Mit Kajsa Lindgren im Ozean der Gefühle (bzw. hier im Pool) © Hampus Andersson

Ozeanreise an der Nabelschnur – Teil 1

Die schwedische Klangkünstlerin Kajsa Lindgren veröffentlicht Aufnahmen, die auf eine Reise durch verschiedene Stationen der menschlichen Vergangenheit einladen – ohne Zeitmaschine oder Zeitloch, bloß mit der Hilfe von Hydrophon und den nötigen künstlerischen Skills. Ein Eindruck ihrer Arbeit.

Am Grunde des Ozeans und im Mutterleib fehlt typischerweise die hell leuchtende Glühbirne rationaler Aufklärung. Deswegen sind beide Sphären für die psychoanalytische Ergründung so reizvoll. Weil Kajsa Lindgren mit »Womb« ein Werk vorlegt, das zum Abtauchen reizt, soll die ganze strömende Thematik von ozeanischen Gefühlen, die die Hörenden in psychoanalytische Tiefensphären lockt, hier einmal fischotterflugs durchschwommen werden. Im Interview mit skug bezieht Lindgren dann selbst zu ihrer Arbeit Stellung.

Symbiose mit der Vergangenheit
In einem Brief an Sigmund Freud, den dieser in »Das Unbehagen der Kultur« zitiert, äußerst sich der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger Romain Rolland zum Ursprung der Religiosität, also letztlich dem Gefühl, Teil des Universums zu sein, und spricht von einem »[…] Gefühl, das er die Empfindung der ›Ewigkeit‹ nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam ›Ozeanischem.‹« Zwar behauptet Freud im Folgenden, dieses ozeanische Gefühl selbst nicht zu kennen, doch wird er sich dann in mehr als zehn Seiten über dieses Thema auslassen. Er selbst spricht von diesen Grenzüberschreitungen bei erwachsenen Menschen von einer Einbildung, räumt aber ein, es könne sich auch um Reste des Gefühls von Ungeschiedenheit handeln, die man als Säugling in Bezug auf seine Umwelt hat, ganz besonders natürlicherweise im Mutterleib. Jedoch versucht er diesen düsteren, vielleicht bedrohlichen Begriffsbereich von »Ozeanien« zu verlassen.

Wilhelm Reich betont in einem Interview von 1952 Freuds Fokus auf die Intellektualität. Ihm scheinen Emotionen eher etwas darzustellen, das von Intellekt und Bewusstsein unter Kontrolle gebracht werden solle. Das Gefühl des »Strömens« der Lust, wie es Reich in seiner 1927 von Freud herausgegebenen Schrift »Funktion des Orgasmus« beschreibt, nimmt keinen Einzug in Freuds Werk, sein psychischer Apparat mit den Ebenen Es, Ich und Über-Ich bleibt eher ein repräsentatives Schichtenmodell als eines, das die Bewegung von Lust beschreibt. Diesem stellen Deleuze und Guattari in ihrem Anti-Ödipus ein Modell mit Kategorien der Produktion entgegen. Bei ihnen ist das Unbewusste im Fluss, Wunschströme verbinden sich mit anderen, versiegen, Wunschmaschinen entstehen, wenn Ströme auf Objekte, Körper etc. treffen und sich koppeln, Grenzen überschreiten und neue Bereiche erschließen.

Dem symbolischen, mythischen Ozean stellt die britische, feministische Schriftstellerin Elaine Morgan in ihrem Buch »The Descent of Women« eine Entstehungsgeschichte des Menschen entgegen, die sogenannte »Wasseraffenhypothese«, und gibt eine aufschlussreiche Erklärung ab, der zufolge die Vorfahren des Menschen tatsächlich (teilweise) in seichtem Wasser lebten, um sich vor diversen Gefahren zu schützen, und durch das Wasser ihren Affenpelz verloren. Die Beziehung der Mutter zum Kind und die Lebensumstände bewirkten also eine tatsächliche Verbindung zwischen Kind und Ozean, die Mutter war mehr oder weniger »nur« Vermittlerin. Somit ist die Beziehung zwischen Mensch und Wasser nicht bloß symbolisch und auf den Leib der Mutter bezogen, sondern wahrscheinlich auf anthropologischen Tatsachen beruhend darüber hinaus tatsächlich ozeanisch. Das religiöse Gefühl, im Ozean aufzugehen, hat nun eine rationale, wissenschaftliche Erklärung.

Zeit ist blau
Dieser megakurze Abriss gewisser psychoanalytischer und spekulativ-anthropologischer Gedankens kann als Idee im Hinterkopf lauern, um einen Zugang zum Machwerk der schwedischen Komponistin und Klangkünstlerin Kajsa Lindgren zu finden. Die zweite Veröffentlichung auf dem Berliner Label Hyperdelia ist nämlich von Lindgren und heißt »Womb« (Gebärmutter). Dafür hat sie Feldaufnahmen von Natur, vom menschlichen Körper, Interviews oder Kompositionen unter Wasser neu abgespielt und darin aufgenommen. Das Ergebnis klingt so, wie man es sich vorstellt: Weit entfernte, jedoch durch das umgebende Wasser unheimlich nahe Töne, ein warmes Dröhnen, Aufnahmen vom Hydrophon (die zugegeben immer gut klingen bzw. ihre Wirkung erzielen), obligatorischer Walgesang, Wassertropfen, Gewitter und Regen. Ein Spiel mit Erinnerungen, Nostalgie und der Tiefe der Zeit. Man reist zurück dahin, wo man herkommt, ins Flüssige, Symbiotische, Verbundene und Ewige. Beim Hören weiß man, dass das Wasser im Körper mitfließen, das Blut wirft sanfte Wellen und man schwimmt in der vergänglichen Ewigkeit. Phonopoesie. Oder so. Zumindest erreicht sie mit ihrer Aufnahme eine ansprechende Stimmung, die nicht nur als Hintergrundrauschen einer Kunstausstellung Verwendung finden kann, sondern auch im trauten Heim für ein unbekümmertes Ganzheitsfeeling sorgt, bei dem man seinen Körperströmen freien Lauf lassen kann.