»Marriage Story« © Viennale

Scheiden tut weh

Regisseur Noah Baumbach erzählt in seinem neuen Film »Marriage Story« – mit Scarlett Johansson und Adam Driver in den Hauptrollen – die Geschichte einer Ehe und ihres Scheiterns auf realistische und zutiefst persönliche Weise. Ein emotionaler Tiefpunkt und cineastisches Highlight bei der Viennale 2019.

Der Anfang ist das Ende. Das Künstler*innenpaar Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) sitzt beim Eheberater und hat eine Liste von Dingen vorbereitet, die sie am jeweils anderen lieben, um die Sitzung – und den Film – auf einer positiven Note zu beginnen. Regisseur Noah Baumbach gelingt damit ein schöner Kunstgriff zur Charaktereinführung: Das Publikum lernt die zwei Hauptfiguren quasi im Zeitraffer kennen und schließt beide umgehend ins Herz. Doch während Charlie guten Willens an die Sache herangeht und sowohl seine Liste vorlesen als auch die von Nicole hören will, stürmt letztere aus dem Raum und in der Folge auch aus seinem Leben. All die Jahre war sie Hauptdarstellerin in Charlies erfolgreichem Theaterensemble, stand dabei aber künstlerisch immer in seinem Schatten. Jetzt hat sie ein Angebot für eine TV-Serie und fliegt nach L. A., um den Piloten zu drehen, ihr 8-jähriger Sohn Henry begleitet sie dabei.

In den folgenden zwei Kinostunden erfährt man noch einiges, was nicht auf der Liste stand und letzten Endes Grund für die Trennung ist. Wohlgemerkt nicht im Dialog zwischen Nicole und Charlie, sondern im Gespräch mit Außenstehenden. Trotzdem wollen beide die Scheidung – auch dem gemeinsamen Kind zuliebe – so schnell, unkompliziert und schmerzfrei wie möglich über die Bühne bringen. Doch das gegenseitige Vertrauen ist angeschlagen und so nimmt sich Nicole in L. A. eine Anwältin (Laura Dern), um sich das Sorgerecht für Henry zu sichern. Das zwingt wiederum Charlie dazu, sich ebenfalls einen Anwalt zu nehmen (erst den sanften Alan Alda, dann den kämpferischen Ray Liotta) und in kurzer Zeit entwickelt sich aus der einvernehmlichen Trennung ein Rosenkrieg erster Güte, der auf beiden Seiten tiefe Wunden schlägt und verbrannte Erde zurücklässt.

Als Zuseher*in fühlt man sich dabei selbst ein bisschen wie ein Scheidungskind: Zerrissen im Kampf zwischen den beiden Bezugspersonen, deren Wünsche man versteht und deren Kritikpunkte man nachvollziehen kann, doch bis zuletzt nicht fähig, sich auf eine Seite zu schlagen, und in der Hoffnung, dass die beiden ihre Differenzen doch noch irgendwie überwinden und wieder zueinander finden … Doch das ist keine Hollywood-Rom-Com, sondern »das echte Leben«, und die eine oder andere Leiche, die Nicole und Charlie im Keller haben, lauert auch im eigenen Schrank. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass man die Trennung der beiden mit all ihren hässlichen Ausprägungen bis hin zum absoluten Tiefpunkt so gut mitfühlen und mitleiden kann und immer tiefer in den Kinosessel kriecht, damit einen die Sitznachbar*innen nicht allzu laut schluchzen hören.

Kurzum: »Marriage Story« ist ein sehr persönliches und nahegehendes Porträt einer liebevollen Beziehung und ihres schmerzvollen Auseinanderbrechens – eine Erfahrung, die wohl jeder von uns in ähnlicher Form schon einmal gemacht hat und die einem auf der Mitgefühlsebene deshalb im Guten wie im Schlechten alles abverlangt. Der Film endet aber, wie er begonnen hat: auf einer positiven, versöhnlichen Note und mit dem hoffnungsvollen Ausblick, dass wahre Liebe auch sich selbst überdauert. To love is to let go. Und das Ende ist der Anfang.

Wer im Kino heulen will, hat beim Viennale-Screening von »Marriage Story« am 31. Oktober um 20:15 Uhr im Gartenbaukino noch einmal Gelegenheit dazu.

Link: https://www.viennale.at/de/film/marriage-story