Die deutsche Rapperin Ebow alias Ebru Düzgün wirft auf ihrem neuen Album »Typologie eines Lebens« einen genauen Blick auf die Generationen vor ihr, solidarisiert sich mit Gast- und Niedriglohnarbeiter*innen und zeigt wieder einmal, wie selbstbewusst und cool queere Songs sein können. Seit die erste Single-Auskoppelung »Arbayt« am 1. Mai veröffentlicht wurde, erleben wir Ebow in ihrer gewohnten sozialkritischen Rolle. Sie versteht die komplexen Zusammenhänge eines kapitalistischen Systems, das marginalisierte Menschen in schlechtbezahlte Jobs drängt: »Das System nimmt dich hops / Du wartest auf die Rente / Doch bis dann bist du fucked up«. Das erlebt sie auch anhand ihrer eigenen Eltern – ebenso wie die Spielsucht ihres Vaters. »Novoline« behandelt die Ambivalenz, Verständnis für die Sucht eines geliebten Menschen zu haben und gleichzeitig Scham für das Stigma dahinter zu empfinden. Ebow beschreibt die mangelnden Perspektiven und die Hoffnung auf den großen Gewinn, der so viele (migrantische) Menschen in diese Sucht führt. Mit dem Song »Butch im Tank (L.M.S.)« lebt Ebow ihre queere Identität aus und könnte dabei kaum lässiger sein. Das maximale Selbstbewusstsein kommt in den Zeilen des Tracks zum Ausdruck: »Es gibt keine, die es besser kann / Ihr wollt wissen, wer die Beste ist? / Dann müsst ihr wohl paar Lesben fragen«. Darüber hinaus greift ein Skit eines der wichtigsten Motive des Albums auf. Auf »Semra Ertan – Mein Name ist Ausländer Skit« hört man Semra Ertans Gedicht über die rassistischen Erfahrungen einer migrantischen Frau in Deutschland. Die Dichterin schrieb es 1981, nur Monate bevor sie sich aus Protest gegen die rassistischen Verhältnisse öffentlich verbrannte. Gelesen wird der Text abwechselnd von Ertans Schwester, deren Nichte, Ebows Tante, deren Cousinen sowie Ebows Mutter und am Ende von Ebru Düzgün selbst. Ebow gewährt uns mit »Typologie eines Lebens« einen sehr privaten Blick auf ihr eigenes Leben. Zwischen queerem Selbstbewusstsein und dem Existieren in rassistischen Systemen schafft sie eine der wichtigsten deutschen Veröffentlichungen des Jahres. Dabei bleibt sie unfassbar cool, zeigt ihre Gefühle und vermag durch ihre stärkere Involvierung in die Produktion (die u. a. ein Streichquartett umfasste) ihre künstlerischen Facetten zu zeigen.
Ebow
»Typologie eines Lebens«
Garip Werkstätten
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