© Albert Baez/Alamode Film
© Albert Baez/Alamode Film

Subjektiv und ungeschönt

In »Joan Baez. I am a Noise« gibt die Queen of Folk offene Einblicke in ihr Leben voller Höhen und Tiefen.

Als lebende Folklegende, als Ikone des amerikanischen Civil Rights Movement, als Musiksuperstar wird Joan Baez bezeichnet. Die heute 83-jährige Musikerin und ehemalige Politaktivistin kann auf eine über 60 Jahre andauernde Karriere zurückblicken – das tut sie in der Kinodoku »Joan Baez. I am a Noise« von Miri Navasky, Karen O’Connor und Maeve O’Boyle, subjektiv zwar, aber ungeschönt. Die Höhen und Tiefen eines Musikerinnenlebens, die heftigen emotionalen Aufs und Abs, unter denen Baez seit ihrer Teenagerzeit leidet, familiäre Verstrickungen und Belastungen, Begegnungen mit oft berühmten Zeitgenoss*innen und natürlich viel Musik sind Themen des Films. 

Aus dem Archiv der Eltern

Ein dokumentarisches Filmporträt über VIPs (Baez ist tatsächlich eine very important person, nicht bloß ein Promi) läuft Gefahr, reine Huldigung oder Musiknummernrevue zu sein oder ein Talking-Heads-Picture, wo andere Bekanntheiten über die porträtierte Person schwadronieren. »I am a Noise« ist das glücklicherweise nicht. Zwar fehlt es nicht an live performten Songs, oft in historischen Aufnahmen seit den 1950ern, und das Filmteam begleitete Joan Baez bei ihrer »Fare Thee Well Tour« – das dient allerdings nicht nur der Auflockerung, sondern demonstriert spezielle Momente in Baez’ Leben und auch wie sich etwa ihre Stimme entwickelt hat.

© Matt Heron/Alamode Film

Im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht tatsächlich Joan Baez als Person, die über sich Auskunft gibt und das sehr offen. Das ist klarerweise sehr subjektiv. Joan Baez spricht selbst darüber, dass Erinnerung trügen kann, sich verändert, dass verschiedene Menschen ein und dasselbe Ereignis unterschiedlich wahrnehmen und erinnern oder auch vergessen. Zu Baez’ eigenen Aussagen kommen alle möglichen Dokumente, viele davon aus dem Archiv ihrer Eltern: Fotos, Briefe, Tagebücher, Super-8-Filme, Audiokassetten. Die Filmemacherinnen hatten freien Zugang zu diesem Archiv und durften verwenden, was sie für wichtig und richtig hielten. Ermöglicht wurde dies wohl vor allem dadurch, dass Karen O’Connor lange mit Joan Baez befreundet ist, das schafft Vertrauen. Außerdem wurde der Film unabhängig produziert (eine der ausführenden Produzent*innen ist übrigens Patti Smith), so hatten weder Studiobosse noch betuchte Geldgeber*innen die Möglichkeit, sich einzumischen oder Wünsche zu äußern.

Ein bisschen Homestory

Mit dem Song »Freedom« bei einem Auftritt in den 1960er-Jahren beginnt der Film. Dann hören wir die Stimme der heutigen Joan Baez aus dem Off und lernen ihr Zuhause mit Garten und Pool in Kalifornien kennen, wir sehen sie beim Stimmtraining, beim Workout, beim Spazieren mit ihrem Hund – ein bisschen Homestory ist »I am a Noise« auch. Baez’ Lebensgeschichte mutet oberflächlich betrachtet märchenhaft an: Als mittlere von drei Schwestern in einer liebevollen und musikliebenden Familie aufgewachsen, hat sie, noch nicht 20 Jahre alt, ihren Durchbruch als Folksängerin, wird im Lauf der 1960er-Jahre weltberühmt als Musikerin wie als Ikone der Bürgerrechts- und Antikriegs-Bewegung, abgesehen von einem Knick in der 1980ern hat sie durchgehend Erfolge. 

© Alamode Film

Tatsächlich ist sie seit ihrer Jugend starken Stimmungsschwankungen unterworfen und vor allem in ihren ersten Bühnenjahren hat sie extremes Lampenfieber, Selbstüberschätzung und Selbstzweifel wechseln sich ab, Liebesbeziehungen sind äußerst intensiv, aber von kurzer Dauer. Heute sagt Joan Baez von sich, dass sie unfähig zu intimen Zweierbeziehungen sei, aber eine wunderbare intime Beziehung mit 4.000 Leuten auf einem Konzert haben könne. Verheiratet war sie ein einziges Mal, und zwar mit dem Journalisten und Anti-Vietnamkriegs-Aktivisten David Harris. Aus dieser Beziehung stammt Sohn Gabriel, der ebenfalls Musiker ist und seine Mutter als Percussionist des Öfteren bei Konzerten begleitet. Mutter und Sohn haben keine friktionsfreie Geschichte miteinander. Sie selbst habe sich damals als perfekte Mutter gesehen, tatsächlich hatte sie sehr wenig Zeit für ihr Kind, »I was busy saving the world«, sagt sie selbstkritisch rückblickend.

Ein Leben in Bildern

Mit kritischem Blick und Selbstironie betrachtet Baez im Alter viele Stationen und Aktionen ihres Lebens. Ihr Album »Blowin’ Away« (1977) sei wahrscheinlich »one oft he worst covers ever«, meint sie. Abgebildet ist sie darauf in lächerlicher Verkleidung und Pose. Damals habe sie das witzig gefunden, aber da sei sie drogenkonsumbedingt neben sich gestanden. Baez überwand die Tablettensucht. Darüber spricht sie ganz offen, auch über ihre langjährige Psychotherapie, die Missbrauch in ihrer Kindheit aufdeckte. Was wirklich geschah, ist ihr unklar. Einen wichtigen Part in der Aufarbeitung und Heilung des Traumas spielen Zeichnungen, in denen Baez ihre Gefühle und dunklen Erinnerungen visualisiert. Gezeichnet hat sie immer schon, sehr viel und auch sehr gut. Im Film sind diese Bilder aus ihren Tagebüchern und einige, die während der Therapien entstanden, nicht nur zu sehen, sondern auch zu animierten Miniclips ausgearbeitet worden. 

© Daniel Kramer/Alamode Film

In Joan Baez Leben und somit auch in ihrer Filmbiografie spielte Bob Dylan eine wichtige Rolle. Baez war bereits ein Star, als sie ihn kennenlernte und förderte. Eine Zeit lang waren sie wohl etwas, das heutzutage als Power Couple bezeichnet wird. Sie beeinflussten sich gegenseitig, prägten einander nachhaltig. Während seiner legendären Großbritannien-Tour 1965 kam es zum Bruch zwischen den beiden. Dylan machte sie lächerlich, ließ sie links liegen und schließlich fallen. »It was a nightmare», erinnert sich Baez und konstatiert »he broke my heart«. Irgendwann konnte sie auch Dylan verzeihen – »we were just kids«. »I am not a saint, I am a noise« stellte Joan Baez in ihrer Jugend, als sie die ersten Schritte Richtung Berufsmusikerin macht, fest. Der Heiligsprechung ist sie durch die Aufnahmen in die Rock & Roll Hall of Fame 2017 ein bisschen näher gerückt. Der Lärm, der sie ist, ist hörbar, wenn auch mit weniger Dezibel.

Link: https://polyfilm.at/film/joan-baez-i-am-noise/

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