Jeder hat seine Gründe

Benjamin Heisenbergs Film Schläfer thematisiert heikle Themen im Kontext mit dem 11. September 2001: Sicherheit und Überwachung in unserer Gesellschaft, in der auch soziale Beziehungen kaum Sicherheit mehr geben.

Der Wissenschafter Johannes zieht nach München, um dort an der Universität zu arbeiten. Sein Kollege Farid stammt aus Algerien. Aufgrund ihrer Forschungsschwerpunkte müssen die beiden zusammen arbeiten, was zunächst problemlos funktioniert. Die beiden freunden sich sogar an. Doch: Die Beziehung ist von Anfang an dadurch getrübt, dass der Staatssicherheitsdienst Johannes dafür anwerben will, Farid zu bespitzeln – was er schließlich auch tut. Beide verlieben sich in die junge Kellnerin Beate, die zunächst mit Farid zusammen ist. Das bringt zusätzliche Brisanz in die Beziehung der beiden: Die ist auch dadurch bereits gestört, dass der gemeinsame berufliche Erfolg nur Farid zugeschrieben wird. Als der unter dem Verdacht, einen Anschlag verursacht zu haben, verhaftet wird, schweigt Johannes, obwohl er Farid ein Alibi geben könnte.

skug: Wie ist die Idee zum Film Schläfer entstanden?
Heisenberg: Die Idee ist deshalb entstanden, weil nach dem 11. September die Inneren Sicherheitsgesetze in Deutschland verabschiedet wurden. Gesetze, die sehr stark in die persönliche Freiheit und ins Privatleben eingegriffen haben. Das hat mich geschockt, weil ich das Gefühl hatte, dass man in den 1980er Jahre noch für die Volkszählung auf die Strasse und macht Riesendemos und alle regen sich auf und dann wird das innerhalb von 2 Monaten alles von Tisch gewischt und ist eh egal – nur weil es den 11. September gegeben hat. Da habe ich dann begonnen darüber nachzudenken: Wie würde eine Geschichte aussehen, in der sich diese Verunsicherung in das Privatleben hineinzieht. Bis hin zu einer Form, in der man sich nicht mal mehr persönlicher Beziehungen sicher sein kann. Sondern es wird alles über den Kamm geschoren: Schauen wir mal, ob es sich als wahr oder falsch erweist.

Ist das nicht überhaupt ein gesellschaftliches Phänomen, dass Dinge, die langfristig erkämpft worden sind und die es gibt – etwa durch Gewerkschaftsbewegungen oder die Frauenbewegung – Schritt für Schritt wieder abgetragen werden.
Ja, total. Ich empfinde das auch als eine wirkliche Bedrohung, die sehr schleichend passiert. Ohne dass jemand wirklich etwas dazu sagt. Es hat zwar jetzt eine Kapitalismuskritik gegeben, die aber so hölzern war, dass man sie gar nicht richtig ernst nehmen konnte.
Mir geht es auch so, in Bezug auf die ganzen Errungenschaften, die wir auf dem Gesundheitssektor hatten, auf dem Gewerkschaftssektor – wie du sagst Emanzipation usw., wird so getan, als ob sie Lasten der Gesellschaft wären, die man eigentlich schon früher abbauen hätte müssen, weil sie eh nicht funktionieren und nur den Staatshaushalt belasten. Das halte ich für fundamental falsch.

Die beiden männlichen Hauptfiguren kommen aus ihren Strukturen im Film gar nicht heraus.
Die sind generell verunsichert, emotionaler Natur und die spielen sich auf anderen Ebenen aus. Da greift sich das System den Menschen auch auf eine Weise. Also: Wenn du selbst in Verunsicherung gerätst, versuchst du dich an dem nächsten festzumachen, das irgendwie sicher ist. Sicher ist, dass es besser ist, wenn ich mich im Beruf durchsetze, wenn ich den nächsten Schritt setze, wenn ich meine Karriere voranbringe. Sicher ist, dass es besser ist, wenn ich eine Freundin habe als wenn ich keine habe, usw.. Diese ganzen Fragen und Feststellungen einer Gesellschaft wirken sich in verunsicherten Verhältnissen noch stärker aus.

Wie sind Johannes, Farid und Beate?
Sie sind Suchende; Leute, die alleine durch die Gegend taumeln. Das Problem an diesen Beziehungen ist, dass sie alleine nicht stehen können. Eine Gesellschaft – als Ideal – in der jeder aus einem Moment der Freiheit heraus entscheidet und sich dazu entschließt, miteinander zu arbeiten und solidarisch zu sein, oder in eine Beziehung zu gehen oder zusammen zu arbeiten; das kann funktionieren. Aus Unfreiheit heraus wird es immer zu einem Ungleichgewicht führen.
Deshalb glaube ich, dass Revolutionen eine schwierige Sache für eine Gesellschaft sind, weil sie erst mal aus einer Unfreiheit heraus entstehen. Also entsteht ein Druck, ob sozial oder durch Krieg oder was auch immer und der mündet dann in eine gemeinsame Bewegung hin zur Veränderung dieser Struktur. Diese Stoßrichtung wird dadurch geleitet, dass ein Ungleichgewicht ausgeglichen wird. Dadurch pendelt die Waage wieder in die andere Richtung und bis die sich ausgependelt hat, braucht es wieder Jahrzehnte.
Wenn es aber eine Gesellschaft gibt, die eine positiven Spirit und eine positive Energie hat, wird auch für Investoren interessant sein. Da zu investieren.

Ich glaube auch, dass soziales Engagement und dass Menschen aus Überzeugung etwas machen, was anderen zugute kommt, wenn nicht jeder internalisiert hätte, dass man den anderen überflügeln sollte. Im Film gibt es den Bruch dann ja auch zwischen allen. Wirklichen Zusammenhalt gibt es ja zwischen den Figuren gar nicht.
Nie. Es ist so: Einerseits zeige ich die Leute vereinzelt, aber es wurde immer wieder gesagt, das ist eine kalte Weltsicht – so sehe ich das eigentlich gar nicht. Ich habe eher das Gefühl, dass der Film sehr für die Menschen ist. So empfinde ich das, wenn ich den Film jetzt sehen. Ich versuche aber einen liebevollen Blick auf die Menschen zu machen, selbst wenn sie lauter Fehler machen. Aber im Grunde, finde ich, kann man das alles verstehen, aber man muss das jetzt nicht von vorne herein verzeihen, sondern man sieht: Die Leute machen Fehler, aber das ist eben alles menschlich.
Das sind eben alles Suchende, das sind Leute, die versuchen, sich durch ihr Leben zu kämpfen. Und es nicht schaffen, sich so stark aufeinander einzulassen, dass es zu einer haltbaren Beziehung führt, sondern die schrammen leicht aneinander vorbei und sind zu sehr voneinander abhängig, um wirklich miteinander Beziehungen aufbauen zu können.

Ist das ein Schlüsselsatz im Film: Johannes sagt – so etwas ähnliches wie du eben – im Nachtclub zu Farid: Jeder hat seine Gründe.
Ja. Er sagt: Das schlimmste ist, dass man jeden verstehen kann, jeder hat seine Gründe.

Letzte Frage: Wo warst du am 11. September?
Ich war zu Hause und hab gebügelt. Ich höre immer Radio beim Bügeln und dann habe ich den Fernseher eingeschaltet und der zweite Flieger ist in den Turm gekracht. Ich war zu Hause und habe Kleinzeug gemacht, nichts Spektakuläres.

Schläfer (D/A 2005), R: Benjamin Heisenberg
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