Mit Wortgewalt Gewalten Trotzen - Patti Smith, Burg Clam, 02.08.2003

Nach Patti Smith auf der Burg Clam weiß ich wieder, warum Rock keine Musikrichtung ist, sondern eine Religion. Ihre grauen langen Haare und ihre spärlichen, jedoch ausdrucksstarken Bewegungen, der Klang ihrer tiefen, jeden Ton perfekt treffenden Stimme und die Poesie ihrer Wörter, die Kraft der Gitarre und die Haltung des »Nichtaufgebens«, komme da Tod, Flut oder Systemknechtschaft: Patti Smith hat Charisma für mehrere Leben. Das merkt man/frau. Das merkt auch der Besoffene, der bereits zum fünften Mal an mir vorübertorkelt und auch der eher zufällig Anwesende und der/die eingefleischte JüngerIn sowieso.

Nachdem ihr Ehemann, MC5-Gitarrist Fred Sonic Smith, 1994 verstarb, kam die 70er Rock’n’Roll- und Punkikone (vor allem Dank ihres Debütalbums »Horses« von 1975) mit neuer Kraft und einer tiefen Seelenwunde, deren Inspiration wohl ähnlich tief sein müsste, zurück, und bescherte uns mit »Gone Again« 1996 ein Wahnsinnscomeback.
Seitdem hat sich ihre Band, bestehend aus zwei alten und zwei neuen Gefährten, zu einer kraftvollen und sphärisch rockenden »neuen Patti Smith Group« gemausert.
Lenny Kayes Gitarrensoli sitzen und versprühen Charme. Bassläufe und Schlagzeugparts verschmelzen ineinander. Manchmal verdichtet sich der Sound zu einem unglaublich spirituell und psychedelisch anmutenden Klanggewitter. Mit »Glitter In Their Eyes« (vom letzten Studioalbum »Gung Ho«) wird losgeprescht. Dichte erzeugt nicht nur der Sound, sondern auch die Songabfolge. »Horses« wird zum Kernstück der Darbietungen.
»Kimberly« für die Schwester, sowie »Break It Up« für Jim Morrison verlieren auch nach fast 30 Jahren nichts von ihrer Magie. Nach wie vor sind politische Aussagen und Appelle an die Menschlichkeit bei Patti Smith neben der Verarbeitung persönlicher, privater Themen die bestimmenden Triebfedern. So erzählt sie uns beispielsweise bei »1959« (vom 97er Album mit dem bezeichnenden Titel »Peace and Noise«) von der, eben in diesem Jahr stattfindenden, Invasion der Chinesen in Tibet und der zeitgleichen Automobilhysterie in den Staaten.
Ihre Version vom Prince-Klassiker »When Doves Cry« erklärt sich bei der Zeile » … How can you just leave me standin‘ alone in a world so cold? … « von selbst, und wirkt beklemmend ehrlich.
Die Arme ausgebreitet, steht sie da und lässt die Wörter tropfen, sie verdreht sie, schreit sie raus, klagt, beschwört und lässt den jungen ungebremsten Punk in der 57-Jährigen erkennen.
»Beneath The Southern Cross« lässt eine(n) durch die ewig gleiche Akkordfolge und die kollektive instrumentale Steigerung des Themas in eine fast meditative Stimmung verfallen.
»Waiting Underground«, »Summer Cannibals«, »25th Floor« und »Free Money« rocken wie Sau und ihre zwei Mitsingsongs »Because The Night« und »People Have The Power« lassen dem z. T. etwas zurückhaltenden Publikum keine andere Wahl, als endlich mitzugehen. Die Visuals, die während der Songs laufen, verleihen dem Ganzen einen hippiesken Touch und verbreiten visuelle Poesie.

Bei der letzten Zugabe ist es soweit und »G.L.O.R.I.A.« – mit frenetischem Publikumseinsatz bei der ersten Zeile »Jesus died for somebody’s sins but not mine!« – bricht über uns herein, und schickt »ihr« Echo hinaus in die klare Sternennacht. Ein Echo aus einer Zeit als man/frau mit Geradlinigkeit und Systemkritik noch Massen erreichen konnte, ohne MTV oder sonstige mediale Vehikel zu kennen.
Durch Künstler wie Smith reißt diese Bereitschaft bis heute nicht ab und gibt Hoffnung (und wenn nicht Hoffnung, dann wenigstens Erlösung) für zweieinhalb Stunden.
Patti sei Dank!