»Gli ultimi a vederli vivere« © Sara Summa, Katharina Schelling

Kamerafahrt in den Tod

Sara Summa verarbeitet einen fiktiven Kriminalfall in »Gli ultimi a vederli vivere«, einem crowdgefundeten, kleinen Meisterwerk, das auch von Katharina Schellings superber Kameraarbeit zehrt, die die italienische Idylle traumhaft schön einfängt.

Sara Summas erster Langspielfilm »Gli ultimi a vederli vivere« (»The Last to See Them«) weiß zu überzeugen. Sie zeigt darin den letzten Tag der Familie eines Olivenbauerns in Italien, nachdem gleich zu Beginn angekündigt wird, dass die vier Protagonist*innen in der Nacht eines gewaltsamen Todes sterben, nähere Gründe bleiben unbekannt. Mit einer langen Kamerafahrt, in einem Auto wohl, zieht man als Zuschauer*in jene Bahnen, die später die Mörder*innen fahren werden, bevor sie am Haus ankommen und die Geschichte ihr brutales Ende nimmt. Sara Summa hat Alfred Hitchcocks Kniff des Suspense variiert, indem sie den Ausgang des Films an den Anfang stellt und zeigt, wie es dazu kommt, um am Ende wieder dorthin zurückzukehren, kreisförmig, den Verlauf eines durchschnittlichen Tages aus den verschiedenen Perspektiven von Mutter, Vater, Tochter und Sohn beleuchtend. Die Täter*innen werden nicht entlarvt, vielmehr sind es die Zuschauer*innen, die den Einbruch in ihre Privat- und Intimsphäre wagen.

»Gli ultimi a vederli vivere« © Sara Summa, Katharina Schelling

Es ist die Erzählung einer Familiengeschichte, deren Stränge sich für die Zuschauer*innen sichtbar überschneiden. Man sieht die Protagonist*innen beim Aufstehen, bei der Vorbereitung auf die Hochzeit der ältesten Tochter, sieht den Vater beim Orangenschälen und das saftige Fruchtfleisch wegschmatzen, die stark depressive Mutter sich kleine Figuren aus Glas ansehen und den Jungen heimlich rauchen. Man sieht die Geheimnisse der einzelnen Familienmitglieder, welche sie letzten Endes mit ins Grab nehmen werden. Intim und langsam, tranceartig filmt Katharina Schelling die kleinen Verrichtungen, welche mit Hilfe der Musik von Ben Roessler eine eindringliche Tiefe, Wichtigkeit erlangen. Jede Handlung, das Kuchenbacken, das Schleifen, das Pferdestriegeln, erhält die Aura einer Meditation. Absurderweise erlebt der*die Zuschauer*in den Schock noch vor der Tat, bis sie dann eintritt. Wie in einer Mondlandschaft, so trocken, leblos und still ist die Umgebung. Am Anfang wie am Ende. Es geht nicht um esoterischen »Carpe diem«-Quatsch. Summas zeigt nicht mehr und nicht weniger als welchen Impact das Wissen um das nahe Ende auf im Grunde Nichtiges, Alltäglichkeiten für die Beobachter*innen haben kann.

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