»Mein Drama findet nicht mehr statt«: Emel Heinreich

Lange nicht so anstrengend wie das echte Leben: Das Theaterstück »InBetween« in der Regie von Emel Heinreich über das schreckliche Schicksal von türkischen Transsexuellen wandert tapfer am Rande des Schmerzes entlang und sucht nach Ursachen und Erklärungen. Zur Erinnerung an Hande, eine im Jänner 2015 in Wien ermordete Asylwerberin aus der Türkei.

Alle Fotos (c) Francisco Peralta Torrejón

Die anderen Protagonisten erscheinen viel einsamer als die Transe-Frau, die immerhin noch an die Liebe glaubt; einen Zustand, der ein Gegenüber voraussetzt, und nicht dieses narzisstische »In sich selbst Gefangen sein«, wie es Zeynep und Nick auf der Bühne ausstrahlen. Esmeray, die Trans- sexuelle, versucht es zumindest. Liebe. Was ist das? Schreckliche Menschen werden hier als Exemplare vorgeführt: eine Hetero-Frau, die ständig mit ihrem Schatten kämpft, und ein Mann, der, innerlich leer, sich in Bewegungen erschöpft, meistens um sich selber kreist. Wer will sich schon diesen beiden annähern? Die Transe erscheint noch als die normalste dieser drei.

Das Theaterstück »InBetween« nach einem Text von Barbara Marković ist ein hartes Stück und wandert immer am Rande des Schmerzes entlang. Aber bei dem Thema, das Leben von türkischen Transsexuellen zu bebildern und auf der Bühne in kurzen Spotlights umzusetzen, ohne in Verzweiflung zu verfallen, ist das kein Wunder. Das echte Leben ist noch viel härter. Vor kurzem wurde Hande, eine türkische Asylwerberin und Bekannte der Regisseurin Emel Heinreich, umgebracht; erstochen aufgefunden. Das Stück ist dem Leben von Sexarbeiterinnen in der Türkei nachempfunden.

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Imaginationen, Wünsche, Einsamkeit

»Sie sah viele Jugendliche, die vor ihren Augen ermordet wurden. Aber ihre Seele ist stark«, sagt Esmeray auf der Bühne, die im echten Leben in der Türkei eine berühmte Schauspielerin ist. »Es schlafen viele allein.« Manche auch, wenn jemand daneben liegt. Die Hetero-Frau zuckt immer so und kichert, sie macht dem Mann mit kindlicher Stimme Vorwürfe, es wechseln urschnelle Beschwerden in türkischer und deutscher Sprache. »Der lacht auch immer allein«, sagt sie. »Ähä«, kiekst sie immer, »Ehäh«. Ein Tick.

Nächste Szene: Die Hetero-Frau und die Transe-Frau reden über Weiblichkeit und Männlichkeit. »Ich rede hier über ein Ideal«, sagt Zeynep. »Ja, mein Ideal!«, antwortet Esmeray. Später hat sie eine blonde Perücke auf, wie viele Sexarbeiterinnen am Wiener Strich am Samstag. Nächste Szene: alle Protago- nisten hauen sich und keiner weiß warum. Ohrfeigen, Watschen, Klapse ins Gesicht. Aber wie die Kinder, wie ein Kinderspiel, es scheint nicht weh zu tun, eher verduzt und überrascht wirken die Protagonisten. Kleine Klapse probeweise, »Kann ich dir weh tun?« Hocherfreut: »Ja!«

Folge-Szene Kindheit: Esmeray tanzt wie ein Kind in lila Kulisse. »In einem rosaroten Haus leben Ken und Barbie. Meistens liegen sie starr auf der Erde.« Esmeray lacht und hüpft, bewegt die zwei Menschen wie Puppen. »Wenn ich hereinstürme, gibt es gleich Probleme«, sagt sie. »Barbie bringt sich aus Liebeskummer um. Sie fliiiiiiiiiiiiegt vom Dach.« Sie küsst Ken auf den Kopf, bewegt seine Glieder. »Ich zerstöre Buchstaben. Ich leg‘ Feuer. Ich werfe meine Kleider ins Feuer. Ich geh‘ auf die Straße. Ich.« Weiße Buchstaben auf schwarzem Untergrund auf der Videoleinwand hinter ihr.

Erhörung und Erhöhung

Rauch, schöne Musik, Romantik hinter lila Vorhängen. Liebe. Andere Stimmung als all diese Vorwürfe, Lebens-Vorwürfe, das Vorwurfs-Leben von Zeynep. Esmeray erläutert dem Publikum das Schicksal, sie hat eine sehr nette Stimme. Geht es bei Liebe um Transzendenz? Sich transzendieren durch wen anderen, der als höherstehend imaginiert wird? Ein anderer ist besser als das kleine, arme Selbst oder die innere Leere (vor allem nach Gewalterfahrungen!) und transzendiert einen, er-hört und er-höht einen. Wünsche, die durch »Weiblichkeit« und sich steigernde Dramatik (Sex! Tod! Erotik der Dominanz!) erkauft werden. Teuer bepreist sind. Manchmal mit dem Leben bezahlt. Die Musik läuft weiter, so weit Musik halt laufen kann. Esmeray mit blonder Perücke schmeißt den Mann, ihr Liebes- und Transzendenzobjekt, auf den Boden und sich drauf. »Ich sehe eine kleine schwarze Wolke«, sagt jemand. Esmeray erklärt: »In seinem Kopf ließ sich Nebel nieder. Er folgte einer Eingebung. In Nicks Kopf wurden Stimmen laut. Würde er sie töten?« Schimpfen, Zerstören, Trennungen, Versöhnungen. Zu große Emotionen kann man irgendwann nicht mehr toppen. »Ken, Schwuchtel, komm, ich schneide die die Eier ab,« sagt die Transe, die ja auch immer männliche Rollen in sich hat. Täter- figuren.

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»Ich will nicht mehr sterben«

»Mein Drama findet nicht mehr statt«, steht auf einem Zettel. »Ich spiele nicht mehr mit.« Esmeray wird ermordet und der rote Faden eines Wollknäuels kommt aus ihrer Scheide (ein schreckliches Wort, aber hier passt es zu »Verscheiden«, Anm.). »Die Schauspieler haben ihr Gesicht an der Garderobe auf den Nagel gehängt. Ich will nicht mehr sterben. Ich will nicht mehr töten.« Nick spielt auf einer Mini-Gitarre: »Hey Babe, spazier‘ mit mir am Rand, hey Schwester«, singt er. In einer anderen Szene erhält Esmeray in Österreich als Mann Asyl, »dort hörte sie nur noch Messer klirren. Würde man sie ermordet an der Autobahn finden?« Rumlaufen, Video-Leinwände mit grauen Straßen. Weit entfernte Menschen, die glücklich scheinen. »Sie werden wütend und kommen mit dem Messer. Mach‘ dich lieber davon. Zeit ist knapp.« Und: »Dies ist kein Zeitpunkt zum Aufgeben.« Das Ende ist eher leicht hoffnungsfroh: »Du drehst dich schon monatelang im Kreis. Die Melodie des Versagens. Du bist frei, raus aus dem Gefängnis.« Langsam wird die Abspann-Musik immer lauter. Esmeray redet türkisch, sie zieht die Perücke aus, dann spricht sie deutsch: »Was sagt man zu jemand, der alles verloren hat? Hallo.«

Im echten Leben erfolgte kein vorsichtiger Schluss: Die 35-jährige Hande, Flüchtling aus der Türkei und Sexarbeiterin, wurde Mitte Januar in Ottakring in ihrer Wohnung ermordet. Und die Schauspielerin der Esmeray, die in der Türkei bekannte Performancekünstlerin und Aktivistin Esmeray Özadikti, trägt eine blutrote Rose als Tattoo, die aus der Entfernung wie ein spitzer Schraubenzieher aussieht, der in ihre Brust weist.


 

»InBetween«, Bühnenstück von Emel Heinreich, nach einem Text von Barbara Marković
Mit: Zeynep Buyraç, Esmeray Özadikti und Nick Mortimore
Eine Produktion von Cocon Kultur in Kooperation mit WERK X
Vorstellungen: 23., 24. und 25. März
WERK X Eldorado, Petersplatz 1, 1010 Wien, 20:00