Calexico

Der Geschmack der Wüste

Es war einmal eine Band aus Tucson/Arizona, die nannte sich Giant Sand. Diese Band war so fruchtbar, dass sie im Laufe der Jahre nicht nur unzählige Platten veröffentlichte, sondern immer wieder auch neue Guppen aus sich selbst heraus gebar. Diese hießen dann OP8, The Band Of Blacky Ranchette, The Friends Of Dean Martinez, Spoke oder – als unmittelbarer Klon aus letzteren hervorgegangen: Calexico, benannt nach einem südkalifomischen Ort an der Grenze zu Mexico.

Laut Joey Burns, der zusammen mit John Convertino die Band leitet, hat Calexico, das Kaff, außer einem romantisch verfallenen Bahnhof und sehr viel Staub nicht viel zu bieten. Der ständig sich verändernde Klangkörper Calexico – laut Fans wie mir – dagegen schon: z. B. die anrührendsten Mariachi-Bläsersätze diesseits der mexikanischen Grenze, die flirrendsten Gitarrensounds von ganz Americana und dazu noch: fragile Wüstenklangskulpturen, Italo-Western-Anleihen, Cocktail-Jazz-Geschmiere, neapolitanische Serenaden, böhmisch-texanische Polkabastarde und nicht zuletzt das Surren von hunderten Strommasten entlang irgendeines Lost Highways durch die Sonora-Wüste. In solchen Gegenden singt dann sogar der Strom sein Lied in Moll.
Goddammit: viel Dur-Material hat sich bei Calexico tatsächlich nicht angesammelt, und wenn – das ist auch eine eigene Kunst – dann schaffen die es, in Dur zu spielen und trotzdem melancholisch zu klingen. Als gäbe es so etwas wie eine »Euphorie in Moll«.

Klischees versus erlebte Empfindung

Bei Bands, die exzessiv mit diversen Stilen und Zitaten jonglieren, ist die Frage naheliegend, was zuerst da war: Das Klischee – im Falle Calexicos: das Klischee der Wüste, des unbegrenzten Horizonts und der manischen Bilderflut mexikanischer Folklore – oder die erlebte Empfindung, d. h.: die konkrete Erfahrung, sei es die der Wüste oder des Lebens in Mexico. Bei Joeys Burns war es anfänglich anscheinend doch »second hand experience«:

Noch bevor ich anfing Musik zu machen, lebte ich eigentlich in Los Angeles. Meine Eltern bereisten immer wieder Mexico und brachten Musik mit. Meine Mutter spielte dann diese Lieder wie »Cielito Lindo« am Klavier und sang dazu in Spanisch. Das war mein früher musikalischer Background. Als ich später mit Giant Sand nach Tucson/Arizona übersiedelte, hörte ich all die verschiedenen Musiken der Gegend im Radio und Fernsehen, in den Lokalen, in den Plattengeschäften und auch in meiner Nachbarschaft, in Barrio Viejo, wo ich wohne. All diese Einflüsse haben mich geprägt.
Im Nordwesten der Sonora-Wüste ist wahrscheinlich der Mariachi-Einfluss am stärksten. Aber für uns gibt’s noch genügend andere: europäische Zigeunermusik z. B. – Johns Vater, er stammt aus Bari in Italien, spielte sie gern auf der Ziehharmonika. Mein Großvater – auch ein Akkordeonspieler – kam aus Deutschland und spielte gern Polkas und so Zeug.

Das also wäre der eine Strang bei Calexico: Die popmusikalische Verarbeitung biographischer und geographischer Wurzeln, ohne dabei in die Authentizitätsfalle zu tappen. Es ist eben artifizieller Pop und nicht mit Echtheitszertifikaten wachelnde Roots-Music, es ist ein Sammelsurium aus Lieblings-Zitaten und dazwischen geschobenen Meta-Ebenen: also Fan-Musik.

Und dann gibt’s bei Calexico auch noch den Klangfetischisten-Strang: Mit einer an Ry Cooder erinnernden Liebe zum Detail und einer Sensibilität für noch die leisesten Greifgeräusche am Gitarrenhals schaffen es diese Musiker, akustische Tableaux aufzubauen, die mit der landläufigen Vorstellung von Pop nur mehr das Instrumentarium gemein haben. Wenn sie nicht überhaupt gleich ins Musique Concrètehafte lappen und reale Umweltgeräusche in die Komposition einfließen lassen. Und das Wort »Komposition« scheint mir hier tatsächlich nicht zu großspurig.

Wüstensoundscapes

»Hot Rail« ist das Titelstück der neuen CD von Calexico. »Hot Rail« rufen sich die Oberbauarbeiter noch heute zu, wenn ein Zug kommt. Ohne dass es je näher definiert worden wäre, gibt es im Pop ein Subgenre, das sich um die Mythen der Wüste rankt: Der Wüsten-Blues – und gemeint sind hier immer die Deserts im Südwesten der USA – wurde schon Captain Beefheart zugeschrieben. Wüstenrock machten später Bands wie Thin White Rope oder Kyuss. Und nun konstatieren Kritiker auch bei Calexico ein ästhetisches Moment, das angeblich nur am Rande des großen Nichts entstehen kann. Mr. Burns, was hat es denn mit dem spezifischen Wüstensound tatsächlich auf sich? Oder gibt’s den überhaupt nur in den Köpfen europäischer Spätexistentialisten?

Ich weiß nicht – Billie Holiday ist die Königin der Wüste, Patsie Cline, Hank Williams. Ich glaube, es geht hier um einen bestimmten Ausdruck. Es fällt mir schwer, solche Dinge zu definieren, vielleicht hilft ein Beispiel. In einem Geschäft in Tucson hörte ich eine CD der portugiesischen Fado-Sängerin Amalia Rodriguez. Diese Musik hat mich so berührt, das sie für zwei, drei Jahre zum Soundtrack meines Lebens in Tucson wurde – nonstop im CD-Spieler. Ganz sicher übten die Traurigkeit und Melancholie dieser Lieder, die vielen Moll-Akkorde und die Intensität des Ausdrucks einen Einfluss auf mich aus.
Es ist eine traurige Musik, die aber Kraft gibt.
Dieses Wüstengefühl ist also immer eine Kombination aus Umwelt und persönlichem Hören. Was immer gerade bei mir in der Küche läuft, kann zum Wüstensound werden oder den Geschmack der Wüste annehmen. Die Wüste selbst – denk nur an die Bibel – ist halt einfach auch ein starkes Bild.

Und weil in der Wüste jeder Schatten von Bedeutung ist, erklärt Trompeter Ruben Pedroza auch noch das typische Wüsten-Schlagzeugspiel seines Bandkollegen John Convertino – und das mit Hilfe eines Begriffs aus der Grammatik.

In der Musik sind die Percussions für die Interpunktion zuständig. Wenn John seine Interpunktionssounds legt, dann entstehen im Kopf die Bilder der Wüste. Sanddünen und Schatten, die Anfang und Ende von Dünen markieren. Und je niedriger die Sonne steht, um so stärker kommen die topographischen Interpunktionen zur Geltung, Egal welches Wüstenbild du dir anschaust, findest du immer Abstufungen im Minimalen: gezeichnete Linien im Sand, feinste Schattierungen in den Bergen. Musikalisch macht das John mit seinen Percussions.

Parasitäres Saugen an Wirtsmusiken

Was in der Philosophie schon seit einiger Zeit als »Postmoderne« abgehakt ist – nämlich das sich gegenseitig relativierende Nebeneinander von Diskurs-Stilen und Sinn-Angeboten – das bleibt für eine unironische Band wie Calexico noch immer musikalische Option. Hier koexistieren geborgte Stile und Ästhetiken friedlich nebeneinander, ohne dass dabei eine Crossover-Beliebigkeit entstünde. Wenn dieses spezifische Stildurcheinander durch etwas charakterisiert wird, dann vielleicht durch dieselbe Analogie aus der Tierwelt, die auch Mariachi als Stil so einzigartig macht: Hier wie da saugt man liebevoll, aber durchaus parasitär so lange an befreundeten Wirtsmusiken bis man selbst zum Wirten wird. Hier wie da: erhabene Parasiten.
Mariachi-Kapellen kennen keinen Genierer, wenn es um das Recyclen von x-beliebigen Schlagern geht, weil sie wissen, dass noch – pardon – die größte Scheiße durch ihre wunderbaren Arrangements zu Gold wird. Und Calexico könnten so weit gehen, sich das Kufsteinlied einzuverleiben, und am Ende würde es wieder rauskommen als rundumerneuerter L’amour-Hatscher aus der Gegend von Tijuana – oder als Puszta-Ballade aus einer ungarischen Enklave in der Nähe von Albuquerque. Wer weiß …

Hauptsache, es geht ums seelenvolle Durcheinandermischen.
Beim Mixen kommts angeblich immer auf die Ingredienzien an. Bei Calexico stimmen die immer. Nicht angeblich – ganz sicher.