzutage gar nicht mehr in so einem direkten Verhältnis zur Soundqualität. Mittlerweile ist es vergleichsweise einfach, professionelle Produktionen anzufertigen. Über den Begriff DIY kann man glaube ich viel diskutieren. Für mich ist es eher ein ethischer. Ich verbinde weniger ganz konkrete Produktionszugänge damit.
SL: Die Tapes waren recht DIY. Das Design haben wir von einem Freund aus Zagreb machen lassen. Überspielt hat es unser Tonmensch des Vertrauens, Schneidemeister Fun Helsing, bei sich zuhause. Bei dem Split-Tape mit Rosa Nebel hat sich unsere Freundin Sabrina Wegerer die Mühe gemacht und ur schöne Covers und Hüllen gestaltet, gefaltet und geklebt. Es ist schon ziemlich cool, was da an Ideen und Kreativität zusammenkommen kann. Bei der Platte wurde das Netzwerk dann erweitert. Aber auch da waren ganz viele Menschen mit ihren Fähigkeiten im Spiel, die wir schon über die Jahre kennen.
MG: Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, dass man Teil einer internationalen Community ist, in der irrsinnig tolle Sachen entstehen und zusammenlaufen. Dennoch ist das natürlich etwas widersprüchlich: Einerseits hilft man sich aus und bringt in solchen ressourcenarmen Strukturen sehr leiwandes Zeug zustande, andererseits werden die meisten Leute nicht so bezahlt, wie sie es meiner Meinung nach verdient hätten.

Was waren das für Leute, mit denen ihr zusammengearbeitet habt?
MG: Die Aufnahme gemixt und gemastert hat Mike Kriebel aus den USA. Auf den sind wir gekommen, weil der schon mit vielen Bands zusammengearbeitet hat, die wir grandios finden, zum Beispiel Public Eye aus Portland.
SL: Das Cover wurde von Cecilia Caldiera gestaltet, die uns mit ihren Artworks aufgefallen ist und mit der wir uns dann online vernetzt haben. Zum Song »Paralysis« gibt es jetzt ein Video, dafür wiederum ist Filip Cetkovic verantwortlich, ein Freund von uns aus Belgrad.
MG: Filip ist so ein Filmnerd mit einem riesigen Archiv an Retrostreifen aus den 60ern und 70ern. Er hat mal ein Konzert mit uns veranstaltet, da kam der Kontakt mit ihm zustande. Das Video besteht aus Zusammenschnitten alter Horrorfilme, das war für mich am Anfang eigentlich gar kein naheliegendes Motiv für unsere Musik, aber ich finde es richtig spannend und kreativ, wie er das gestaltet hat.
SL: Ich bin auch noch nicht ganz darauf gekommen, wie Filip da vorgeht, aber mir gefällt richtig gut, was er daraus gemacht hat. Das ist ja auch spannend, wenn gewisse Bereiche in andere Hände gelegt werden und man sieht, was da entsteht. Man vertraut einfach darauf, dass die Leute etwas Tolles zustandebringen, auch wenn man es selbst natürlich anders gemacht hätte. Kann schiefgehen, aber auch super gut werden.

Selbst vor der Kamera stehen wolltet ihr nicht?
MG: Nein, ich finde, das muss nicht unbedingt Teil unseres Konzepts sein.
SL: Wir haben kurz darüber geredet, ob wir nicht ein Proberaumvideo machen sollen oder so, aber das wäre wohl ein wenig fad geworden. Wie gesagt, es ist auch ganz reizvoll, da einfach die Community einzubinden.

Die Tapes habt ihr ja schon erwähnt. Zwei habt ihr veröffentlicht, eine selbstbetitelte EP mit vier Songs und eine Split-EP gemeinsam mit Rosa Nebel. Was macht gerade Tapes für euch attraktiv?
SL: Na ja, sind sie wohl gerade in. (lacht) Na, es ist halt vor allem ein einfaches Medium und nicht mit so einem – auch finanziellen – Aufwand verbunden, wie man ihn hat, wenn man eine Platte presst. Nostalgisch ist es auch, ich hatte früher noch einen Walkman und das war richtig cool. (lacht)
MG: Ich persönlich habe eigentlich einen starken Hang zu Tapes. Ich mag sie als Medium, ihren Sound und in der Handhabung. Vor Kurzem habe ich mal ein DJ-Set mit Tapes gemacht, weil gerade in unserer Szene viele Leute auf Tape releasen. Es gibt einige Projekte, die sich dezidiert auf Tapes spezialisiert haben, beispielsweise Wilhelm Show Me The Major Label, wo wir als erstes veröffentlicht haben, oder hier in Wien die Menschen rund um die Schönbrunner Straße 6. Durch Tapes ist es möglich, Musik sehr schnell auf einen Tonträger zu bringen.
SL: Bei CDs ginge es zwar auch schnell, aber ein bisschen spielt dann bei Tapes der ästhetische Faktor eine Rolle. Es ist ja auch so, dass man parallel dazu den digitalen Verbreitungsweg wählt. Trotzdem ist es natürlich fein, wenn man was in der Hand halten kann.

Was steht für euch nun als nächstes auf dem Plan?
SL: Zuerst noch ein paar Shows mit der neuen Platte spielen, einige Termine sind schon für das erste Halbjahr 2019 fixiert. Dann neue Lieder schreiben.

Und was macht Red Gaze in fünf Jahren?
SL: Hoffentlich noch auf der Bühne stehen! Also ich tu mir eher schwer, so weit voraus zu denken, und fünf Jahre ist gefühlt eine ewig lange Zeit, aber natürlich wünsche ich mir, dass es Red Gaze dann nach wie vor gibt.
MG: Die Veröffentlichung des Albums war für uns schon ein sehr großes Ziel. Man könnte fast sagen, alles, was jetzt noch kommt, ist eine Draufgabe. Wenn man sich viel mit zeitgenössischer Musik beschäftigt, entwickelt man immer wieder neue Interessen. Mal schauen, wie sich Red Gaze dabei weiterentwickelt. Aber an einem detaillierten Karriereplan haben wir bisher nicht gefeilt.

Red Gaze: »Cuts« (Numavi Records)