»Fuchs im Bau« © Golden Girls Film

Schule im Jugendstrafvollzug: Risiko und Chance

Arman T. Riahis Film »Fuchs im Bau« spielt in einer Schule für jugendliche Straftäter*innen. Die Lehrkräfte Elisabeth Berger und Hannes Fuchs erschüttern mit unkonventionellen Unterrichtsmethoden das hierarchische Gefängnissystem. Ein skug-Gespräch mit dem Regisseur und zwei zentralen Protagonist*innen.

Die neue Arbeitsstelle des Mittelschullehrers Hannes Fuchs in Arman T. Riahis Diagonale-21-Eröffnungsfilm »Fuchs im Bau« ist ungewöhnlich: eine Schule in einer Haftanstalt. In dieser trifft er auf die dort schon seit Langem tätige Lehrerin Elisabeth Berger. Maria Hofstätter scheint diese Rolle wie auf den Leib geschrieben, gilt es doch, das für Haftinsassen einschränkende System zumindest während des Unterrichts zu überwinden und dem Leben trotz Eingesperrtseins Sinn zu geben. Das Verhältnis der beiden Lehrenden entwickelt sich von anfänglicher Konkurrenz zu Solidarität. Fuchs beginnt sich im Bau »wohl« zu fühlen. skug hatte bei der Diagonale 21 die Gelegenheit, Regisseur Arman T. Riahi, den Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und die Schauspielerin Luna Jordan zu interviewen.

skug: Warum stand der Jugendstrafvollzug im Fokus bei diesem Film? Es geht um eine Lehrerin, die einen neuen Lehrer an die Seite gestellt bekommt, und etliche Jugendliche, Insassen, die in dieser Geschichte wichtige Rollen spielen. Könnt ihr etwas sagen zum Jugendstrafvollzug und warum das ein so wichtiger, im Fokus stehender Raum war, in dem ihr den Film angelegt habt?
Arman T. Riahi: Begonnen hat es vor zwölf Jahren mit meinem ersten Besuch in der Justizanstalt Josefstadt, wo ich an die Gefängnisschule weitervermittelt wurde und total überrascht war, dass es im Gefängnis überhaupt eine Schule gibt. Aber wir haben in Österreich die Schulpflicht, das heißt, es war eigentlich klar. Und dort habe ich dann eine sehr beeindruckende Lehrerpersönlichkeit kennengelernt: Wolfgang Riebniger. Die Schule im Gefängnis hat es mir von Anfang an sehr angetan, weil eben Bildung unter erschwerten Bedingungen ein total spannendes Thema ist. Ein gesamtpolitisches Ziel hat der Film natürlich nicht gehabt, aber Stück für Stück haben sich durch die Recherche sehr viele Dinge offenbart: Erstens einmal die Schwächen des Jugendstrafvollzugs, die der Film auch auf eine gewisse Art und Weise kritisiert. Die Ohnmacht der jugendlichen Häftlinge, die sich wirklich in einem sehr pubertären Alter befinden und – meiner Meinung nach – hinter Gittern am falschen Ort sind, weil sie nicht – vor allem in Untersuchungshaft – die Möglichkeit bekommen, sich physisch auszutoben. Dadurch natürlich auf Sozialarbeiter angewiesen sind, die ihnen eine Hoffnung geben, und in diesem Fall auch Pädagogen, die ihnen in der Gefängnisschule eine Alternative bieten können, wie auch immer die aussieht. Im Fall von Wolfgang Riebiger war die sehr breit gefächert: über paradoxe Intervention bis hin zu Malunterricht und Exkursionen in die Küche zum Apfelstrudelbacken. Für mich war das sehr inspirierend und ich hab’ dann begonnen, auf seinen Erfahrungen oder seinem Leben in der Gefängnisschule und dem, was ich damals mitbekommen habe, in den letzten zwei Jahren seiner Tätigkeit als Justizanstaltsgefängnislehrer, diese Geschichte zu schreiben.

Wie hat sich die Entwicklung angefühlt, die Herr Fuchs durchläuft?
Aleksandar Petrović: Hoffentlich hat jede Figur eine Entwicklung in dem Buch. Natürlich hat er etwas verlebt; hat er etwas vorher erlebt oder geht mit einer Verletzung in dieses Gefängnis. Oder sagen wir so: Er begibt sich auf die Suche nach etwas, was er verloren hat, und er weiß weder, wo er es findet, noch, was er sucht. Davon bin ich ausgegangen. Er trifft dann auf ganz verschiedene Charaktere. Er trifft nicht nur die Frau Berger, diese Lehrerin. Er trifft diese Jugendlichen. Er trifft Justizwachebeamte. Und dann beginnt seine Reise und seine Suche. Als Schauspieler, als Vorbereitung, versuchst du im Vorfeld, das wie ein Gefäß aufzufüllen mit möglichst vielen Erfahrungen, die dieser Mensch, dieser Charakter vielleicht in seinem Leben gemacht hat. Das Erste war, dass ich drei, vier Monate vorm Drehstart ein Schlagzeug gekauft hab’ und Schlagzeug gespielt hab’ oder probiert hab’, Schlagzeug zu spielen. Mit Philipp Mayer, einem guten Freund von uns, mit dem wir das Trommeln gemeinsam dann entwickelt haben. Das war so ein erster Schritt in dieser ersten Überforderung, die prinzipiell einmal bei jeder Rolle zu empfinden ist. Du weißt ja nicht: Wo fang ich an? Du denkst dir: Was mach ich jetzt eigentlich? Bei mir war’s das Schlagzeugspielen. Dann natürlich die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lehrmethoden bis hin zur Recherche, was Füchse eigentlich so machen in ihrem Leben. Wie gesagt – du versuchst, dieses Gefäß so voll wie möglich zu machen. Du versuchst, ein Puzzle zusammenzulegen, aber weißt am Anfang nicht, wo du nach diesen Teilchen suchen sollst, und manchmal ist es total sinnlos, was du machst. Manchmal ist es ein Lied, das du hörst, und du trägst es ständig mit dir. Und dann natürlich die Auseinandersetzungen mit dem Rahmen, mit dem Buch, mit den Beziehungen. Auf die Beziehungen, auf die du triffst auf dem Weg: Das macht’s ja dann aus. Das sind die Beziehungen; du erzählst ja keine neue Geschichte; du erzählst die Beziehungen, die da entstehen. Und wenn’s da einmal losgeht und du drehst, dann versuchst du, die Erfahrung zu machen. Und hoffentlich gibt’s dann wen, der dir die Rahmenbedingungen schafft und der die Ruhe und die Atmosphäre aufbaut und dir das Vertrauen gibt, dass du das jetzt machst und dass du es erlebst. Und natürlich gelingt das nicht immer, du machst nicht immer die Erfahrung, aber das ist die Suche und wenn’s gelingt, ist es schön und hallt nach. Und es passieren die Sachen, die man so nicht plant, einfach. Das ist das Schönste: wenn dir durch all diese Vorbereitung plötzlich irgendwas passiert und du das Gefühl hast, das warst gar nicht du. Sondern das ist der ganzen Vorarbeit geschuldet.

»Fuchs im Bau« © Golden Girls Film

Um auf dich überzuleiten, Luna Jordan in der Rolle der Samira: Ein ganz wichtiger Moment ist, wo eine Solidarisierung des Lehrers Herrn Fuchs mit Samira stattfindet; dass er sich ihrer annimmt. Die Geschichte und ihre Rolle ist eine vielfältige, komplexe. Wie bist du rangegangen?
Luna Jordan: Ja, es war auf jeden Fall eine Herausforderung. Und ich stand erst mal vor so einem Berg: Wie soll ich da vorgehen? Und dann hab’ ich erstmal Stellen erreicht in Berlin, die intergeschlechtliche Foren sind, wo sich Leute beraten lassen und mit Gleichgesinnten sich austauschen können. Und dann haben sich intergeschlechtliche Leute bereit erklärt, mit mir zu sprechen und sich mir gegenüber zu öffnen. Es hat mir auf jeden Fall sehr geholfen, den Zwiespalt in dem Menschen zu verstehen und diesen ständigen Druck, der da drin ist, weil ich das so nicht kannte. Das hat mir nochmal so eine ganz neue Welt aufgemacht. Ja, genau, auf jeden Fall hat man probiert, da irgendwie ranzugehen, und manchmal war’s auch gut, zum Beispiel die eine Szene mit meiner Mutter, die mich besucht im Gefängnis, und es war so das einzige Bild, das ich nicht vorbereitet hab’, weil ich irgendwie so das innerliche Gefühl hatte, das wird klappen an dem Tag. Das war für mich der krasseste Drehtag in meinem ganzen Leben. Ich war noch nie so emotional mitgenommen. Und ich wusste noch gar nicht, woher das kommt. Das ist erstaunlich; ich hab’ an dem Set so oft gemerkt, dass ich so viele Energien in mir hab’, die ich noch nie vorher gespürt hab’. Das ist ganz absurd und manchmal kann man das gar nicht so erklären, wie man das hergeleitet hat. Hat viel damit zu tun, welche Menschen dich umgeben. Wie viel Platz hast du um dich rum. Wie viel künstlerischen Platz, dass du die Freiheit hast, dich das zu trauen. Vertrauen, loszulassen und zu spielen.

Der Aspekt von Verschiedenheit und Diversity war sicher ein Anliegen. Auch Figuren, die sich durch ihre Unterschiedlichkeit auszeichnen?
ATR: Na ja, nur bedingt. Ich hab’ mich jetzt nicht hingesetzt und mir gedacht, die müssen so unterschiedlich wie möglich sein. Ich war im Gefängnis und hab’ gesehen, was demografische Realität des Jugendstrafvollzugs ist. Nämlich 75 Prozent, über den Daumen gepeilt, haben Migrationshintergrund. Wenige Österreicher. Vielleicht kann man von 80, 85 Prozent reden. Genaue Zahlen habe ich nicht verfolgt. Natürlich gibt es eine hohe Fluktuation in diesen Untersuchungsgefängnissen und in der Klasse, weil manche Kids nur ein paar Tage, andere ein paar Monate da sind. Aber ich wollte in erster Linie ein Gefängnisschulgefüge zusammenstellen, das irgendwie einerseits ungefähr der Realität entspricht und andererseits auch den Parametern eines Filmes gerecht wird, weil manchmal gibt es in der Gefängnisschule nur fünf Schüler. Und das ist langweilig. Ich hab’ dann natürlich schon auch das Ganze dramatisiert, muss man sagen. Aber das ist klar, denn das ist ein fiktionaler Film und kein Dokumentarfilm. Mir war es wichtig, dass ich dem Film als Medium in meiner Interpretation der Wirklichkeit gerecht werden kann.

Der Spielfilm ist ein Drama, aber auch komödiantische Elemente sind dabei. Das war auch Absicht? Wo ein Heraustreten aus dem Gefängnisalltag möglich ist, auch durch die Lehrmethoden.
ATR: Man kann auch ein reines Drama machen aus dem Thema, aber da bin ich nicht der richtige Regisseur dafür. Ich glaube, ein Film, den ich mache, stellt meine Sicht des Lebens dar und wie ich die Welt sehe. Und ich sehe die Welt nicht nur schwarz und düster. Sogar im Gefängnis nicht. Auch da gibt es Lichtblicke und lustige und witzige Situationen. Weil so viel verschiedene Menschen aufeinandertreffen. Unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Herkunft. Nicht nur, weil ich das selbst miterlebt hab’, in der Klasse gesessen bin und gehört hab’, was die Jugendlichen für lustige Sachen sagen manchmal. Und wie sie sich gegenseitig dissen oder angreifen mit Worten. Aber einfach auch, weil ich das Gefühl habe, dass ich das im Drama brauche. Meine Lieblingsdramen haben immer auch Momente, wo ich lachen kann.

»Fuchs im Bau« © Golden Girls Film 

Was war die Überlegung hinter der Titeländerung zu »Fuchs im Bau«?
AP: Wir haben uns an einem Abend mit Faris Rahoma, der auch bei »Die Migrantigen« mitgemacht hat, hingesetzt und es ist gemeinsam entstanden: Du weißt, wenn du den Titel hast.

Seid ihr auch bei vielen Festivals?
ATR: Uraufführung hat der Film in Warschau gehabt. Dann haben wir die deutschsprachige Uraufführung beim Filmfestival Max Ophüls Preis gehabt. Dort, in Saarbrücken, hat er drei Preise gewonnen. Nächste Woche geht es weiter zum Shanghai Filmfestival.

Wie lief die Finanzierung?
ATR: Wir haben das Startstipendium für Filmkunst beim Bundeskanzleramt bekommen. Wenn wir Projekte einreichen: Zuerst bekommen wir ein paar Absagen, aber am Ende haben wir alle überzeugt.

Wie gehst du damit um, wenn du als migrantischer Filmmacher bezeichnet wirst? Wie willst du selbst benannt werden?
ATR: Am liebsten ist es mir, wenn man mich bei meinem Namen nennt, der ist Arman T. Riahi, und einfach sagt, dass ich Filmmacher bin. Das Migrantische als Definitionsmerkmal zu nehmen, macht ja was mit dem Leser. Wenn sich jemand für mich interessiert oder wenn mir jemand die Frage stellt, was zum Beispiel meine Wurzeln sind, was hat meine Familie für Erfahrungen gemacht, dann erzähl’ ich das gerne. Aber ich tendiere selber auch mehr dazu, das erst als zweite oder dritte Frage zu beantworten. In der österreichischen Medienbranche ist es das Erste, das man fragt. Jetzt habe ich irgendwo gelesen: austro-iranischer Regisseur. Und österreichischer Regisseur mit iranischen Wurzeln, wenn man das überhaupt sagen muss, was eigentlich das Korrekteste wäre. Wenn man das mit den iranischen Wurzeln überhaupt erwähnen muss. Es ist in der Medienbranche konzentrierter, dass man ständig für die Leser einordnen und kategorisieren muss. Es ist Angewohnheit, aber ich glaub’, man kann das ja auch ein bisschen ändern. Weiß nicht, ob die Leser sich erschrecken. Arman T. Riahi. Oh Gott. Ich bin ja im Iran geboren, aber Aleksandar ist in Wien geboren, aber trotzdem kommt da immer noch »serbisch-österreichischer Schauspieler«. In unserem Fall muss man sagen: Wir sind schon Wiener und wurden gesegnet durch eine zweite Kultur. Dankbar, aber das muss man sich nicht ständig auf die Fahnen heften. Deswegen ist »Fuchs im Bau« eine Revolution für uns, denn da spielt Aleksandar Petrović den Wiener Hannes Fuchs und Faris Rahoma, ein Steirer mit ägyptischen Wurzeln, den Rocksänger Peter Stein. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!

Link: https://www.diagonale.at/eroeffnungsfilm21-fuchs-im-bau/