Colin Stetson Trio © Kulturlabor Stromboli

Mächtiger Maskulin-Maximalismus mit Colin Stetson & Co.

Colin Stetson (Saxophon), Greg Fox (Schlagzeug) und Trevor Dunn (Kontrabass) beehrten am Donnerstag, dem 3. Oktober 2018 das Stromboli in Hall in Tirol und haben dort keine Gefangenen gemacht. Mogelpackung und Überraschung war nicht. Man bekam, was man sah, und sah, was man bekam.

Übermächtig thront das Bass-Saxophon am linken Rand der überschaubaren Bühne der Haller Konzertlokalität Stromboli. Man kommt nur schwer umhin, Fotos von dem überdimensionierten Musikinstrument zu schießen und sich währenddessen auf die infernalischen Urlaute und Sounds vorzufreuen, die Stetson diesem Instrument in wenigen Augenblicken entlocken wird. Schon weniger zur Vorfreude tragen der rechts daneben stehende, fast schon unscheinbare, kleine Saxophon-Bruder des Bass-Saxophons, das Schlagzeug weiter hinten und der Kontrabass ganz am rechten Bühnenrand bei. Letzteres Instrument lässt fast schon befürchten, dass man es mit einem Jazz-Konzert zu tun bekommen wird. Doch dann erinnert man sich glücklicherweise daran, dass Stetson, der zwar eine Vorliebe für freien Jazz hat und beispielsweise mit Mats Gustafsson gemeinsame Sache machte, auch schon für Laurie Anderson, Arcade Fire oder Tom Waits getrötet hat. Auch am Donaufestival ist der Saxophon-Maximalist ein gerne gesehener Gast.

Popkulturell anschlussfähiger Jazz
Dementsprechend ungewöhnlich durchmengt ist auch das anwesende Publikum. Überraschend viele Innsbrucker*innen aus dem Dunstkreis des Heart Of Noise Festivals, das man gut und gerne als den kleinen Bruder des Donaufestivals bezeichnen kann, haben den Weg nach Hall in Tirol gefunden. Sehen lassen sich außerdem auch Black-Metal-Shirts und Konzertbesucher*innen, die ihre Neurosis-Affinität offen zur Schau stellten. Alles Ereignisse, die einem bei Jazzfestivals auf österreichischem Boden garantiert nicht passieren. Dass sich dann doch noch alte Free-Jazz-Veteran*innen, die man etwa vom ArtActs St. Johann oder vom Unlimited Wels kennt, unter das Publikum mischen, wirkt da fast schon beruhigend. Die Familie wurde nur erweitert, nicht ausgewechselt.

Für die nächsten knapp 70 Minuten Konzertgeschehen sind sich Jazz-Urgesteine, Noise-Fans und Donaufestival-Hipster einig wie sonst selten. Offenbar hat Stetson den für gewöhnlich für die meisten komisch riechenden Jazz so ausgelegt, dass er plötzlich popkulturell anschlussfähig geworden ist. Für die Jazz-Versteher*innen gibt es weiters ganz viel Virtuosität, die mit spielfreudigem Leitungsbewusstsein garniert wird. So sind dann am Ende alle Seiten glücklich. Erstaunlich dabei ist, mit wie wenigen Verschiebungen diese rare Konsensherstellung gelingt. Nach wie vor wird nicht auf obligatorische Schlagzeug-Soli verzichtet. Auch der Kontrabass hat den einen oder anderen Solo-Rampenlichtmoment. Stetson kleistert in der dann noch verbleibenden Zeit jede Leerstelle mit Tönen zu. All das könnte einem auch bei jedem x-beliebigen Jazz-Konzert passieren.

Mut zum Spektakel
Doch vor allem aus dem Saxophonspiel macht Stetson selbst- und effektbewusst ein Spektakel. Das gelingt ihm vorrangig mittels Zirkularatmung, die seine Saxophonläufe zugleich dahingleiten und martialisch röhren lässt. Das führt dazu, dass weniger gedudelt, als vielmehr gerifft wird. Zweifellos schält sich auch der eine oder andere riffartige Moment aus dem Sound-Gewusel, zu dem man auch berechtigterweise headbangen könnte. Kopfgenickt wird bei dieser Sound-Gewalt insgesamt jedenfalls deutlich mehr, als mit dem Fuß gewippt oder mit den Fingern geschnippt. Der Auftritt ist kurz, aber eindrucksvoll. Ein wenig fragt man sich aber auch, ob da nicht zu viel Eindruck geschunden wird und die Klangwalze nicht ein wenig zu sehr bemüht wird. In Erinnerung bleibt wenig bis nichts, außer dem Gefühl, hier einem Ereignis beizuwohnen, das am besten mit »überaus mächtig« zu beschreiben ist. Ganz so eben, wie es das Bass-Saxophon am linken Bühnenrand zu Beginn schon versprochen und angedeutet hat, und ganz so, wie man es sich eigentlich im Vorfeld erwartet hatte.

Colin Stetsons Weapon of Choice © Markus Stegmayer

Link: http://www.colinstetson.com/