Laibach live, 9. 9. 2012, Arena Wien: Tod eines Leitbildes

Von Salvador Dali stammt das Zitat »Wer interessieren will, muss provozieren«. In Anbetracht dessen musste man sich beim Wien-Konzert von Laibach stellenweise die Frage stellen, ob der musikalische Teil des NSK-Kollektives nicht kurz vor der Pension steht. Oder zumindest sehnsüchtig auf diese wartet.

Es ist die »We come in Peace«-Tour. Dass Laibach den Soundtrack zur finnischen Nazi-Persiflage »Iron Sky« beigesteuert haben war also ein guter Grund, um auf Tour zu gehen. Der Herbstteil der Tour ist zum Zeitpunkt gerade mal ein Konzert alt, doch Milan Fras wirkt müde, ausgelaugt, stellenweise sogar apathisch. Eröffnet wurde das Set mit einem Cover der slowenischen Siddharta, »B-Machina«. Eröffnungstitel von »Iron Sky«, im Anschluss daran sofort der Final Countdown rausgebuttert. Man war in diesem Moment dann schon am ?berlegen, ob diesen Worten eine neue Bedeutung gegeben werden kann. Das Publikum nimmt es aber dankend auf. So wird die erste Hälfte des Konzerts mit viel Filmmusik aber auch mit Stücken von »WAT«, »NATO« und »Anthems« bestritten.

Haben Laibach bisher konsequent das Konzept des Gesamtkunstwerks propagiert, so wirkt dieses beim Auftritt in der Arena lückenhaft, alles andere als gesamt. Die Projektionen wirken lieblos, rütteln niemanden auf. Viele Ausschnitte aus »Iron Sky« wandern über die zwei gro&szligen Leinwände, doch wirkt die Auswahl beliebig, ein Kontext zu den aktuell gespielten Nummern ist nur in den wenigsten Fällen auszumachen. Dass man sich aber nicht einmal die Mühe gab titelfreie Aufnahmen zu bekommen macht die Sache nicht besser. So kommt man immer wieder in den zweifelhaften Genuss sich durch die Namenliste von Cast und Crew zu lesen. Du bist Unser. Immerhin wird es tanzbar, die Projektionen zu düsteren Botschaften, eine Ode an die Abschaffung des Heldentums. Das bekannte Kreuz im Zahnrad nistet sich langsam aber sicher auf den Projektionsflächen ein, jedoch nur um abrupt von der Nahaufnahme eines Frauengesichtes bei der oralen Beglückung eines männlichen Gliedes gestört zu werden. Fellatio schockiert in einer übersexualisierten Gesellschaft schon lange nicht mehr.

Jedoch scheinen sich Laibach in der Besetzung Fras/Špiler/Jamnik/Gabri? wohl zu fühlen und zu verstehen. Den Messias gibt Fras an diesem Abend nicht, jedoch mutiert er immer mehr zu einem Frontman wie ihn einige Popper der achtziger Jahre nur zu gern gehabt hätten. Ungewohnt, aber auch nicht schlecht. Seine Stiefel beginnen zu stampfen, »Tanz mit Laibach«. So etwas wie ein ?berhit. Dass auch hier die Projektionen eins zu eins aus dem offiziellen Video übernommen wurden stört aber weniger. Denn die Marschrichtung ist nun klar vorgegeben: Opportunismus. Das Publikum will scheinbar gar keine Revolution, schon gar nicht will es sich den Kopf über westliche Demokratie oder Totalitarismus zerbrechen. Benzino Napoloni hat ausgetanzt. Leben hei&szligt Leben. Damit wird dann auch der Schlussteil eingeleitet. Dass das darauf folgende »Geburt einer Nation« nach wie vor eine der gro&szligartigsten Aufnahmen der frühen neunziger Jahre und in seiner Live-Darbietung unschlagbar ist, ist nicht abzustreiten. Laibach sind nun in ihrem Element, doch leider viel zu spät in dieses eingestiegen. Was bleibt sind Gefühle einer ausgebrannten Glut, eines abgeschwächten Willens, eines ausgedienten Leitbildes.