»The Day After Iʼm Gone« © Spiro Films, Cinema Group, United King Films

Shalom, Oida!

Am 30. April 2019 wurde die 27. Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals Wiens im Urania Kino mit einem großen Fest und viel gespannter cineastischer Erwartung eröffnet. Der Eröffnungsfilm »The Day After I’m Gone« des israelischen Regisseurs Nimrod Eldar gibt ein bedeutendes Bild von der Vielschichtigkeit des Festivals.

»Es ist die kleine Welt, die mit der größeren verflochten ist«, sagte der Journalist Christian Schüller bei seiner Rede zur Eröffnung des in diesem Jahr zum 27. Mal stattfindenden Jüdischen Filmfestivals Wien, das von 30. April bis 15. Mai 2019 abwechselnd im Votivkino und im Metro Kino abgehalten wird. Es ist ein Satz, der zwar ganz konkret auf den diesjährigen Eröffnungsfilm »The Day After I’m Gone« von Nimrod Elmar bezogen ist, der aber dennoch eine gewisse allgemeine Gültigkeit in Bezug auf das Festival selbst in sich trägt. Es liegt nicht nur an der schon langen Tradition des Festivals, sondern ebenso an der Verflochtenheit des jüdischen Films mit Wien, durch die dem Jüdischen Filmfestival Wien immer noch ganz besondere Präsenz in der österreichischen Filmwelt zukommt. Die kleine Welt des Jüdischen Filmfestivals, mit ihrem Zentrum Wien, ist mit dem internationalen Außen verbunden. Die Aktualität des Alten ist mit der Bestimmtheit des neuen jüdischen Films verbunden. Der »kleine« Spielfilm, der aus dem Zentrum der Familie heraus seine Geschichte erzählt, ist verbunden mit der »großen« politischen Dokumentation, die aufklärt, was nicht mehr aufzuklären sein sollte. Das Jüdische Filmfestival Wien erzählt eine Geschichte, die sehr viele Dimensionen umfasst, und enttäuscht auch in diesem Jahr nicht mit seinem vielfältigen Programm.

Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Wien 2019 © Nathan Spasić

The Day After I’m Gone
»The Day After I’m Gone«, das Regiedebüt des israelischen Regisseurs Nimrod Eldar, ist mehr ein Stimmungsbild als eine Erzählung. Klarerweise gibt es eine Geschichte. Doch egal, wie man versucht, diese Geschichte zu interpretieren, es ist die Stimmung des Films, die danach hauptsächlich in einem räsoniert. Yoram (Zohar Meidan) ist Veterinärmediziner und lebt nach dem Tod seiner Frau allein mit seiner 17-jährigen Tochter Roni (Menashe Noy) in Tel-Aviv. Wirklich explizit wird die Beziehung der beiden nicht erklärt, vielmehr manifestiert sie sich in der Stille, die sie miteinander zu ertragen haben. In den ersten zehn Minuten passiert allerdings, was den ganzen späteren Film prägen wird: Ohne aufwendig dramaturgisch zu intervenieren, inszeniert Eldar den Suizidversuch der Tochter, der die Schweigebalance von Vater und Tochter aus dem Gleichgewicht bringt. Aus einem Interventionsversuch des Vaters heraus verbringen die beiden kurz darauf ein Wochenende bei der Familie der Mutter, was wie ein verzweifelter und doch stummer Hilferuf Yorams wirkt. »What do you want from me?«, ist der Untertitel, der im einzigen Moment aufscheint, in dem Yarom sich aus seinem Schweigen begibt.

Das, was den Film wirklich auszeichnet, ist, dass er nicht versucht, zwingend etwas zu erzählen oder Dinge anzudeuten. Der sehr exzentrische Schwiegervater Yorams etwa, der die »aufwiegelndste« Figur in dem Film darstellt, ist nun einfach wütend, weil die regionale Fabrik aufgekauft wurde und seine Stadt in Arbeitslosigkeit zu versinken droht. Und dabei haben sein Charakter und seine Rolle trotzdem keine irgendwie politisch postulierende Funktion. Die zentrale Figur bleibt Yoram und das zentrale Thema die Beziehung zu Roni. Alles, was in dem Film an Hintergrundkontext aufkommt, ist da, weil es halt einfach da ist. Nicht mehr und nicht weniger. Und eben das ist es, was dem Film auch seinen besonderen Reiz gibt: Er »will« nichts. Er zeigt, was ist, und nach dem Suizidversuch ist da nicht viel mehr als Stille und Beklommenheit. Also was soll man als Zuschauer*in erwarten? Prinzipiell nur das, was auch für das Festival gilt: Im Kleinen steckt das Große. Nimrod Eldar, der zusammen mit der Hauptdarstellerin Menashe Noy als Gast zur Eröffnung eingeladen war, antwortet zu einer Frage aus dem Publikum: »These are no metaphors«. Eldar erklärt vielmehr, wie der Film – banal gesagt – nur die Geschichte eines Vaters ist, dessen Trauer in seiner Tochter reflektiert wird. »Am Anfang ist die Familie«, wie Schüller zuvor sagte. Alles andere kommt danach.

Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Wien 2019 © Nathan Spasić

Programm und Ausblick
Wer nun Lust bekommen hat, »The Day After I’m Gone« anzuschauen: Der Film läuft tatsächlich noch ein zweites Mal, am 15. April 2019, im Metro Kino. Daneben reihen sich im diesjährigen Programm allerdings noch einige andere internationale Spielfilme, wie etwa »Skin« von Guy Nativ über den amerikanischen Neonazi-Aussteiger Bryon Widner oder »Fig Tree« von Aalam-Warque Davidian, der die Coming-of-age-Story einer Jüdin im zerstörten Äthiopien von 1989 erzählt. Unter anderem sind diese beiden wie auch der Eröffnungsfilm für den Audience Award des Jüdischen Filmfestivals Wien nominiert. Außerdem gibt es aber auch in diesem Jahr einige sehr spannende Dokumentarfilme, von denen ich aus eigenem journalistischem Interesse auf zwei besonders hinweisen will: einerseits »Zwischen allen Stühlen«, eine Dokumentation über den Journalisten Karl Pfeifer, andererseits der Film »Joseph Pulitzer: Voice of the People«. Ansonsten gibt es im diesjährigen Programm auch etwas für alle, die lieber alte »Mainstream«-Klassiker einmal in einem völlig anderen Kontext betrachten wollen. So wird etwa »Dirty Dancing« am Samstag im Votivkino gezeigt. Und alle, die trotzdem noch das Gefühl haben, dass das Programm des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals Wien für sie zu wenig Auswahl bietet, denen kann gemäß des heurigen Festivalslogans eigentlich nur mehr gesagt werden: Oida?!

Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Wien 2019 © Nathan Spasić

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