fotos: © bettina frenzel

Uli Soyka: Wie kann ein Mann mit Wischern glücklich sein?!

Eine reale Musik-Satire, geschehen im Café Kreuzberg in Wien 7 am 12. April 2012. Teil 3 der Prolo-Schlagzeug-Kolumne.

Durch die Wiener Neustiftgasse brausen die Autos. Dunkelgrau in grau die Bürgersteige und die Stra&szlige, die Häuserfassaden. Regen und Wind treiben einen gelöst vor sich her, wie Drummer Shadow Wilson »wild und subtil zugleich, wie er es früher bei Count Basie gelernt hatte« oder das Thelonius Monk Quartett, »waiting while they worked«. Das Wiener Café Kreuzberg leuchtet wie ein glitzernder Planet, der überraschend an einer grauen Ecke gelandet ist, aus der Asphaltwüste hervor.
Rote Bilder in Goldrahmen, ein Glatzkopf bläst lange, ausgiebig und unaufgeregt sein Saxophon – ein Hauch von New York in alten Zeiten, aber kein Afroamerikaner dabei. Der Schlagzeuger scheint sehr eigenständig zu sein und entwickelt ein Eigenleben. Zieht Grimassen, schmerzverzerrt oder entzückt? Und schlägt um sich, in alle Richtungen gleichzeitig, es sieht wie ein Tanz aus. Zwischenapplaus. Hinten oben über dem Klavier hängt eine riesiges schwarzes Glasbild. Der Schlagzeuger schlägt mit den Besen, statt mit den Stecken zu schlagen und mit den Besen zu wischen …! Die Trompete wird ziemlich laut ausgeblasen, grell und schrill, dabei schaut der Trompeter lieb aus, mit seinem Rossschweif und mit seinem vom Leben ausgewaschenen Gesicht. Die Nachbarin kriegt ihr Gulasch, alle sitzen höflich auf ihren Stühlen.
Die spielen nach Noten. Der Schlagzeuger spielt von so weit oben herunter, dass man Angst kriegt, er kommt zu den Triolen nicht mehr rechtzeitig auf die Trommelfelle, kürzt die Dreier quasi ab mit einem Mittelschlag. Der Trompeter wird immer röter im Gesicht, Wolfgang Puschnig grinst, nimmt sein um den Hals gehängtes Saxophon auf und legt los. Kreisch. Der Raum wirkt fast eine Spur zu klein. Steinfliesen, Marmorboden, der Schlagzeuger setzt nur wenig Akzente an den Becken, spielt gleichzeitig links und rechts, ohne die Triolen durchzuspielen, das sieht lustig aus – his jazz version!
In der Pause kaufe ich mir die Kassette »Good Morning Live«, den ersten Tonträger von Uli Soyka, aufgenommen in Warschau in Polen. Er hat 100 Stück davon und versichert, dass man die schon öfter hören kann und sie nicht nach dreimal abspielen eingeht.

»Gekreische«-Lied hei&szligt »Weather Exchange im Krastal«

Nach der Pause packen die Musiker Querflöte und Handtrommel aus, ui, jetzt wird’s kritisch. Krach, ?berleitung, ein Ton hängt in der Luft. Ein paar junge Leute bei&szligen auf den Nägeln, wohl die Musikschüler. Der spielt okay, für eine Flöte – nur wenig Töne, die Trompete übertönt sie. Gleichklang. Uli rattert rum, man sieht nicht mit was. Ruhige Melodie, sehr schön. Uli kann sich nicht entscheiden, wechselt die Schläger auf härter. Macht undefinierbaren Krach im Hintergrund. Als Flötenfeindin freue ich mich. Der Trompeter sieht erschöpft aus. Uli spielt alleine vor sich hin, zu der Musik, die er in seinem Kopf hört. Flöte leise, hinten Störgeräusche, edel und schön vorne, Uli sorgt für die Balance. Ausgleich. Kleiner Wirbel mit Wischern. Ui, Uli packt auch seine Flöte aus. Blaurot ist die, UFO-Geräusche wie vom Prater. Ich muss lachen. Puschnig nicht. Der am Kontrabass könnte mehr spielen, finde ich, er hat nur ein längeres Solo. Der Klavierspieler klingt wie ein Bassist, spielt nur tiefe Töne. Wasserflecken, Schattenbilder, verwischte alte Gemälde an den Wänden.
uli_soyka_foto_bettina_frenzel2.jpgDrau&szligen vor den Fenstern stehen migrantische Kids an der Bushaltestelle, machen Fotos mit ihren Handys, blitzen herein. Der Mann am Kontrabass werkt vor sich hin. Uli Soyka wäre vom Temperament her kein dekorativer Schlagzeuger, es klingt eher nach Ausprobieren. Endlich entscheidet er sich für Stecken mit gro&szligen Gummiköpfen, ein Mittelding zwischen den harten Holzstecken und den sanften Wisch-Besen. Kreisch. Das »Gekreische«-Lied hei&szligt »Weather Exchange im Krastal« – die Kärntner wissen Bescheid, Steinbildhauer und wei&szliger Marmor. »From here to eternity« nennt sich das nächste Stück vom Kontrabassisten Karl Sayer, das ist gefälliger und klarer von der Struktur her. Puschnig wiegt sich vor und zurück, 1, 2, 3 und die 4 etwas verspätet – bissl funky. Am besten gefällt mir, wenn Uli stur vor sich hin werkt, keine Zeit für Dekos hat. Er spielt wie ein Kärntner Schlagzeug und das meine ich als Kompliment – stur und eigen, mit Humor, aber doch in Opposition. Der Trompeter lächelt, es ist nicht seine Komposition, Puschnig bläst brav. Uli hat noch immer zu wenig Zeit für Dekos, hey. Den Kontrabass sollte man mehr hören und das Klavier sollte in dem Fall den Kontrabassisten Karl Sayer, der elegant wie ein Franzose aussieht, stützen und nicht umgekehrt. Aber der junge Pianist ist das erste Mal dabei. Kontrabasssolo zu Beginn einer Nummer, urschön – oben auf dem Kontrabass schimmert perlmuttfarben sein gebogener Abschluss. Klavier fragend, erstmals vorsichtig lauschend. Feierlich setzen Sax und Trompete ein. Uli überlegt schon wieder, welche Stecken er nehmen soll. Wie kann ein Mann mit Wischern glücklich sein?! Das bisschen Pathetische der Bläser muss man vielleicht wegwischen, denn im Leben ist es auch nicht so: gro&szligartig und strahlend und voller Zwischentöne – sondern manchmal kotzig, schrill, kreischend im Café Kreuzberg knapp unter dem vierspurigen Gürtel, auf dem keine Prostituierte mehr stehen wie noch vor ein paar Jahren. Wegrationalisiert? In den Prater verschoben, wo diese Band auch einmal spielen sollte. Am Ende der letzten Nummer schwenkt Uli eine winzige grüne Fahne über seinen Trommeln. Die »er ergibt sich Fahne« scherze ich. Applaus, Zugabe. Puschnig hat ein Tattoo innen auf dem Arm, links. Der Klavierspieler darf schon wieder wischen, verwischen. Eindeutig ein Scherzkeks. Puschnig flirtet mit dem Bassspieler, der immer schneller spielen muss. Der Trompeter schaut plötzlich aus wie ein rothaariger Ire. »Der Tanz, den Thelonius Monk vollführte, war selbsterfunden und nur von ihm ausführbar. Wenn er sein Solo zu Ende gespielt hatte, tat er das, was man ??stroll?? nennt: er setzte mit den Begleitakkorden aus. Anstelle dessen erhob er sich vom Klavier und begann zu tanzen; bog sich, knickte ein, wirbelte herum, drehte sich um die eigene Achse und stampfte mit den Fü&szligen … «.
Nach dem Konzert erzählt Puschnig von seiner ersten Kärntner Underground Band Sokrates. »Spartakus«, scherze ich, »die Spartakisten«, um mich zu revanchieren, dass ich für eine Rockerin gehalten wurde. Puschnig will sogar mein Baujahr wissen, um mich musikalisch einschätzen zu können. Ich rette mich und erzähle von meiner ersten Begegnung mit Live-Jazz beim Jazzfestival in Velden – hinter hohen wei&szligen Segeltuch-Wänden. Mein Vater wollte, dass unsere Familie geschlossen über die Einsperrung klettert, um den Eintritt zu sparen. Jazz ist schon etwas Exklusives irgendwie.

»Ich schlug Tetrakkordtechniken sowie pentatonische und diatonische Skalen vor, und schon bald spielte Coltrane über all das Arpeggien. Er studierte auch modale und semitonale Skalen, Orgelpunkt-Cluster sowie Harmonik aus der Melodielinie, ohne Zuhilfenahme einer Akkordstruktur. « (Dennis Sandole)

Café Kreuzberg, 12. April 2012, »Songs & Beauties«, in der Konzertreihe von PAN TAU – X „musik – hautnah“, Label für Jazz und improvisierte Musik

Alle Zitate: J. C. Thomas »Chasin‘ The Trane. Musik und Mystik von John Coltrane«, Doubleday & Company, New York 1975