screenshot: YouTube

Shoegaze-Vorläufer im süßen Feedback-Lärm

Die Noise-Rock-Koryphäen The Jesus and Mary Chain haben heuer ein neues Album veröffentlicht und spielen am 14. Oktober in der Wiener Ottakringer Brauerei.

Viele dieser Bands, die über Dekaden hinweg gemeinhin als »cool« gelten, hatten den Grundstein für ihren Status bereits gelegt, bevor die Karriere überhaupt richtig losging. So auch The Jesus and Mary Chain aus dem westschottischen East Kilbride, deren Geschichte man sich so erzählt: Die Brüder Jim und William Reid waren Anfang und Mitte 20, gelangweilt und arbeitslos. Man schrieb das Jahr 1983, die große Punk- bzw. Post Punk-Welle war abgeflacht und Großbritannien suchte die nächsten Sex Pistols. Jim und William fanden sich selbst geil genug, diese Rolle auszufüllen. Auf die gerade angesagten elektronischen Synthie-Klänge hatten die beiden keine Lust; ein grober Sound musste her und entsprechend ein grobes Image. Nachdem sie mit ihren ersten Demotapes keinen Anklang fanden, entwickelten sie eine etwas unkonventionellere Idee, um bekannt zu werden. Gemeinsam mit Douglas Hart (dessen Bass wahlweise bloß zwei oder drei Saiten hatte) und Murray Dalglish (an einem Schlagzeug, das meist nur aus zwei Drums bestand) kaperten Jim (Gesang) und William (Gitarre) kleinere Clubkonzerte in Glasgow, indem sie sich eigenmächtig als Supportband auf die Bühne hievten. Dies ging solange gut, bis die Veranstalter die Gesichter der Jungs kannten und ihre Guerilla-Auftritte unterbanden. Die Band hatte sich nun aber immerhin einen Namen in der schottischen Punkszene gemacht.

Glasgow-London
Der nächste logische Schritt war der Versuch in London Fuß zu fassen. Man hielt dort an der Alles-oder-nichts-Attitüde fest: Die Konzerte dauerten in der Regel nicht länger als 15 Minuten, in denen die mit Amphetaminen vollgepumpten The Jesus and Mary Chain mit dem Rücken zum Publikum einen gewaltigen Teppich aus Gitarrengeschrammel, gemischt mit Rückkopplungen und Störgeräuschen produzierten – ein Klang, der sie in weiterentwickelter Form später als Koryphäen des Noise-Rock hervorbringen sollte. Daneben war es für die Reid-Brüder Usus, die anwesende Presse zu beschimpfen und das Publikum auf meist nicht minder derbe Weise anzustacheln. Die Gigs endeten nicht selten in Zerstörungswut – sowohl seitens der Band als auch seitens der Fans -, viele Konzerte wurden präventiv gecancelled, weil die Veranstalter Ausschreitungen fürchteten. Letztlich schafften es The Jesus and Mary Chain gerade deshalb in die Schlagzeilen.

»Psychocandy«
Ein Jahr später, genauer gesagt im November 1985, folgte auf Blanco y Negro Records das Debütalbum »Psychocandy« – heute ein Klassiker und damals Anstoß für eine ganzes Genre: dem sogenannten Shoegaze. The Jesus and Mary Chain wechselten in der Folge oftmals die Besetzung, wobei Jim und William Reid die einzigen Konstanten blieben. Man warf fünf weitere Alben auf den Markt. Mit den 1990ern zügelte die Band sich selbst und auch ihren Sound; nun wurde doch stärker auf Syntheziser-Klänge gesetzt, der raue Drive der Anfangsjahre schien abhanden gekommen. 1998 bedeute der Ausbruch eines lange schwelenden Streits zwischen den Reid-Brüdern schließlich die Auflösung der Band. Der Konflikt wurde standesgemäß bei einem Auftritt in Los Angeles ausgetragen, als Jim volltrunken nicht in der Lage war zu singen und William daraufhin die Bühne verließ.

Comeback
Doch 2007 sollte die Reunion folgen: The Jesus and Mary Chain spielten als Headliner am kalifornischen Coachella-Festival – sicherlich kein schlechtes Geld. Mit an Bord hatten die Reid-Brüder unter anderen zwei Musiker, denen sie durch »Psychocandy« erst den Weg geebnet hatten: Tthe_Jesus_and_Mary_Chain_B_W_1_photo_credit_Steve_Gullick.jpgPhil King, ehemaliger Lush-Bassist, und Laurence Colbert, früher bei Ride am Schlagzeug.
2010 wurde ein Greatest-Hits-Album veröffentlicht und im März 2017 präsentierten The Jesus and Mary Chain tatsächlich neues Material: »Damaged and Joy« (Artificial Plastic Records) schließt natürlich kaum an die Noise-Exzesse der Anfangsjahre an, ganz so seicht wie die letzten Werke vor der Trennung 1998 kommt das Album allerdings auch nicht daher. Vielmehr konzentrieren sich The Jesus and Mary Chain auf ein bewährtes Muster an mittelschnellen Popmelodien, robusten Gitarrenriffs mit etwas Hall und etwas Krach und der süß-säuerlichen Stimme von Jim Reid. Auf den kommenden Gigs soll zusätzlich neues Material vorgestellt werden. Wenn die Reids nicht an den Ottakringer Braukesseln kleben bleiben, kann man davon bald einen Eindruck gewinnen.

The Jesus and Mary Chain live:

12. 10. Astra Kulturhaus, Berlin
13. 10. Lucerna Music Bar, Prag
14. 10. Ottakringer Brauerei, Wien