Brötzmann, Leigh, Haino © Wolfgang Gonaus

Zufälle, die nicht wie Zufälle klingen

Das Trio um die Wunderlinge Peter Brötzmann, Heather Leigh und Keiji Haino spielte am Karfreitag im Wiener Porgy & Bess. Und es war sehr gut.

Menschen flohen auf die Toiletten, um zu weinen. Andere verließen gleich den Saal. Vielleicht sind auch welche auf den hinteren Plätzen gestorben. Wer dem Geschehen auf der Bühne sittsam folgte, dem dürfte das jedoch wahrscheinlich entgangen sein.

Am Freitag, dem 30. März 2018, waren Peter Brötzmann, Heather Leigh und Keiji Haino im Wiener Porgy & Bess zu Gast. Ungewohnt zahm und geradezu versöhnlich klang dabei Brötzmann, dessen Saxophon- und Klarinettenspiel sich sehr an den wieder und wieder ertönenden, hellen Akkordfolgen von Leighs Pedal-Steel-Gitarre orientierte. Leigh, die stoisch zwischen Brötzmann und Haino saß, gab den Rahmen für die gesamte Show vor. Sie agierte wie eine erfahrene Erzieherin, die zwei schwer unter Kontrolle zu bringende, hyperaktive Jungen mit ihren Tricks zumindest davon abhält, die Bude komplett kaputtzuhacken. Das funktionierte weitestgehend. Jedoch: Fängt das Saxophon einmal an, auf die gediegenen, ja beruhigenden Töne der Mitte zu reagieren und zu klagen, dauert es nicht lang, bis von der anderen Seite entweder wildes Geschrei oder stumpfes Gedröhn oder abgehackte Soundfetzen als Antwort kommen. Da will noch jemand gehört werden.

Die richtigen Töne im richtigen Augenblick
Die erste Hälfte des Abends ähnelte somit einem Streitgespräch, bei dem es manchmal so laut und wild wurde, dass die einzelnen Stimmen nicht zu verstehen waren, jedoch blieb das Gesamtwerk inspiriert und beeindruckte durch seine Klangvielfalt. Dem folgte in der zweiten Hälfte ein klärendes Gespräch. Womit nicht gesagt ist, dass die drei MusikerInnen schlecht zusammenspielen. Haino, der wie besessen das meist stimmungsvolle und oft harmonische Gespräch von Brötzmann und Leigh mit krassen Widerworten bewarf (via Gitarre, Eletronika und seiner Stimme), fand am Ende doch noch zu den beiden und verzierte die Atmosphäre mit einem gefühlvollen Gitarrenspiel, das man so von ihm generell eher selten zu hören bekommt, aber nichtsdestoweniger schätzt.

Was an diesem Konzert beeindruckte, ist die Spielfreude, die anarchische Gewalt, untermauert von höchstem Können, die Achtsamkeit gegenüber den MitmusikerInnen und das Gefühl, im richtigen Moment auszubrechen. Nichts klang ungewollt, aber auch nichts allzu gewollt. Alles passte und all das, was nicht passte, verwies auf seine Herkunft. Auf der Bühne entstand ein Gefüge, das genau das beschreibt, was an einem Live-Konzert im Jazz so schön sein kann: die richtigen Töne im richtigen Augenblick, Zufälle, die nicht wie Zufälle klingen, und eine Sprache, die entsteht, während sie gesprochen wird.