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Soldatenleben nach Hollywood-Script

Die aktuelle Verfilmung von Erich Maria Remarques Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« entfernt sich stilistisch wie inhaltlich von der Intention der Vorlage und gerät damit mehr zum Actiondrama als zum Antikriegsfilm.

Die Neuverfilmung »Im Westen nichts Neues« von Regisseur Edward Berger gibt es jetzt auch auf Netflix. Es ist die dritte Verfilmung von Erich Maria Remarques klassischem Antikriegsroman über den Ersten Weltkrieg. Lewis Milestone verfilmte das Buch bereits 1930. Ein bahnbrechender Film voller großartiger Regieeinfälle. Für die damaligen Zuschauer*innen ein Schock. So schonungslos und schrecklich hatte noch keiner den Krieg dargestellt. Dass das Buch in den USA mit amerikanischen Schauspieler*innen verfilmt worden war und die Zuschauer*innen sich mit den deutschen Protagonist*innen identifizierten, erhöhte die pazifistische Botschaft um ein Vielfaches.

Die zweite Verfilmung aus dem Jahr 1979 wurde vor allem von der Aura ihres Hauptdarstellers Richard Thomas getragen. Der hatte zuvor den empfindsamen John Boy in der Serie »Die Waltons« gespielt. Und genau der wurde jetzt auf die grausamen Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges geführt. Der Film hält dem Vergleich mit dem Klassiker von 1930 durchaus stand. Aber gibt es so etwas wie Antikriegsfilme überhaupt? Die erste Verfilmung von »Im Westen nichts Neues« ist ein Antikriegsfilm. Allerdings haben sich die Zuschauer*innen seit 1930 verändert. Die Tarantino-isierung des Actionkinos hat sie abgestumpft. Es gibt nichts mehr zum Thema Gewalt, was die Zuschauer*innen nicht schon in einer Actionkomödie gesehen hätten. Lässige Helden blasen ihren Gegnern die Gehirne aus dem Kopf, dass es an die Wand spritzt. Und dann gibts noch einen schönen Oneliner dazu.

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Actiondrama statt Antikriegsfilm

Einer der am besten konstruierten (Anti-)Kriegsfilme seit Lewis Milestones »Im Westen nichts Neues« ist wahrscheinlich »Full Metal Jacket«. Ein Film, der genauso aufgebaut ist wie Erich Maria Remarques Roman. Individuelle junge Männer kommen zum Militär, werden kahlgeschoren, bekommen eine Uniform, werden durch die zynische Ausbildung entindividualisiert und gedrillt, kommen nach Vietnam, wo sie es zum ersten Male in ihrem Leben mit Frauen zu tun haben, werden mit den Schrecken des Krieges konfrontiert und müssen am Ende erkennen, dass ein einziges Kind mit einer Waffe genügt, um sie umzubringen. Aber wie ist dieser Film wahrgenommen worden? Tausende Jugendliche fanden die »Sir, ja, Sir!« Rufe der Rekruten cool. Die Kampfszenen im Dschungel nahmen sie als Actionszenen wahr. Und das Ende war dann ein bisschen langweilig. Kriegsfilme funktionieren mit heutigen Zuschauer*innen nicht mehr. Sie sehen ein Kriegsactiondrama.

Genau das ist die Neuverfilmung von »Im Westen nichts Neues«. Ein perfektes Actiondrama, das aussieht, als wäre es in Hollywood gemacht worden. Computeranimationen und Splattereffekte, eine nahe am Zuschauer*innenohr angedockte Tonspur und ein bisschen Suspense. Der Film ist hervorragend ausgestattet und gefilmt. Die Schauspieler*innen zeigen Oscar-reife Leistungen. Vom Roman Remarques sind nur noch ein paar ikonische Szenen übrig, etwa die Todesszene des Frontschweines Kat (»Das hättest du dir sparen können, der ist tot!«). Die Ausbildung der jungen Soldaten durch den sadistischen Unteroffizier Himmelstoß fehlt komplett. Stattdessen wurde eine Storyline rund um den Politiker Matthias Erzberger hinzugefügt. Keine schlechte Idee eigentlich, ginge es dabei nicht um reine Effekthascherei. Die Zuschauer*innen sollen mitfiebern: Wird es Erzberger gelingen, rechtzeitig einen Waffenstillstand auszuhandeln, bevor der Held Paul Bäumer stirbt? Und natürlich stirbt Paul Bäumer exakt in dem Moment, in dem der Waffenstillstand in Kraft tritt. Und er stirbt nicht den gnädigen und stillen Tod der Film-Bäumers aus den beiden vorangegangenen Filmen, er stirbt brutal und langsam im Schlachtengetümmel.

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Ästhetisierung des Unzeigbaren

Warum dieser Film? Wozu? All die Klischees, die der Film auf hohem Niveau aufwärmt, haben wir zuletzt in »The Kings Man: The Beginning« gesehen, oder in »1917«. Remarques Anliegen werden die Filmbilder zu keiner Sekunde gerecht. Wenn sich die Leuchtkugeln an der nächtlichen Front matt in den Stahlhelmen der deutschen Soldaten spiegeln, dann sehen wir den Krieg eher durch das kalt beobachtende Auge Ernst Jüngers. Wir sehen die Front zucken wie ein »Stahlgewitter«, während die Soldaten als anonyme Masse auf sie zumarschieren. Jede Grausamkeit wird uns im kleinsten Detail gezeigt und wir schauen hin. Filme dieser Art sind überflüssig und wirkungslos. Sie faszinieren eher, als das sie schockieren. Sie ästhetisieren das Unzeigbare. Paul Bäumer wird am Ende erlöst. Er muss nicht mit all dem Grauen weiterleben.

Immerhin hat Regisseur Edward Berger sich »Komm und sieh« sehr genau angeschaut. Das ist vielleicht der einzige Film seit »Im Westen nichts Neues« aus 1930, der als echter Antikriegsfilm durchgeht. Er begleitet den jungen Protagonisten Fljora im Kriegsjahr 1943. Der erlebt das absolute Grauen des Vernichtungskrieges. Und das alles sehen die Zuschauer*innen in seinem Gesicht. Innerhalb der kurzen Zeit im Film verwandelt sich der neugierige Jugendliche in einen von Angst und Entsetzen entstellten, graugesichtigen Greis. Und genau das tut Berger auch mit seiner Hauptperson Paul Bäumer, der von Felix Kammerer hervorragend gespielt wird. Aber die Hauptpersonen bleiben den Zuschauer*innen fremd. Man erfährt kaum etwas über sie. Nicht einmal über Paul Bäumer. Und wenn sie sterben, und sie sterben grausam, erreicht das die Zuschauer*innen emotional nicht so sehr wie in den alten Filmen.

Filme über den Krieg funktionieren eigentlich nur noch dann, wenn sie zeigen, was der Krieg mit den Menschen macht. So wie » Geboren am 4. Juli« oder »Coming home«. Und vielleicht auch Jean-Pierre Jeunets »Mathilde – eine große Liebe«, der Frontszenen und das Danach parallel montiert. Was macht das Grauen aus denen, die dabei waren, wie kann man danach weiterleben? Was bedeutet das für die Menschen, die nicht dabei waren? Was bedeutet es für eine ganze Gesellschaft? Die Neuverfilmung von im »Westen nichts Neues« ist ein gut gemachter Historienschinken, ähnlich wie »Unsere Mütter, unsere Väter« oder »Der Untergang«. Mehr nicht. Aber keinesfalls ist es ein Film, der die Welt besser macht, mahnt oder gar stilbildend ist.

Link: https://www.imwestennichtsneues.net/