Keane - 19.03.05, Gasometer Wien

Pathos-Pop mit Überzeugungskraft präsentiert, oder: Gute Unterhaltung ohne Distinktionsgewinn …

Es war keine leichte Aufgabe für das Trio ohne elektrische Penisverlängerung aus Südengland der hingebungsvollen Performance von Rufus Wainwright noch eins draufzusetzen. Dass es letztlich doch gelungen ist, verdanken Keane auch einem Publikum, das großteils wegen der inzwischen Ö3-kompatiblen Headliner in den wie immer maximal ungastlichen Gasometer angereist war, und nicht um den Wainwright-McCarrigle-Spross samt Salzburger Filzhut am Kopf zu erleben. Dandy-Pop-Spurenzieher Morrissey soll Keane ja angeblich hassen, was aber nicht viel zu sagen hat, weil – wie Kollegin Ondrusova richtig anmerkte – Morrissey ja so einiges hasst. Und konkurrenzierende Epigonen im eigenen Genre eignen sich als Hassobjekte eben perfekt, wobei schon die Tatsache der entschiedenen Ablehnung einer harmlosen Popband auf ein Mindestmaß an Respekt schließen lässt. Viel Feind‘, viel Ehr‘.

Insel-Mode von Boys-next-door

Von Feinden war in Wien-Erdberg nichts zu bemerken – ganz im Gegenteil huldigte vom ersten Takt an ein enthusiasmierter Keane-Mob Tom Chaplin und seinen unglamourösen Spezis aufs herzlichste. Dass dabei Bass und gelegentliche Streicher die Boxentürme via Konserve zum wackeln brachten, störte nicht weiter. Für eine Band, die trotz immerhin achtjährigen Bestehens gerade einmal eine CD und ein paar Singles auf den Markt geworfen hat, gelingt es Keane fulminant eine 80 Minuten Performance aus dem modisch-äh-gewagten Hemdsärmel zu schütteln. Nur im Mittelteil gab es Längen und so manches Gähnen in den abgeklärteren Publikumsreihen. Aber was soll’s – jede Zeit verlangt nach angemessener Beschäftigung – für viele ist ja auch der Samstag noch ein anstrengender Arbeitstag, und der Biernachschub kommt auch nicht von selber daherspaziert.

Blaupausevariationen

Wie in einer noch knospenden Liebesbeziehung waren Band und Fans voneinander ganz schön angetan. Und wer das Stadium der pathologischen Verliebtheit kennt, der weiß, dass man in diesem Zustand gar nicht so einfach etwas falsch machen kann. Das Songmaterial der in der obersten Britpopliga spielenden Keane unterscheidet sich höchstens in homöopathischen Dosen, was sich aber schon in vielen Fällen als probates Erfolgsrezept entpuppt hat – wenn nur die Blaupause des einen Songs gut genug ist und mit entsprechender Verve in den Saal geschleudert wird. Und diese Voraussetzungen erfüllen Keane, allen voran Falsett-Akrobat Chaplin, spielend. Eine erfreuliche Ausnahme ist »Sunshine«, das mit seinem programmatischen Titel auf den Pet-Sounds-Sessions nicht auffallen würde, und in so mancher Passage war auch Morton von A-ha zumindest virtuell anwesend. Für das abendfüllende Programm hätte aber der eine oder andere strategisch platzierte dissonante Widerhaken gut getan, um die Songs tiefer ins akustische Gedächtnis zu ritzen.

Friede, Freude, Eierkuchen – Brothers and Sisters in Love

Dass sich hier inhaltlich alles um das große Mysterium des Zwischenmenschlichen und die damit verbundenen Freuden und Schmerzen handelt, liegt auf der dem Publikum mit großer Geste offen dargebotenen Hand. In schwächeren Momenten mag einem da sogar U2 ins Bewusstsein schießen – aber halt! Diesen Vergleich haben Keane dann doch nicht verdient. Der großzügige Zugabenblock bringt mit effektiver Lightshow die abschließende Katharsis – Friede, Freude, Eierkuchen, Selling the Drama. So manches Pärchen könnte nach diesem Abend mit heiser gegrölten Kehlen und wundgeklatschten Handflächen den Weg ins gemeinsame Bettchen gefunden haben. Zum wunderbaren Wunden lecken.