Clara Luzia ©: Mobilefilm Produktion

Mehr Luftraum für Clara

Der Film »Oh yeah. She performs!« über die Musikerinnen Eva Jantschitsch (Gustav), Teresa Rotschopf (Bunny Lake), Vera Kropf (Louise Pop) und Clara Luzia Maria Humpel (Clara Luzia) zeigt eine ganz eigene rhythmische, basslastige Schnitttechnik. Vielleicht sollte Clara Luzia einmal eine Nummer ohne Gitarre riskieren, ein Mathilde Santing-Lied nachspielen, eine Jazzballade oder Schnulze riskieren?

Das Gesicht von Clara Luzia, die fragil ist und zierlich, aber kühl und gelassen lächelnd Rede und Antwort steht, hängt einem nachher noch nach. Fragen nach ihrer Krankheit beantwortet die bekannte Musikerin nicht. Sie sieht aber so aus bzw. atmet so flach, dass man sich Sorgen um sie machen müsste. Der Film »Oh yeah. She performs!« von Mirjam Unger über vier weibliche Sängerinnen hat eine ganz eigene Schnitttechnik, er ist rhythmisch geschnitten, aber eher im Rhythmus einer Bassistin als dem einer Schlagzeugerin – es gibt nicht so viel Trommelwirbel bzw. Höhepunkte. Rasant und flott – basslastig – folgt Schnittfolge auf Schnittfolge, man wei&szlig nie was als Nächstes kommt. Der Film scheint Orte als Ordnungsfunktion zu fassen – den Proberaum, die Konzertbühne, das Zuhause, eine Auslandstournee und in jedem Ort alle vier Musikerinnen anzuschauen, wobei man das Umgebende noch stärker herausarbeiten hätte können, im Sinne von Plätze sind wichtig für die Musik! (Denn z. B. funktionieren die braunen alten Woll-Pullunder von Louise Pop nur in der kleinen verfallenen Küche mit hellbraunem Tapetenmuster ihres Proberaumes. Woanders fragt man sich, warum ihre Musik »Pullunder-Musik« sein sollte?) Zwischen den realen Filmsequenzen sind, ähnlich wie in »Jazz on a Summers Night«, der von einem Fotografen mit einer ganz eigentümlichen Fotosprache erzeugt wurde, Standstill-Fotos montiert. Der Film hält an, fokussiert auf ein Gesicht, erzeugt ein Foto, manchmal sogar in schwarz-wei&szlig und »A Star is born«. Zumindest ein Star-Foto.

Beinahe-Heulerei eines Matrosen

Teresa Rotschopf (Frontfrau der aufgelösten Band Bunny Lake) mit ihrem geraden Ponyhaarschnitt befreit sich im Film von ihrem sexy Image, das sie zehn Jahre lang locker und mit gro&szligen Gesten rüber brachte und wei&szlig trotzdem noch genau, wie die Bühne funktioniert. »Auf der Bühne fühle ich mich sicher«, meint die Sängerin, die an die gro&szlige Uma Thurman erinnert (nicht nur wegen der gro&szligen Hände!), und sagt mehrmals mit scheuem Lächeln »Da hätte ich fast geheult!« – nämlich wenn ein Lied zu schön wird oder auch bei ihren eigenen Songs, die nicht so schön sind.
Es gehört viel Mut dazu, sich nicht mehr auf die eigene optische Schönheit zu verlassen und neue Wege zu gehen, keine Peinlichkeit zu scheuen, sich zu trauen, etwas komplett Anderes zu machen. In New York tritt sie mit einer afroamerikanischen Sängerin auf und mit Patrick Pulsinger, der sie – im Gegensatz zum armen Franz Hautzinger und den versammelten Elektro Guzzi-Typen im Porgy& Bess – nicht im Stich lässt, und diesmal keine einsamen Läufe hin legt und speedig allen anderen MusikerInnen davon läuft, sondern bei Teresa Rotschopf bleibt, zumindest in der Nähe. Ein Privileg. Wildes Tanzen, wobei die Konzertschnitte zwar treiben, aber eine Spur zu kurz sind – dazwischen werden auch noch andere Bilder hinein geschnitten, verlangsamte und verblasste.
Mir fehlt trotzdem das Trashige. Teresa mit blonden Haarsträhnen über den Augen und einem hellrot bemalten Mund, die wie ein Matrose auf See die Hand über die Augen hält und in die Ferne, sprich ins Publikum blickt, erscheint mir noch am trashigsten von allen vieren. Die hat ein Eigenleben. Gleichzeitig frage ich mich, ob das Kontrollierte, das Zurückhaltende, das Gefühl, da steckt mehr dahinter und »drin«, das Üsterreichische ist und zwar das, was Üsterreich so unter sexy versteht?!
;OHYEAHSHEPERFORMSGustav4.jpgGustav mit den Resten eines dicken Bauchs nach der Schwangerschaft zupft an ihrer Pluderhose und goldenen Bluse herum und bläst sich Stirnfransen aus dem Gesicht, lächelt ihrem Spiegelbild zu. Liegt mit einer Zigarette auf dem Klavier in der Gegend herum und amüsiert sich, in Hamburg, im Thalia Theater! Sie hat keinen wilden Schlagzeuger wie die Einstürzenden Neubauten, der auf metallischen Abfällen irre Geräusche erzeugt, sondern kommt mit einer interessanten Frau am Piano und einem Mann an der Elektronik aus (»Diese Ute hat sich übrigens von den Einstürzenden getrennt und macht nun ihr Solo-Programm«, sagt mein Begleiter). Gustav hat sicher in Bezug auf Performance und Schauspiel noch einiges zu bieten in Zukunft, wenn sie in diese Richtung gehen möchte.
Ein richtiger Ausbruch ist von Clara Luzia nicht zu sehen, nicht einmal auf der Bühne. Kontrolliert steht sie über dem Geschehen mit feinem Lächeln und redet nur von ihrem Husten. Da will anscheinend dringend etwas heraus aus ihrem Brustkorb, das sie eingesperrt hält, und zwar nicht nur Hustenschleim, sondern mehr. Oder ein Gespenst sitzt auf ihrer Brust und drückt ihr die Luft ab? Vielleicht mal probeweise eine Nummer ohne Gitarre riskieren, ein Mathilde Santing-Lied nachspielen (»I’ve grown accustomed to her face« z. B. oder »You took advantage of me«), als Lockerungsübung eine Jazzballade oder Schnulze riskieren? Oder noch ein Melodieinstrument in die Band, eine Klarinette – egal wer die spielt? Ein Saxophon wäre schon zu viel Dekoration zu ihrer Stimme dazu. Aber ein nicht allzu wildes Melodieinstrument, damit sie ihre Stimme und ihre Luft auf der Bühne schonen kann, ab und zu? Ein schöner, bereichernder Film auf jeden Fall. Und der nächste bitte inklusive einer Punkerinnen-Band. Und einer dieser tollen neuen Mädchen-Bands vom Girls Rock Camp.

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