Mokoomba © Mathias Heschl

Jazzfestival Saalfelden: Qualität in der Quantität

Vom 23. bis 26. August 2018 fand in Saalfelden das diesjährige Jazzfestival statt. Xavier Plus war für skug dabei und hat einen ausführlichen Bericht in Form eines viertägigen Tagebuchs verfasst. Zum Nachlesen und Nachhören.

Das Jazzfestival Saalfelden 2018 war mit seinen jungen und aufstrebenden sowie altbekannt grandiosen Acts dermaßen vielseitig und kurzweilig, dass es vermessen wäre, die vielen faszinierenden Konzerte in einem kurz gehaltenen Artikel zusammenzufassen. Es folgt daher ein ausführlicher Erlebnisbericht über alle vier Tage des diesjährigen Jazzfestivals von 23. bis 26. August 2018.

Tag 1: Auftakt mit Mokoomba, Little Rosies Kinderarten und eCsTaSy
Die 39. Ausgabe des Jazzfestivals Saalfelden beginnt am Donnerstag um 18:30 Uhr auf der Citystage, die Gratiskonzerte für alle Interessierten bietet. Das aus Zimbabwe stammende Afrobeat-Kollektiv Mokoomba betritt, begleitet von Donnern und einem plötzlich einsetzenden Regenschauer, die Bühne und eröffnet das Festival mit euphorisierenden Grooves und wundervollen, mehrstimmigen Gesängen. Trotz des etwas trägen Publikums macht sich dank der Band schnell eine positive Stimmung breit. Denn es ist nicht nur die Musik selbst, die so Laune macht, sondern es sind auch die kleinen Choreografien, die die Bandmitglieder traumhaft synchron während des Spielens abliefern. Immer wieder gibt es Jubelausbrüche, aber der Höhepunkt ist erreicht, als, nur von Shakern, Drums und Congas begleitet, ein traditionell mit Holzmaske und Stoffumhang verkleideter Mann auf die Bühne kommt und eine rhythmisch wahnsinnig präzise Tanzeinlage darbietet, die das mitklatschende Publikum vollends in den Bann der zimbabwischen Tradition zieht.

Einige Zeit später kommen einige vom nach wie vor anhaltenden Regen völlig durchnässte Gestalten beim Nexus an, um die Eröffnung der Shortcuts- Konzertreihe durch einen österreichischen Act zu erleben, dessen Name schon einige Zeit in vieler Munde ist: Little Rosies Kindergarten. Ursprünglich als Improvisations-Kollektiv gegründet, hat sich die 13-köpfige Formation mittlerweile zu einer fixen Band zusammengeschlossen, die Anfang des Jahres ihr Debütalbum veröffentlicht hat. Im Line-up finden sich einige bekannte Namen wie Cellist Clemens Sainitzer, Saxofonistin und Bassklarinettistin Lisa Hofmaninger und Schlagzeugerin Judith Schwarz. Das Kollektiv gibt eine außergewöhnliche und kurzweilige Performance, gespickt von Kontrasten zwischen sehr eigenwilliger Komposition und freier, aber stets aufgeräumter Improvisation, die auch vom Publikum spürbar enthusiastisch aufgenommen wird. Wir hoffen, dass diese Gruppe nicht so schnell ins Volksschulalter kommt!

Fusion-Gitarren-Meister Raoul Björkenheim bestreitet das letzte Konzert des Abends. Seine Band mit dem Namen eCsTaSy wirkt aber fast ein wenig zu routiniert. Die Stücke bestehen häufig aus einer Aneinanderreihung von halsbrecherisch schnellen, in absoluter Perfektion, aber etwas gebetsmühlenartig dargebotenen Gitarrenriffs. Die dazwischen entstehenden Freiräume macht der Saxofonist Pauli Lyytinen oft zu Highlights des Gigs, auch während Björkenheim in Hintergrund nebenbei Gitarrensaiten tauscht, ebenso schnell wie er auch spielt. Aber es ist ebendiese schlafwandlerische Sicherheit, vor allem seitens Björkenheims und von Schlagzeuger Markku Ounaskari, die der Musik oftmals die Spannung raubt und den Funken am Überspringen hindert.

Tag 2: Chamber 4, KUU!, Liminal Zone, Marc Ribot und Kokoroko
Den zweiten Tag eröffnet der französische Violinist Théo Ceccaldi mit seinem Quartett Chamber 4. Im Rahmen des leisesten Konzerts des Festivals gestaltet die Gruppe frei improvisierte Klangflächen von höchst fragiler und transparenter Substanz. Besonders spannende Momente ergeben sich in Duosituationen, in denen Théo Ceccaldi im Dialog mit dem Cellisten, seinem Bruder Valentin, einen hochkonzentrierten Ideenaustausch liefert. Anschließend betritt, als Kontrast dazu, die Formation KUU! mit Schlagzeug, zwei Gitarren und teilweise effektbeladenem Gesang ausgestattet, die Shortcuts-Bühne. Durch die von Sängerin Jelena Kuljic gesteuerten Stimmeffekte erhält ihr Gesang an vielen Stellen eine besondere Dringlichkeit, die das hochenergetische, aber dank fehlendem Bass dennoch luftige Spiel der Band perfekt ergänzt.

Und dann schließlich: Die offizielle Eröffnung des Jazzfestivals Saalfelden 2018 auf der Mainstage durch Ulrich Drechslers Liminal Zone. Ein groß angelegtes Projekt, in dem MusikerInnen aus verschiedenen Stilen zusammentreffen. Auf der Bühne finden sich unter anderem Poetry-Slammerin und Rapperin Yasmo, Sängerin Clara Luzia, Sopranistin Özlem Bulut und als Rhythmusgruppe Judith Ferstl am Bass, Simon Raab an den Keyboards und Judith Schwarz am Schlagzeug ein. Trotz der dem Projekt zugrundeliegenden spannenden Idee der Vereinigungen von Drechslers Einflüssen auf einem geistigen und musikalischen Spielplatz ist vor allem die musikalische Darbietung im Zusammenspiel mit den recht bizarren Visuals nicht ganz schlüssig. Es gibt sehr große Momente, zu denen besonders Clara Luzias und Yasmos Parts zählen, dazwischen aber auch Phasen der Unklarheit, die wohl dem Anfangsstadium geschuldet sind, in dem sich das Projekt (es wird Ulrich Drechsler noch weit bis ins Jahr 2019 beschäftigen) noch befindet.

Marc Ribot ist mit seinem im September erscheinenden Album »Songs of Resistance« vorab an diesem Abend auf der Mainstage zu Gast und es ist vor allem seine Band, die beeindruckt. Jay Rodriguez am Saxofon, Nick Dunston am Bass und Nasheet Waits am Schlagzeug bilden die aufgewühlte, nervöse Grundlage für Ribots gewohnt sperriges Gitarrenspiel und seinen krächzenden Gesang. Mit wackeliger, aber ausdrucksstarker Stimme wettert er gegen die Grenzpolizei der USA, Donald Trump und Krieg. Eine an politischer Motivation kaum zu übertreffende Darbietung und vor allem durch die oben genannten Musiker eine hautnah erlebbare musikalische Protestaktion. Am Ende dieses Tages steht ein Auftritt der Londoner Afrobeat-Gruppe Kokoroko, die im Café Nexus für lockere Stimmung und geschwungene Tanzbeine zu später Stunde sorgt. Gewitzte Soli über hippe Grooves lassen nach diesem Konzert wohl auch die letzten motivierten FestivalbesucherInnen ausgelaugt und gefüllt mit Rage und Glückseligkeit ins Bett kippen.

Kokoroko © Mathias Heschl

Tag 3: Jazz & Literatur, Sharp & König, Punkt.vrt.Plastik, Shake Stew
Wer am Samstagvormittag in der Buchhandlung Wirthmüller in Ruhe durch Kochbücher oder wohlbekannte Romane stöbern möchte, hat Pech. Denn das gemütliche, tunnelartig angelegte Büchergeschäft ist voll von Jazzfestival-BesucherInnen und schaulustigen SaalfeldnerInnen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen: Bassklarinettistin und Sopransaxofonistin Lisa Hofmaninger und Schlagzeugerin Judith Schwarz (sie waren bereits gemeinsam mit Little Rosies Kindergarten am Donnerstag zu hören) spielen ein Duo-Set in einem literarischen Rahmen. Die beiden spielen bereits lange in diversen Formationen zusammen, was, gefördert durch das intime Setting, ein spannendes Konzert hervorbringt. Ebenso wie in den meisten Büchern, die sie umgeben, geht es ums Geschichtenerzählen und durch die spannende Substanz ebendieser wird dieser Auftritt zu einem absoluten Highlight.

Da das Trio Aires bedauerlicherweise absagen musste und daher das Trio Punkt.vrt.Plastik auf die Mainstage verlegt wird, wird ein Shortcuts-Slot frei. Eine großartige Idee seitens des musikalischen Leiters Mario Steidl ist es, den Gitarristen Elliott Sharp mit dem anwesenden Drummer Lukas König für eine spontane, gemeinsame Performance zur Füllung dieses Slots zusammenzuspannen. Das ergibt ein spannendes musikalisches Kennenlernen, wobei König mit Drums und Synthesizer einen derart dichten musikalischen Teppich ausrollt, dass Sharp nicht viel mehr tun muss, als seine effektgetränkten Gitarreneskapaden darauf auszubreiten. Von seiner Seite eine wesentlich stärkere Performance als das Programm »Chansons du Crépuscule«, in dem er gemeinsam mit Harfenistin und Vokalistin Hélène Breschand einige Stunden später auf der Mainstage die sogenannte »Blue Hour» besingt, die unter seiner Intransparenz und instrumentalen Richtungslosigkeit leidet, denn an manchen Stellen erinnert das Konzert (begünstigt durch Sharps dröhnende Bariton-Stimme) an einen der schwächeren Momente von Nick Cave.

Durch die bereits erwähnte Programmänderung kann das Trio Punkt.vrt.Plastik von Kaja Draksler auf der Hauptbühne seine ganze Pracht vor großem Publikum entfalten. Vertrackte Kompositionen treffen auf flüssige Spieltechniken und begeistern das Publikum. Joe McPhee steht als Nächster auf dem Programm und tritt mit einer instrumentalen Formation (zwei Saxophone, zwei Kontrabässe, Drums) auf. Die an und für sich spannende Idee eines Aufeinandertreffens zweier Kontrabässe leidet jedoch unter der suboptimalen Tonmischung im Saal, die beiden Instrumente vermischten sich oft zu einem eher störenden Sumpf.

Das große Finale des Tages und einer der am meisten erwarteten Auftritte des Festivals folgt um 0:30 Uhr, und zwar die für die Eröffnung der 37. Ausgabe des Festivals zwei Jahre zuvor von Lukas Kranzlbinder gegründete Band Shake Stew zusammen mit dem britischen Saxofonisten Shabaka Hutchings. Die Symbiose ist perfekt: Shabaka, der selbst gerne in Bands mit zwei Drummern spielt, lässt sich vom Rhythmus-Kraftwerk Niki Dolp/Mathias Koch und den Bassisten Lukas Kranzelbinder und Oliver Potratz zu solistischen Höhenflügen anspornen. Mario Rom, Clemens Salesny und Johannes Schleiermacher steuern ebenfalls sehr inspirierte Soli bei und runden diese hochenergetische Stunde ab.

Tag 4: Fly or Die, Triple Double, Throw a Glass und großes Finale
Die Trompeterin Jaimie Branch gilt als einer der rising Stars in der Free-Jazz-Szene in den USA und liefert als Opener des letzten Festival-Tages mit ihrem Projekt Fly or Die eine distanziert-coole und minimalistisch-spannende Show ab. Die Kombination von frei improvisierten Passagen mit kompositorisch minimalistischen Song-Fragmenten sorgt für einen unprätenziösen Subtext, auf dem sich neben Branch auch Cellist Lester St. Louis ausbreiten und die hohen Erwartungen an dieses Konzert erfüllen kann.

Triple Double © Mathias Heschl

Der aus Brooklyn stammende Schlagzeuger Tomas Fujiwara spielt mit seinem erstklassig besetzten Triple Double auf. Am zweiten Schlagzeug sitzt der immer groovende Gerald Cleaver, Trompete und Cornet spielen Ralph Alessi und Taylor Ho Bynum. Als besonders interessant und kontrastreich stellt sich darin das Gitarren-Duo Mary Halvorson/Brandon Seabrook heraus: Mit ihren beiden Stilen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, tragen sie wesentlich zum Gelingen des Doppel-Trio-Konzeptes bei. Es gibt kollektive Improvisation aller MusikerInnen sowie Teile, die jeweils einem der beiden Trios gehören und vom jeweils anderen nur ergänzt werden. An diese Performance kann die französische Vokal-Akrobatin Leila Martial mit ihren beiden Mitmusikern nicht ganz anschließen. Denn obwohl ihre Gesangskünste sowie ihr Umgang mit der dazugehörten Effektspielwiese makellos sind, gibt es während des Konzertes nur wenige Momente, die wirklich herausstechen und in Erinnerung bleiben. Ihre große »Time to Shine« sollte allerdings noch kommen …

… und zwar in Form einer Jam-Session. Nachdem Eric Friedender mit seinem der musikalischen Entdeckung des Absynth-Konsums gewidmeten Projekt Throw a Glass den offiziellen Teil des 39. Saalfeldener Jazzfestivals beendet hat, finden sich Musiker und Gäste zum gemeinsamen Musizieren im Café Nexus ein. Es eröffnen Lukas König und Herbert Pirker an den Schlagzeugen zusammen mit Philipp Nykrin am Keyboard, Lukas Kranzelbinder am Bass und Mario Rom an der Trompete mit einem ausführlichen Jam, der sehr an Miles Davis’ »Live-Evil«-Ära erinnert. Etwas später gesellt sich Kornettist Taylor Bynum von Triple Double dazu und hebt das Zusammenspiel auf eine noch höhere Ebene. Leila Martial steigt nach einiger Zeit ebenfalls in die Improvisation ein und entwickelt mit ihren stimmlichen Einwürfen eine besonders spannende Klangebene, die ihre Mainstage-Perfomance einige Stunden zuvor locker in den Schatten stellt. Der Triple-Double-Gitarrist Brandon Seabrook gibt ein Duo mit Schlagzeuger Lukas König zum besten und darauf folgt der große Höhepunkt, an dem das ohnehin heiße Café Nexus vollends zu Kochen beginnt: Tomas Fujiwara und Gerald Cleaver nehmen hinter den beiden Drumsets Platz und vertiefen sich in einen Jam, zu dem der Reihe nach auch die restlichen anwesenden MusikerInnen dazustoßen, und zelebrieren gemeinsam, stellvertretend für die vergangenen vier Tage, die Musik und die Improvisation. Eine bessere Abrundung für ein Avantgarde-orientiertes Festival kann man sich eigentlich kaum vorstellen und so verlassen, während bis in die frühen Morgenstunden musiziert wird, die Gäste nach und nach das Café, beseelt und vorfreudig gestimmt auf das 2019 kommende Jubiläum des Jazzfestivals Saalfelden.

Link: www.jazzsaalfelden.com