Abgründiges Blau. Ein Versuch über Michael Pinter.

Michael Pinter stellt in Graz seine neuesten Gemälde aus. Ein Grund mehr, den Versuch einer Würdigung in Form eines Eintauchens in seine Arbeiten zu wagen; und Bücher von Derrida sollten dabei im Handgepäck mitgeführt werden ? aus ästhetischen Sicherheitsgründen.

Beim Vorgang eines Abtauchens in die Abgründe ist zumeist kein Boden abzusehen. Wenn wir einen Blick wagen, soll kein Urteil über die Malerei abgegeben werden ? sondern die Wahrheit IN ihr zum Vorschein gebracht werden. In dieser Umkehrung gilt es dann: das Ende an den Beginn des Textes zu setzen. Des TEXTES, denn die Malerei soll sich uns auf diesem Weg erschließen; wie eine sich vor uns ausbreitende See. Man kommt nicht umhin, in dieses Meer einzutauchen, die Bojen des Sekundären: des PARATEXTUELLEN zu streifen. Wenn wir schon das Meer selbst nicht außer acht lassen können ? und das muss uns hier verwehrt sein ? so sind wir doch dazu angehalten, herkömmliche Bahnen zu verlassen. Zwischen Präsentation und Repräsentation hindurchzutauchen: einen Vorgang des Aufbrechens, des Unterspülens mittragend, den Wind auf unseren nassen Gesichtern genießend.

Ausgeworfene Rettungsringe werden hier ignoriert, ebenso haben wir auf die Bleigewichte verzichtet. Unsere für diesen ANLASS passable Abendkleidung nimmt auch so genug auf, um uns beim SINKEN zu unterstützen. In dieser andauernden Bewegung schreiben wir quasi schwimmend um die Malerei herum, lassen uns aber nach und nach ins Zentrum ziehen; die Klippe weit hinter uns lassend, den Abgrund, die UNTIEFE ahnend. Noch einmal kräftig Einatmen, dann: untergehen.

Langsam gewöhnen wir uns an das Sehen hier unten, beginnen das Material, auf das zurückgegriffen wurde, auszumachen. Ein altes Predigtbuch aus Admont schwebt vorbei, die Beschäftigung mit den Rosenkreuzern und dem KONTRASTPROGRAMM Ägypten werden hier klarer: es ist die dumpfe Stille, die uns diese Klarheiten verschaffen. Die Durchlässigkeit dieser See macht auch andere Aspekte sichtbar, sie zeichnen sich an den FELSEN vor uns ab: die Einflüsse älterer Arbeiten, Splitter und Fragmente aus verschiedensten Bereichen, der Prozess einer Umkehrung von Traditionen. Neben diesen sich verlierenden, verschwommenen Ansätzen ist wohl die Technik, das wesentlichste Moment der sich AUFTUENDEN Arbeiten. Wie soll eine Ästhetik der Kopie funktionieren, wie unkenntlich kann ein Original gemacht werden. In der Kopie wird mit vermeintlicher Glätte die Vorlage eingeebnet, das Auge des Betrachters getäuscht. Wir müssen uns annähern, wagen: genauer hinzuschauen, der Dynamik ihren RAUM lassen. In der Inszenierung dieser Schlachtfelder dominiert die Tusche eines fremden Wesens, bedeckt dauerhaft Körperteile und die unbekannten Götter, denen ein Triptychon gewidmet ist. Weiter unten, am GRUND, bemerken wir ein Wrack, das unsere Aufmerksamkeit verlangt.

In einem sehr alten Taucheranzug, mit kugelförmige Helm und starren BULLAUGEN scheint sich der Künstler zu verbergen. Doch: eine weitere Täuschung. Beim Vorantasten über den Rand des gesunkenen Schiffs hinaus bemerken wir den eigentlichen Abgrund, über dem wir noch schweben, der sich schon bald unserem neugierig-nervösen Blick verschließt. Weiter können wir uns nicht hinabwagen: nicht alles verträgt diesen DRUCK. So sind wir darauf beschränkt, das Wrack weiter zu erkunden, seine Untergrundstruktur zu untersuchen. Dabei auf die KOMPOSITION stoßen: alles scheint orchestriert, auf einer stabilen Grundlage errichtet. Wer hier einen Verfechter traditioneller Aspekte ausmachen möchte, IRRT sich. Es gibt eine Notwendigkeit, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, doch keine Verpflichtung: ihre Fehler zu wiederholen.

Wie nun aber die Stellung des Tauchers, des Rezipienten beurteilen, wenn sich der Künstler auch hier nicht ausschließen will: wir alle sind nun nur noch Betrachter. Sie Selbständigkeit der ENTLASSENEN ist keine Reduktion; vielmehr ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Keine Schublade wird je passen, keine Vorstellung von Schönheit gepriesen. Die Frage nach der letzteren scheint systematisch am zulänglichen Körper ausgerichtet, sie wird sich schließlich selbst zum Hindernis, zum Gorgonenhaupt: Steine, wohin der Blick auch fällt. Schließlich kommen wir in Verlegenheit: die Wahrheit in dieser Tiefe fordert überraschend schnell ihren Preis ein. Wir bleiben noch einen Augenblick, warten ein wenig zu, lassen uns dann im ausgeworfenen NETZ fangen. Am nahen Strand ringen wir nach Luft, richten unseren Blick wieder GEWOHNT: nach oben, weil unsere Atmung erst wieder umstellend.
Der Anfang muss hier zuletzt kommen, wenn die Luft knapp wird, die Worte spröde und unzusammenhängender als schon zuvor.

Literaturhinweise:
Jacques Derrida: Die Postkarte. Von Sokrates bis an Freud und jenseits. Erste Lieferung. Berlin: Brinkmann & Bose

Jacques Derrida: Die Wahrheit in der Malerei. Herausgegeben von Peter Engelmann. Wien: Passagen-Verlag 1992