»Fortschritt im Tal der Ahnungslosen« © tsb / Joanna Piechotta

Lieber in Sachsen als im Krieg

Der Sachse Florian Kunert debütiert mit einer schalkhaften Dokumentation »Fortschritt im Tal der Ahnungslosen« über Erinnerung, Integration und Lebensbewältigung von Syrern und Ex-DDRlern. Mit Hilfe des Theaterspiels bringt er die Zuschauer*innen zum Lachen und geistige Grenzen zum Einsturz.

Florian Kunert, gerade noch so in der DDR geboren, um behaupten zu können, in der DDR geboren zu sein, studierte Dokumentarfilmregie in Kuba und glänzt mit seinem ersten Langfilm »Fortschritt im Tal der Ahnungslosen«, der heuer auf der Berlinale weltpremierte. »Tal der Ahnungslosen« wurde der Süd-Westen um Dresden (und nord-östlichste Zipfel der ehemaligen sozialistischen Diktatur) genannt, da dieser von den Übertragungswellen des Westfernsehens und des UKW-Funks verschont wurde, brachen diese Wellen doch z. B. in den Bergen des Elbtalgebirges. In diese nun endlich mit Lügenmedien bespielten Gebiete fährt Kunert zurück, genauer: ins schöne Pirna und nach Neustadt. In letzterer Stadt stand bis zu seiner Auflösung 1990 das Kombinat Fortschritt, Hersteller für DDR-Landmaschinen, die nach eigenen Angaben aufgrund der Intelligenz ihrer Hersteller*innen von feinster Qualität waren.

In dieses Kombinat schickt Kunert ehemaliger Arbeiter*innen und lässt sie mit Flüchtlingen aus Syrien aufeinanderprallen. Zur großen Überraschung kommt es nicht zu Messerstechereien oder »Merkel-muss-weg«-Rufen, sondern äußerst menschlichen Szenen. Die ehemaligen Werkarbeiter*innen zeigen sich gewillt, den Flüchtlingen beim Deutschlernen zu helfen. Interessante, spielerische Theaterszenen (Stichwort: Reenactment, »The Act of Killing«) sollen dabei behilflich sein. Als die Flüchtlinge das imaginäre Essen nicht zahlen können, meint einer der Deutschen gutmütig: »Ihr könnt nicht zahlen. Also bitte singt ein Lied!« Und so singen sie ein Lied.

»Fortschritt im Tal der Ahnungslosen« © tsb / Joanna Piechotta

Einer der Hauptdarsteller*innen der Doku ist ein Herr, der überraschend gut Arabisch spricht. Kunert lässt ihn selbst aufklären, wieso dem so ist. In einer Diaschau zeigt dieser Bilder von Reisen nach Syrien, die er als jüngerer Mann unternahm. Damals bestand nämlich eine enge Völkerfreundschaft zwischen der DDR und Syrien unter Machthaber Hafiz al-Assad, Vater des Sohnemanns und heutigen Massenmörders Baschar. Und dazu unternahm dieser Herr Reisen ins besagte Land. Denn eine Sprache ist wie ein weiteres Leben.

Während die Kamera durch die einstürzenden Bauten zoomt, die auch während des Filmes einem Abriss unterliegen, werden auch Fragen hinsichtlich der DDR gestellt, die teils überraschende Antworten geben. Noch nicht überraschend ist die Aussage, dass man damals ruhiger und sicherer lebte. Auch abnicken kann man die Aussage, dass man in Würde und Anstand lebte. Für einige sicher der Fall. Doch als es dann von gerade dem Mann, der einem gerade so sympathisch wurde, weil er mit Herzblut und gemeinsam mit der Ehefrau den Hilfesuchenden Deutschunterricht erteilt, heißt, es sei ja nicht nur Honecker schlimm gewesen, es seien auch die Menschen um ihn herum, die Verantwortung getragen hätten, genauso wie Hitler selbst auch nicht an allem Schuld war, trübt sich das Bild des sympathischen Ossis ein wenig. Auch, wenn er natürlich recht hat damit, dass eine Person allein nicht all das Unheil anrichten konnte. Der Vergleich zwischen Honecker und Hitler und ihrer Anhängerschaft stößt seltsam auf. Natürlich war Hitler selbst eine wahnsinnig charismatische und einflussreiche Persönlichkeit, und ohne solche hätten sich möglicherweise die genannten Massen nicht mobilisieren lassen können. Möglicherweise. Gut gemeint, dumm gesagt.

»Fortschritt im Tal der Ahnungslosen« © tsb / Joanna Piechotta

Doch genau diese Stellen, diese Widersprüche und Stolpersteine sind es auch, die den Film so interessant und witzig machen. Es ist lustig, wenn jemand beim Anblick des zerfallenden Fortschritt-Werks fragt, ob hier Krieg geherrscht habe. Dazu erklingt debile Heimatmusik, vorgetragen vom Pelenztaler Heimatchor. Dann die Fahrt der Syrer mit dem DDR-Billigauto (Trabi). Und die Szene, in der einer der Flüchtlinge sogar so weit geht, die deutschen Pferde zu kritisieren – die Araber seien besser. Ein Spiel der Syrer, das aussieht wie das europäische Flunkyball, nur, dass die Mitspieler sich dann mit Eisenstangen jagen. Was genau es damit auf sich hat, bleibt offen. Das Nachleben der Marschiertradition in originaler DDR-Tradition, wobei einer der Syrer einen heftigen Lachkrampf bekommt. Für die Flüchtlinge eine furchtbare Vorstellung, die Überwachung und der Drill in der DDR. Ein Einheimischer im Hinblick auf die Tristesse des Verfalls: »Naja, lieber in Sachsen als im Krieg.«

Der Film lebt vor allem von der Komik des Theaterspiels, das befremdet, bei dem sich die Handelnden von sich selbst und ihrem Getue distanzieren, das dann aber auch verbindet, die Schauspieler*innen zusammenbringt, indem es sie alle als Menschen mit bestimmten, eigenartigen Rollen entlarvt, jedoch vor allem mit denselben Bedürfnissen nach Sicherheit, Liebe, Verständnis, Glück usw. Nichtsdestotrotz ist es ein zutiefst ernster Film, der auch auf die Situation von Flüchtlingen in Sachsen eingeht und auf teils katastrophale Zustände, Schikanen durch Behörden und Ängste vor deutschen Rassisten aufmerksam macht. Lieber in Sachsen als im Krieg. Aber noch lieber irgendwo anders als in Sachsen.

Link: https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.html?film_id=201910107