Foto © Beata Szapagorska

Odeontanz: Körperlose Seelen und geschlechtslose Euphorie

Die Verkörperung von Differenzen bildet Geschlechterkörper aus – eine Zusammenschau von Tanztheorie und bewegten Körpern im Wiener Odeon. Schwer zu empfehlen.

Eigentlich war es nur so eine kleine Geste: Als der schlaksige junge Mann mit den langen, wehenden Haaren dem Publikum den Rücken zudrehte und in einer Bewegung wie ein Ballettänzer rückwärts langsam seinen wei&szligen Socken vom Fu&szlig zog, brach das Publikum in Gelächter aus. Erst fegte der Tänzer wie ein Derwisch in blauer Unterhose über die Bühne, um dann wie eine Prima Ballerina in dieser Pose zu verweilen, zu erstarren – den wei&szligen Socken halb ausgezogen, Arm über dem Kopf, Fu&szlig in die Höhe – ohne zu schwanken.

»Und doch haben Tänze eine gewisse Bildhaftigkeit. Es handelt sich um Bilder, anders als im Kino, wo es nur die bewegten, nicht die wirklich greifbaren Bilder sind«, hatte die Kunsthistorikerin Birgit Haehnel in ihrem Einleitungsvortrag im Odeon gesagt. »Kartographien des Körpers. Fremdheit als Bestimmung« nennen sich die Odeontanz 3-Tage – noch bis zum 15. Oktober. »Ich halte es für wichtig, tanzende Körper vor dem Hintergrund heutiger Körper- und auch Bildpolitiken zu verstehen. Hierunter fallen insbesondere Bilder der Fremdheit, aber auch Befremdung, von Migration und Gewalt.«

Zwischenform des Geschlechtes

Eine ganz eigene Befremdung hatte der erste Teil der Performance »Kopf hoch« der Brüder Simon und Peter Mayer erzeugt. In wei&szligen Schutzanzügen, der eine mit einem rot, der andere mit einem grün übergestülpten Glatzkopf, hoppelten die beiden hintereinander eine eigene Kartographie, zogen Linien auf der Bühne, in einer Rhythmik, deren Schlagrhythmus bzw. Musikhaftigkeit nicht immer ganz klar war. Der kleine Bruder, der echte Tänzer mit Klarinette vorneweg, der andere grö&szligere, der kein Tanzprofi ist, hinterher. Sie durchbrachen hüpfend die Erwartungshaltung des Tanzpublikums. »Doch Tanz impliziert auch eine spezifische Geschichte der Körperkultivierung bzw. der Hervorbringung eines Kunst-Körpers – Foucault würde von Körperdisziplinierung sprechen«, sprach Birgit Haehnel kurz vorher. »Auch im Tanz werden Körper repräsentiert, die sich im Verhältnis zu gesellschaftlichen Normen positionieren, d. h. zu bildlichen Codierungen, das sind Bilder der Geschlechterdifferenz oder auch von Ethnisierungen, die bestimmen, wie ein Fremder auszusehen hat.«

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Foto © Andreas Kurz

Peter Mayer, schwebend, fliegend, tanzend, eine Zwischenform des Geschlechtes, eine Neufassung – so hat kein junger hübscher Mann auszusehen, so euphorisch, »das Männliche« verulkend, so glücklich auf weibliche Tanzformen zurückgreifend – aber nicht ganz. Nicht zu vergessen die wilde Rockgitarren-Performance kurz zuvor, auf rollenden Schauwägen transportierten beide Brüder Verstärker und Kabel ?? in die Mitte des Raumes. Nicht zu vergessen auch der duch und durch »männliche« Kleine mit Zornesanflügen, der seinem Bruder mit dem Mikro, das Kabel schwingend, mehrmals auf den Hintern haut – was das Publikum wieder zu Lachstürmen hinrei&szligt.

»Die Verkörperung von Differenzen bildet Geschlechterkörper aus«, meinte Haehnel noch kurz zuvor. »Spannend ist, dass sich auch abweichende Äu&szligerungen, unbestimmte Differenzierungen, noch Uncodiertes ebenfalls verkörpern können und dies passiert durch die Bewegungen.« Als die beiden sich von ihren Schutzanzügen und weiteren Kleidungsstücken befreien, kommt kurz die Angst, dass die beiden es zu weit treiben und in ihrer Euphorie komplett nackt und schutzlos und verletzlich auf der Bühne toben, doch das machen sie nicht, au&szliger, dass sie sich kurz gegenseitig einen Blick in ihre blauen Unterhosen werfen – schauen ob die nackte biologische Männlichkeit noch vorhanden ist -, passiert nichts. Die Erwartungen des Publikums tanzen mit. »Die Befremdung im Tanz, der Tanz als Befremdung wird umgelenkt zum Auslöser für das, was möglich werden kann. Darin bildet gerade das Fremde den Freiraum zur Unterwanderung von Körperpolitiken und zur Freisetzung transkultureller Dialoge jenseits ansozialisierter Körpersprachen«, sprach Birgit Haehnel.

Gespenster ohne Schrecken

Was sind das für Wesen, diese »Seelen« in dem Tanzstück »Orpheus Augenblick« (Cie. Off Verticality)? Wei&szlig und durchsichtig wie Gespenster schweben Plastikwesen im Raum umher, bewegen sich nach unbekannten Gesetzen. Sind die oben mit Fäden befestigt? Wie werden die gelenkt? Hängen in der Luft und folgen doch den Bewegungen der TänzerInnen ganz leicht wie ein Echo oder ein Schatten. Die Tanzenden stürmen hinein und hinaus aus dieser Schattenwelt, ziehen einzelne Seelen hinter sich her. Wunderschön, wie ein Mann mit rotem Rollkragenpullover eine Seele umtanzt, beschützt, behütet, die beiden wie nebeneinander gehen – eine Fata Morgana, eine Vision, eine Utopie. Ernst und sorgsam tanzt er mit diesem beinahe körperlosen Wesen, einem mit Helium gefüllten Luftballon, wei&szlig, durchsichtig, der unten lange Schlangen hängen hat – eine Qualle unter Wasser, ein Tintenfisch mit Fangarmen, eine neue Gespensterform ohne Schrecken? »Improvisation beinhaltet das Unvorhergesehene. Spielt aber das Unvorhergesehene, das Ungewisse (Fremde), eine Rolle, sind Selbstbewegungen gefragt«, beschrieb die Kunsthistorikerin, ohne es zu wissen zuvor diese Tanztechnik, diese Umgarnungsweise, das Unbeseelte, das sich hier im Odeon »Seelen« nennt: »Es entsteht eine Ahnung über bisher unbekannte Möglichkeiten.«
In der Pause zwischen den Tanzstücken entführe ich zwei Seelen in den goldenen Saal des Odeons, in dem das Buffett steht und einzelne ZuschauerInnen spielen ehrfürchtig mit den belüfteten Plastikteilen. »Gerade der Tanz zeigt, wie ich meine, in den mannigfaltigen Prozessen des Werdens die Umlenkung der Empfindungen zu nomadischen Fluchtlinien im Sinne Deleuzes, die den organisierten, das hei&szligt geformten Körper durchdringen und entfliehen – dies ist der Moment der Sensation, einer emphatischen Annäherung zum Anderen hin ??«.

Den dritten Teil des Tanz Performance-Abends verpasse ich, weil ich damit beschäftigt bin, eine Seele in ein geschnorrtes Sackerl zu verpacken und über die Stra&szlige und mit der U-Bahn in mein Heim zu bringen, wo sie mysteriös und still noch am nächsten Morgen herum schwebt.

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Foto © Andreas Kurz


OdeonTanz 3, 29. 9.-15. 10. 2011

Im Fokus: Facetten und Fragen der Migration und des »Au&szliger-sich-Seins«, denen die unterschiedlichsten Choreographen und Tänzer begegnen.

RikudNetto Dance Company (Tel Aviv):»Miniatures«, 4./5. 10., 20 Uhr

»Miniatures« beinhaltet eine Sammlung von kurzen Tänzen, ausgewählt aus fünf verschiedenen Tanzsuiten: Hanukka Notationsbücher, Vögel, Bewegte Landschaften, Seebewegungen. Das besondere an der Arbeit von RikudNetto ist, dass die Tänze in der Eshkol-Wachman Movement Notation (EWMN) festgehalten sind, die diese Tänze inspirierte und den Rahmen bildet, in dem sie choreographiert und zusammengestellt wurden. Das hei&szligt: die Tänze existieren zuerst als Schrift und werden erst dann getanzt.

Lecture im Odeon Theater/Probenraum, 5. 10., 18 Uhr

Detaillierte Auseinandersetzung mit der Eshkol-Wachman Movement Notation. Eintritt frei!