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This is the Funeral of my Love

Der Vorzeichenbarometer schlug im Fall dieser von der Vienna-Songwriting-Association organisierten Nacht weit in den Plusbereich aus. Viele Schwerenöter harrten seit der im September verlautbarten Ankündigung des Auftritts von FTW und praktizierten womöglich im geheimen einen »Nur noch x mal schlafen Countdown«. Und die Offenbarungserwartungen wurden nicht enttäuscht. Ein wenig mühsam gestaltete sich allerdings manchmal das immerhin gleich drei Songrwriting-Acts umfassende »Vorprogramm«. Barbez langweilten eher mit einer nur unzureichend definierbaren Artrock-Performance, Daniel Mölksmith (auch Mitveranstalter) gab eben Daniel Mölksmith, und dass das nicht immer nur mitreißend ist, weiß der passionierte Konzertbesucher schon von anderen Gelegenheiten. Aber immerhin: eine Aufwärtstendenz ist festzustellen!

Die angenehme Überraschung des Support-Triples war der Brite James Harries, der noch bei seinem »Treffpunkt Kultur«-Auftritt am Montag davor heftige Gähnreflexe auslöste, was an der fast schon dienstäglichen Sendezeit gelegen haben mag. Auf der Porgy-Bühne präsentierte sich Harries intensiv und konzentriert, stimmlich an Rufus Wainwright angelehnt, in bester Form. Ein unerwartetes Highlight also schon bevor die designierten Helden dieser Nacht die ominösen Bretter enterten.

Gänsehaut und Tränendrüse

FTW zitierte eine valiumgeschwängerte Stimme von der eingespielten Mini-Disc und der in punkto Fashion-Style (wie übrigens nicht wenige britische Acts) zumindest diskussionswürdig auftretende Fünfer-Ohne startete mit »Popstar Research Oblivion«. Fast schon ein Verbrechen (oder wie man’s nimmt: tollkühn) dieses eine der allesamt großartigen besten Stücke von »Bluffer’s Guide to the Flight Deck« der Neigungsgruppe »Weinen nach Noten« als Appetithäppchen vorzuwerfen. Wie auch immer – bei aller sich umgehend eingestellten Glückseligkeit irritierte ein Mangel an Dezibel die geneigte Ohrmuschel. War sich in der Fülle der Soundchecks ein solcher für FTW nicht mehr rechtzeitig ausgegangen? Bei der FM4-»Im Sumpf«-Übertragung Tage später präsentierte sich die Show in transparenterem, direkt über das Mischpult aufgenommenem Klang. Man musste kein exzentrischer Klangfetischist sein, um diesen Soundbrei in Richtung suboptimale Chancenverwertung zu interpretieren. Leider nahezu Eins zu Eins »rangen« sich FTW in der folgenden Stunde durch die mit Jahrhundert-Melodien nur so überfrachteten Miniopern von »Bluffer’s Guide to the Flight Deck«, die scheinbar – vergleichbar etwa mit dem ??uvre der Flaming Lips – live doch eher wenig Improvisationsspielraum lassen. Es ist eine besondere Nuance der bittersüßen Melancholie, die nicht mit echter abgründiger Traurigkeit verwechselt werden soll, die FTW unvergleichbar transportieren können. Eine Sorte artifizieller Traurigkeit, die im besten Fall – Angriff ist die beste Verteidigung – vor tatsächlich drohenden seelischen Abgründen schützen kann. Schmerzprävention – ja bitte!

Doch auch diese mit kaum Spontaneität gespickte Operation am offenen Herzen war mehr als genug für die mit jeder Menge Vorschusslorbeeren im Rucksack angereiste Neigungsgruppe. Wer bei dieser Performance ob der eigenen emotionaler Ergriffenheit nicht ein, zwei mal eine Träne zerdrückend verlegen zu Boden blicken musste, muss ein Panzertier sein.

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Text
Stefan Koroschetz

Veröffentlichung
03.12.2005

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