»Zeiten des Aufruhrs (Revolutionary Road)«

Als erschütterndes Melodram und gleichzeitig bei&szligende Satire setzt Sam Mendes die Literaturverfilmung »Revolutionary Road« in Szene.

Hauptberuflich arbeitet der britische Regisseur Sam Mendes fürs Theater. Alle paar Jahre schafft er Meisterwerke fürs Kino: »Road to Perdition«, »American Beauty«, »Jarhead« entstanden unter seiner Regie. »Revolutionary Road« setzt diese Reihe auf hohem Niveau fort. Es ist eine spannende und berührende Story, die Mendes in seiner typischen Manier mit Liebe zum Detail und doch im gro&szligen Bogen durchkomponiert. Nicht unbeträchtlich zu dieser Komposition beigetragen hat die Kameraarbeit von Roger Deakins, der u.a. mit den Coen-Brüdern filmte. Die meist lichtdurchfluteten und pastellfarbigen Bilder zeigen eine scheinbar perfekte Welt, in der das scheinbar perfekte Paar Frank und April Wheeler ein Modellleben führen könnten. Die Wheelers, dargestellt von Leonardo DiCaprio und Kate Winslet, sind das Vorzeigepaar ihrer Umgebung; sie sehen besser aus, haben ihr Haus geschmackvollereingerichtet, die Kinder sind besser erzogen. Hinter der Fassade aber tobt ein Konflikt – während Frank sich mit seinem verhassten Bürojob und dem Leben in der New Yorker Suburbia offenbar abgefunden hat, nagt die Unzufriedenheit an April. Die Revolutionary Road, in der ihr schmuckes Einfamilienhaus steht, hat sich nämlich als Dead-End-Street zur tödlich-langweiligen Durchschnittlichkeit erwiesen.

Der Mann im grauen Flanell

»Revolutionary Road« basiert auf dem gleichnamigen Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Yates (1926-1992) und spielt in den 50er-Jahren, doch die Geschichte ist zeitlos. Eine junge Frau findet ihren Traummann und ist überzeugt, mit ihm ihre Träume verwirklichen zu können. »Frank Wheeler, you’re the most interesting person I’ve ever met« gesteht sie ihm. Vielleicht hat aber eben diese Person mit ihren interessanten Sprüchen nur ein hübsches Mädchen auf einer Party beeindrucken wollen… Nach wenigen Jahren kann sie die Vorstadtexistenz als Hausfrau, Mutter und Gattin eines Büroangestellten, der sich von Heer seiner Arbeitsgenossen nicht abhebt, nicht mehr ertragen. Besonders, dass ihr Held zum ununterscheidbaren Spie&szliger geworden ist scheint ihr unerträglich. Er ist einer von hunderten Männern im grauen Flanell, die mit Hut, Aktentasche und Zeitung bestückt im Pendlerzug Richtung City gekarrt werden. Im Film ergie&szligt sich eine Flut gleichförmiger Angestellter über die Treppen der Grand Central Station.

Die Resignation

Aber April und Frank sto&szligen Nachbarn, Kollegen und Freunde gehörig vor den Kopf als sie ihnen ihren Plan, in Europa ein neues Leben zu beginnen, eröffnen. Nur der geisteskranke Sohn einer Nachbarin freut sich mit den Wheelers. Er sieht sie als einzige Lebendige in einer in Konventionen und Routine erstarrten Gesellschaft. Als Frank sich für den beruflichen Aufstieg entscheidet, anstatt sein künstlerisches Potential in Paris zu erkunden (wie es sich April wünscht), resigniert auch seine Frau. Sie fällt eine einsame Entscheidung, die zur Tragödie führt. »Revolutionary Road« kann als gediegenes Melodram gesehen werden, das sich kunstvoll um die Elemente Beziehungskiste, Gesellschaftskritik und moralisches Dilemma entfaltet. Mendes neuestes Werk entpuppt sich bei näherem Hinsehen aber als tiefschwarze Satire.

Die Aufgabe der Narren

Die Charaktere sind Karikaturen: April und Frank als Barbie und Ken, die aus ihrem perfekten Designerheim-Puppenhaus ausbrechen wollen; oder auch Kathy Bates als Nachbarin und Immobilienmaklerin – ist eine Ausgeburt der Scheinheiligkeit, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Nachbarn erscheinen als geradezu lebende Parodien. Besonders augenfällig ist in dieser Hinsicht die Figur des John Givings (Michael Shannon), dem schizophrenen Sohn der Maklerin. Mit seinen kantigen, wie gemei&szligelt wirkenden Gesichtszügen und den steifen Bewegungen erinnert er an Frankensteins Monster, gleichzeitig scheint er eine vergröberte Version Frank Wheelers zu sein. Er ist dessen verzerrtes Alter Ego oder sein unbewusstes Es, das ungeniert die unerfreuliche Wahrheit hinausposaunt. Das war schon immer die Aufgabe der Narren.

Literatur:
Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs. (?bersetzt von Hans Wolf) DVA-Verlag München
In English: Revolutionary Road. Vintage/Random House New York

»Revolutionary Road« (R: Sam Mendes; USA/Gro&szligbritannien 2008)

In österreichischen Kinos

>> http://www.zeiten-des-aufruhrs.at