Autor: Christoph Dompke

Kometenhafte Abstiege

Von einer »Pioniertat« schrieb Georg See&szliglen 1998 angesichts der Erstveröffentlichung von »Alte Frauen in schlechten Filmen«, und dem ist auch bei der Neuauflage nichts hinzuzufügen.

Christoph Dompkes vergnüglicher Reader über Diven, die den Weg Vamp-Mother-Camp absolviert haben, ist ein leidenschaftlicher (auch im Sinne von Leiden schaffender) wie versierter Reader, der sich, ausgehend vom Klassiker »Whatever Happened To Baby Jane?« (mit Joan Crawford und Bette Davis), jenen (Mach-)Werken widmet, mit denen Kinodiven ihre zwischen Tragik und Selbstzerstörung pendelnden Leinwandabschiede gaben. Das wäre an sich schon ein Lesespa&szlig, da Dompkes Beschreibungen soviel Lust auf die beschriebenen Filme machen, dass es ratsam ist, beim Lesen immer gleich auch nach den entsprechenden Namen, Filmen und Trailern zu googeln. Jedoch bestechen die Texte vor allem dadurch, dass es nicht nur um Camp geht, sondern gleichsam angewandte Camp-Studies betrieben werden.

Camp vs. Trash 

Für Dompke entsteht Camp durch ein »Spannungsverhältnis zwischen dem Gewollten und dem Erreichten«. Deshalb konnte Mae West, die nie eine Rolle über drei&szligig spielte, auch mit 84 bei »Sextette« (1978) überzeugend eine Frau um die drei&szligig darstellen. Trash will Trash sein und entsteht vorsätzlich. Ebenso wie »High Camp«, dem jedoch immer etwas ganz Wichtiges abgeht: jene Ernsthaftigkeit – gerade auch in der Extravaganza, dem Overacting und der locker jede Handlung an die Wand spielenden Ausstattung -, die einen »alten Hollywood-Schinken« erst zu Camp werden lässt. Camp-Werden ist dann auch eines jener versteckten Stichwörter, die bei den ebenso herzergreifenden wie detailverliebten Filmanalysen immer wieder anklingen. Dompke verweist hier auch ganz explizit auf Elisabeth Bronfens Begriff der »Diva«, deren »monströse Kehrseite« (etwa Joan Crawford als »Rabenmutter« und Alkoholikerin) durch einen »anbetenden Blick« gesehen wird. Es ist diese »Anbetung«, die Camp von Trash unterscheidet. Camp funktioniert nach dem Motto: Ich sehe/höre etwas, das du nicht siehst/ hörst. So konnten Filmdiven schwule Identifikationsangebote offerieren. Auch weil es bei diesen »geschundenen weiblichen Stars« um ähnliche Erfahrungen und Leidensgeschichten ging. Umso perfider agieren daher jene Filme, die scheinbar nur ein Ziel haben: »Es alten weiblichen Stars noch einmal so richtig zu zeigen.« Klar legen sich dabei schon mal Grenzfälle wie der von Kurt Raab (!) inszenierte Trash-Schinken »Die Insel der blutigen Plantage« (1983) mit Barbara Valentin (!) als »blutige Olga« quer. Aber auch nur, weil Valentin inmitten der Absicht des Produzenten Peter Kern (!), »den schlechtesten Film der Welt zu machen«, ernsthaft agiert. Camp, gerade wenn es um »Alte Frauen in schlechten Filmen« geht, entsteht erst durch Patina (es braucht einen »aquired taste») und Verfall (und ist deshalb auch immer ganz nahe an Kenneth Angers »Hollywood Babylon« gebaut), ist hoffnungslos outdated und gleichzeitig unzeitgemä&szlig, ist ein geheimes foreshadowing und kokettes avant la lettre (gerade was Feminismus und Queer Studies betrifft).

The End Of Camp
domke1.jpgWie schmerzhaft solche »Reisen in die ??Verlorengegangenheit?? « (Gundolf S. Freyermuth) sind, lässt sich beim Lesen immer wieder miterleben. Dompke leidet bei den »Demontagen« gro&szliger Diven und deren »kometenhaften Abstiegen« zwischen Thriller/Exploitation (Jennifer Jones, Audrey Hepburne) und Horrofilmen (Joan Crawford, Ava Gardner, Lana Turner), oder wenn Marlene Dietrich in »Schöner Gigolo, armer Gigolo« 1978 ihren Leinwandabschied gibt. Aber – und das macht das Buch auch so amüsant und lesenswert – auf den »Mülldeponien der Filmgeschichte« finden sich immer wieder »Trüffel«, die einer campen Nase nicht entgehen. Zudem gilt die Sympathie (bis auf ganz wenige Ausnahmen) getreu dem Spruch »rather be a freak than forgotten« immer den »Alten Damen«. Dompke spricht aber auch das nicht unproblematische »Ende von Camp« an. Einerseits markiert der Tod von Mae West 1980 dieses Datum, andererseits verlor Camp gerade durch das »Out Of The Closet« sein Funktion, eine »heimliche Zusammengehörigkeit « (Daniel Harris) herzustellen. In Zeiten der »Gay Liberation« war eine Camp Sensibility nicht mehr nötig, um zum »Club der Eingeweihten« zu gehören. Exemplarisch für diesen zwiespältigen Verlust ist John M. Clums Ausspruch »I want some fabulousness«. Aber vielleicht findet sich das alles mittlerweile sowieso bei den eh fast schon als Revuen angelegten Live-Shows zwischen Kylie Minogue und Lady Gaga. Und doing camp geht ja immer noch, wie am Beispiel von »Savage Intruders» (1970) gezeigt wird. Die mit Miriam Hopkins und Gale Sondergaard (die angeblich das Vorbild für die böse Königin bei Disneys »Snow White« war und bei »Wizard of Oz« die Rolle der Wicked Witch of the West deshalb nicht bekam, weil sie im Hexenkostüm »als zu sexy« erschien) besetzte Zumutung erschlie&szligt sich hier als DIY-Patchwork. Als cineastisches Pastiche, dessen untergründige Verweisungen mit Vergnügen erschlossen und weitergesponnen werden können. Auch wenn solche Unternehmungen mitunter »nur mit viel Alkohol zu ertragen« sind.

Christoph Dompke: »Alte Frauen in schlechten Filmen. Vom Ende gro&szliger Filmkarrieren«
Männerschwarm 2012, 256 Seiten, EUR 16,-