Martin Büsser ist tot!

Am 23.9 ist er seiner kurzen und schweren Krebserkrankung erlegen.

Er wurde 42 Jahre alt.

Noch bevor es der Ventil Verlag offiziell bekannt gegeben hat, gab es die ersten Nachrufe im Netz. Mittlerweile sind viele dazugekommen.

Auch wir verabschieden uns von Martin als Mensch, mit dem wir alle irgendwie in der einen oder andern Form zu tun hatten und ebenso als wichtigem Protagonisten einer linken, gegenhegemonialen Popgeschichte.

Es gehört zu den Eigenschaften von Nachrufen, den Verlust, den jeder Mensch darstellt, wenn er plötzlich nicht mehr da ist, vermitteln zu wollen. Abwesenheit ist bekanntlich die eindringlichste Form der Anwesenheit. – Wer sich durch die Nachrufe auf Martin liest, spürt aber noch etwas anderes: eine Erschütterung, die über das Persönliche hinausgeht. Die den Ort, an dem wir uns eingerichtet haben, als solchen betrifft. Etwas fehlt. Etwas wird nicht mehr so sein, wie es war und wie wir es kannten. Dass er plötzlich nicht mehr da sein soll, ist nicht nur schrecklich für die, die ihn gekannt und etwas von ihrer Lebenszeit mit ihm verbracht haben.

Die Nachrufe auf Martin erzählen davon, dass sie jemanden vermissen, auf den sie sich verlassen konnten, eine Konstante, eine feste unerschütterliche Grö&szlige, eine Art gutes Gewissen des avancierten Musikhörens (im Sinne von: »dass das auch politisch/historisch/ästhetisch relevant ist, was ich da höre, steht ja eh bei Martin Büsser, da muss ich mich jetzt gerade nicht drum kümmern«). Jemanden, von dem es immer gut und beruhigend war zu wissen, dass er da ist. Jemanden, in dem sehr wichtige Dinge ihren zuverlässigen Ort hatten.

Martins unermüdliches Schreiben (sein Name tauchte überall auf, wo es noch um etwas anderes als Promomusikjournalismus ging) insistierte stets auf eine Qualität von Pop, die vielen von uns in ihren alltäglichen Lebensvollzügen abhanden gekommen ist. Aber wir wussten immerhin, Martin kümmert sich darum: Martin kümmerte sich um obskure Antifolk-Platten ebenso wie um Wiederveröffentlichungen verschollener Industrial-Tapes, um das, was im Free Jazz passiert ebenso wie um queeren Pop und den allerneusten Krach aus den USA. Um wichtige Filme und wichtige Kunst. Um Dinge, die wir eigentlich selbst hätten mitkriegen müssen.

Martin konnte das Gefühl vermitteln, dass alles, was wir brauchen, irgendwo da drau&szligen ist. Dass wir ihm nur folgen müssen, um uns wieder in etwas sehr Lebendiges und Schönes einzuklinken, das im Prinzip noch immer wie ESP, SST oder welche Koordinaten auch immer für uns persönlich wichtig gewesen sein mögen, funktionierte.

Martins Tod und seine Unfassbarkeit führt uns schmerzlich vor Augen, wie wichtig mittlerweile einige wenige Einzelne geworden sind, in jener Welt, an der wir festhalten. Es gibt aktuell niemand, der in der Lage wäre, seinen Job zu übernehmen.

Martin wird dies in Zukunft nicht mehr für uns tun können.

Wahrscheinlich werden wir es nun wieder selbst in die Hand müssen.

Vielleicht schaffen wir das ja, dann hätte sein Tod zumindest einen Sinn gehabt.

Ciao Martin!