Ben Harper - »Both Sides Of The Gun«

Die traurig-rockende Abrechung mit dem Leben im Inneren, sowie überall.

Dass Ben Harper seine Platten mit Vorliebe in Konzepte packt ist nichts Neues. So war das letzte reguläre Studioalbum »There Will Be A Light« von vorne bis hinten mit den Blind Boys of Alabama eingesungen und pries vor allem den Gospel und dessen Inhalte. Auch live wird gerne mal zwischen leiser Solo-Akustikperformance und lautem, rockigen Bandblock getrennt. Auf seinem neuesten Werk jedoch geht Ben Harper, was die konzeptionelle Gestaltung und Gliederung seiner Musik betrifft, noch einen Schritt weiter: »Both Sides Of The Gun« ist eine Doppel-CD und zeigt ihn, Harper, einmal auf jener Seite der Pistole, bei der man in die Mündung blickt und einmal ist er es, der mit der Waffe zielt. Er ist Opfer und dann Täter. Oder treffender ausgedrückt: Er wird angegriffen und dann greift er selber an.

»You sit there and call me a liar and a cheat … I just wish you’d pin a rose on me …«.
Der weiße und erste Silberling der Platte kreist vor allem um das Thema Verlust. Zerbrochene Beziehungen, Abschiede vom Leben, enttäuschte Hoffnungen und zerplatzte Träume geben wenig Anlass zur Freude und werden in minimalistischer musikalischer Ausprägung vorgetragen. Die Songs sind von einer tiefen Traurigkeit erfüllt, welche sich allerdings nur in Wechselwirkung mit den Texten so richtig entfaltet. Denn Harper schreit seinen Schmerz nicht raus, sondern trägt die Lieder, größtenteils zur akustischen Gitarre, in seiner unnachahmlichen, sanften Gesangsweise vor. Und auch wenn der erste Teil des Albums mit einem Song namens »Happy Everafter In Your Eyes« endet, so bleibt einem kein Trost, sondern bloß ein kleiner Funke Hoffnung…

Dieser Funke verwandelt sich bei der ersten Nummer des zweiten, schwarzen Silberlings jedoch in ein wild loderndes Feuer. »Better Way« ist ein Ohrwurm mit fernöstlichem Touch, eine Antwort auf jeden Zweifel, der gerade noch dominierte, ein hinausgeschriienes Gebet mit gleichzeitiger Stinkefingerattidüde, kurz: der beste Song einer grandiosen Platte. In seiner gewohnt souveränen Art geht es in alle Richtungen weiter indem Harper spielerisch und scheinbar mühelos von einem Genre ins andere wechselt. Waren wir gerade noch Hippies, so sind wir mit dem Titelsong plötzlich als Funkgötter mitten in den Siebzigern angekommen. Und dann klingt Harper bei »Engraved Invitation« so wie die Rolling Stones schon seit dreißig Jahren nicht mehr klingen. Der Frontalangriff jedoch wird erst mit »Black Rain« eröffnet: »You left them swimming for their lifes down in New Orleans … Can’t afford a gallon of gasoline … With your useless degrees and your contrary statistics … This government business is straight up sadistic!«.

Klare politische Statements – über die kleinen und auch die großen Kriege – und ironische Betrachtungen dominieren die Lieder der zweiten Albumhälfte. Wenige Pinselstriche genügen ihm dabei, um ganze Welten zu erschaffen. So heißt es zum Beispiel in »Get It Like You Like It«: »Fire makes it turn, water makes it burn … We must still be here living on earth … They keep telling me Jesus walked on water … he shoulda surfed!« Wohl zuviel mit Jack Johnson getourt? Von dieser Zeile einmal abgesehen unterscheidet sich Harper doch recht stark vom (wunderbaren) Surfer-Weichspüler Johnson. Denn musikalisch präsentiert sich Harper auf diesem Album rauer denn je. Was sicher auch daran liegen mag, dass er hier auf die Begleitung seiner Band, die Innocent Criminals, verzichtet und stattdessen auf unterschiedliche Gastmusiker setzt, beziehungsweise das Album über weite Strecken hinweg alleine geschrieben, aufgenommen und produziert hat.

Der Rockkracher »Serve Your Soul« beendet dann die musikalische sowie emotionale Berg- und Talfahrt mit einem (Ur-)Knall. Zusammenfassend bleibt dem Schreiber dieser Zeilen nur die Feststellung, dass mir bei Gott keiner einfällt (und beim Teufel auch nicht), der gegenwärtig mehr Genres und Stile für sich beanspruchen kann und diese scheinbar selbstverständlich draufhat, als der gebürtige Kalifornier. Der Musiker Ben Harper ist all das, was an Popmusik jemals gut war. Dieses Album auch.

Ben Harper: »Both Sides Of The Gun« (EMI)
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