Nista Nije Nista - 8. 12. 2004, Fluc Mensa Wien

Sinnlich, reizvoll, verspielt und vertrackt. Die Vier-Wörter-Bilanz eines Konzerts, das mit Sicherheit von seiner innovativen Kraft her in diesem Jahr heraussticht und noch weiter in Erinnerung bleiben wird.

NistaNije Nista heißt das Vier-Frauen-Projekt, deren Mitglieder sich an der Uni für angewandte Kunst in Wien kennengelernt haben, die aber mit Serbien, Österreich, Australien und Deutschland recht unterschiedliche Hintergründe mit sich bringen. Nur ein Indiz für das große Happening namens »Vielfalt«, und wäre »Schicht« oder »dicht« nicht so strapaziert, wäre es auch »vielschichtig«. Nista Nije Nista führt in die Irre. Ich lese heute, dass ich einst den Namen aus dem Serbischen mit »Nichts ist Nichts« übersetzt habe. Weil das Serbische meines sprachwissenschaftlichen Wissens nach eine doppelte Negation hat, die sich nicht aufhebt. Tut sie aber, Nista Nije Nista heißt dann überraschenderweise doch »Nichts ist nicht Nichts«. Der erste (letzte?) Umwurf des Abends.

Die vier Damen stehen, sitzen und laufen auf einer Bühne, und spielen mit ihren Geräten, Nähmaschinen, Keyboards, Sesseln, Computern, Saxofonen, einer Bassdrum (1,50 im Durchmesser) sehr unstrukturiert, sehr nervös, sehr locker und sehr ungekonnt. Drängte sich am Anfang noch ein Unbehagen auf, dass die einfach »Irgendwas« tun, und es »Kunst« nennen, die intellektuelle Bürde des »Experiments«, war das schon nach zwei Minuten weg, als klar wurde, worauf das Projekt hinaus will: Sprache.

Sprache steht und fällt mit Nista Nije Nista. Es ist das zentrale und bestimmende Thema. So werden dann auch Texte gelesen oder gesungen, rezitiert und vor allem mehrstimmig verwirrt. Lyrische Vorträge, und eruptive Sequenzen aus dem Alltag treffen einander und durchdringen sich.

Während eine der vier Nancy Sinatras »Bang Bang« vorliest (angekündigt: »This next song is a rap«), singt die andere nebenbei »Freedom is choice, progress is free. Open your eyes, and you will fucking see.« Kein Stehenbleiben, kein Festhalten, abstrakt und allemal verwoben in den Klangschichten lassen die Wörter hier kaum Fläche oder »space« zu, wo sie koordiniert werden können. Catch ‚em if you can. Das Objekt des Hörens ist hier das Hören und Verstehen selbst.

Ach ja: … you cannot.

Hans Joachim Irmler, Kopf von Faust, sitzt im Hintergrund, macht gemeinsam mit Nista Nije Nista die Konzerte, hält sich aber stark zurück, unterlegt nur hin und wieder ein düsteres Sample, einen holprigen Beat oder ein leises Knarzen. Die meiste Zeit lächelt er eigentlich. Exakt so, wie ich ihn mir nicht vorgestellt habe. Und das »vs.« zwischen dem Namen der Band und dem seinen auf der Konzertankündigung ist beschämend, erheiternd und gelogen zugleich.
»nee niemals nicht« heißt ihr Album, da sind sie wieder, die verwirrenden, elenden Negationen. Dass Nichts nie Nichts sein kann, steht nach einem Konzert von Nista Nije Nista aufgrund des aufblitzenden musikalischen (?) Minimalismus, der (Denk-)Pausen und der frivol-depressiven Stimmung im Publikum genauso fest, wie dass es ein Morgen gibt, wo das alles dann in Real Life gesampelt werden kann. Overlapping Talk Talk. Bang Bang. He shot me down. Sie(h) zu, wie Du damit klar kommst.

Am Ende sind sie verwundert. Es war eins ihrer ersten Konzerte, und das Publikum ist nicht weniger geworden, bleibt sogar am Ende. »Wollt ihr etwa noch ein Lied?« fragt Natalija Ribovic in gutem, aber nicht akzentfreiem Deutsch, und die Bejahung des Publikums hat ein erstauntes »Wirklich?« zur Folge. Gut, ja, mag abgedroschen sein. Aber es war ja auch kein Konzert.

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