© Ivo Dimchev
© Ivo Dimchev

Finale Irritationen – posttraumatisches Performen

Auf Platz 1 der Hard-to-handle-Performance-Rezensionen 2017 (ursprünglich für double36 - Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater verfasst) und daher nun mit Verspätung hier veröffentlicht: ein Rückblick auf Ivo Dimchevs »I Cure«.

Während des ersten, gospelartigen Heilungssongs wird der Sitzplatz verlassen und die spärlichen Bekleidungselemente werden bis auf die Badehose abgeschüttelt: »Oh la, oh la, oh la!« Am Fernsehschirm nun ein Bild wie aus dem Klischeekatalog für Urlaubssehnsüchtige: Sandstrand, Meer und Himmel buhlen um das strahlendste Blau, am Bildrand ein einsamer, geneigter Palmbaumsolitär. Das sanfte Meeresrauschen wird mit Glossolalie, schrillem Gesang und Gekratze auf einem Kindercello konterkariert. Der Cellobogen gestreichelt und oral befriedigt. Erst die Objektbefriedigung, die Subjektbefriedigung wird folgen. Als schmierige Badenixe, die über den Boden platscht, hat diese Entität vor allem zwei beschriebene Aufgaben: sich mit Sonnencreme einzuschmieren und das Universum mit Lala zu heilen.

Superbacteria with no future
Zurückhüpfen zum Sessel, das Element Wasser weicht am Bildschirm dem Element Feuer – in Form eines Videos von brennenden Holzscheiten. Dieser knisternde Transformationsprozess wird kommentiert: »Burning and healing. Dancing and swearing. Little wall of desire. A hot psychopath. Ferocious and mature. Irreplaceable fundamental. A horny blissful spirit. A poet and destroyer. Hypnotic pray of colour. Indiscriminating and pure. Whispering and roaring. You are cleansing my soul, sending me to heaven.«

Hand anlegen bei der Feuerstelle: Eine junge Frau, ein junger Mann, eine ältere Frau geben Rückenmassagen. The massage is the message. Die virtuelle Feuerstelle wird zum ionisierenden Wasserfall, der fast nackte, performative Körper kleidet sich nun casual und verausgabt sich singend und discotanzend zum »I Cure«-Song, um noch einmal auf die Funktion der »I Cure«-Karte hinzuweisen. Danach Assoziationen auf das kalte, sprudelnde Nass, das sodann vom Bildschirm verschwindet: »Sometimes I feel like a giant, brilliant, shining, healing waterfall. Sometimes I feel like a middle-sized, dirty, crazy waterfall. And sometimes I feel like a tiny, little, bloody, unconscious waterfall. Sometimes I feel like a blind, ugly whore, climbing up a mountain, naked, with a bottle of water. Sometimes I feel like a super-bacteria with no future. Sometimes I feel like a dead mother with two dead children, lying on the street in a very low resolution. And sometimes I feel nothing. But it is fine …«.

Jesus, I love you
Die Einspielung der angeblich heilsamsten Soundfrequenz der Welt, 528 Hertz: »Sometimes I listen to it when I watch porn, because watching porn can be a very healing experience. If you watch it with the right perspective. A blow job can be a very healing experience.« Gesagt, getan – es folgt der schamlose Akt: ein Jüngling in weißer Unterhose, der die Bühne betritt, wird heilig und heilend gesprochen und Jesus genannt, der Entkleidete am Sessel vor einer hypnotisierenden Schwarz-Weiß-Spirale oral befriedigt. Eine weibliche Stimme aus dem Off: »I love you, Jesus, you are so great. You are sucking my dick so perfectly, your blow job is a blessing. Your blow job is healing me, it is healing everyone here.« Plötzlich wandelt sich die Fellatio in eine schmerzhafte Bevormundung, der unbefriedigte Protagonist schreit: »It hurts me. Why did you do that, oh Jesus, Jesus? Anyway, you are here, do you mind if we fuck a little bit. It doesn’t have to be for real, just for the sake of healing.« Kitschig-sphärische Klänge, ein Als-ob-Geschlechtsakt auf dem heilenden Boden, der Pseudo-Penetrierte steht auf, tätschelt den Eindringling abschließend am Kopf, welcher danach wieder zum Sessel zurückhoppelt.

Es folgt ein ekstatischer, Derwisch-artiger Sesseltanz mit Kuschelteddybär, im Hintergrund immer noch die rechtsdrehende Schwarz-Weiß-Spirale, ein monotoner Krach-Loop traumatisiert kurz den Klangraum. Dann Stille und wieder ein schwarzer Bildschirm, mit Channeling-Blick nach oben ein fragender Moment der Vergewisserung: »I am wondering if people are still pressing their I cure-card or if I am just healing myself? If I want to heal myself I should know that I don’t have to understand the healing process because it is too complex for the mind. I should get lost in the healing process and transform myself, become the healing itself. Then the idea of health starts to get wider and wider … Now you can heal yourself with anything you can practically imagine.«

Home / Kultur / Performance

Text
Michael Franz Woels

Veröffentlichung
20.12.2017

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