Hannah Arendt (Barbara Sukowa) im Pressesaal während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem © Filmladen Filmverleih

Hannah Arendt-Film: »Eichmann hatte kein Selbst«

Hannah Arendts Schreibfülle und Witz sind schlecht bebilderbar. Der Film »Hannah Arendt« bleibt weit hinter dem Orginal zurück, obwohl sich Margarethe Trotta sehr bemüht, die Leichtigkeit der Philosophin einzufangen.

Als die Orginalaufnahmen auftauchen, wird klar, dass der Film nicht mithalten kann. Gegen die Schwarzweißbilder aus dem Prozeß gegen Adolf Eichmann in Jerusalem wirken die gezeigten Lebensumstände von Hannah Arendt samt Ehegatten, Freundin und schöner Wohnung oberflächlich und banal – egal wie sehr die Filmemacherin Margarethe Trotta sich auch bemüht, das vornehm und elegant zu machen. Wenn Eichmann wie ein Vögelchen schief schaut, seine Falten quer auf der Stirn runzelt, hager, die Haut straff über den Kopf gezogen, wie ein Shoah Ûberlebender nach seinem Bericht vor dem Gericht auf den Boden fällt und liegen bleibt, diese Bilder dringen direkt durch, vor allem wenn man sie noch nie vorher gesehen hat. »Es war eine bewußte Gespaltenheit, wo man sich von einer Seite flüchtete und umgekehrt«, sagt Eichmann. Und: »Es hatte ja keinen Zweck, dass ich dagegen bin. Es liegt auch in der Zeit, der weltanschaulichen Erziehung, dem Drill.«
Das zweite Problem neben der Unverhältnismäßigkeit von Film und Orginalaufnahmen, ist die Sprache, der Witz und die Intelligenz Hannah Arendts, die in all ihren Büchern deutlich durchscheinen und leuchten, die so aber schlecht bebilderbar sind. Während Wilhelm Reich alias Klaus Maria Brandauer in »seinem« Film nonstop redet (»Der Fall Wilhelm Reich« von Antonin Svoboda, 2012) und sehr viele interessante Sätze von sich gibt, wird Hannah Arendt öfter elegant am Sofa liegend gezeigt, mit Zigarette in der Hand, den Augen zu und nachhallenden Stimmen vom Prozeß im Kopf. Weder beim Schreiben noch beim Reden auf höchstem Niveau, allein ein Universitätsvortrag kann kurz etwas von ihrer Sprachfülle und vollendeten Denk- und Schreibeleganz vermitteln.

Verstehen heißt nicht vergeben
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Eichmann hätte jedem Gesetz gefolgt, er fühlte sich nicht verantwortlich, er hatte kein Selbst, sagt Arendt im Film, er ordnete sich unter. Ihren eigenen Schmerz zu zeigen, wäre schamlos gewesen, sagt Stubs, der Ehemann, und hätte nicht ihrem Charakter entsprochen. Warum eigentlich? Eichmann wies alles Persönliche von sich, er weigerte sich ein Mensch zu sein, ist die These dieses Films, trotzdem sei der Prozess nicht gegen das nationalsozialistische System oder gegen Antisemitismus gewesen, nur gegen eine Person. »Es gibt Menschen, die es zurückweisen (refuse), Personen zu sein«, sagt Arendt im Film. Und: »Der Versuch zu verstehen, bedeutet nicht Vergebung.«
Auch wenn es erstaunlich ist, wie gewöhnt man schon an »flache« Frauencharaktere in Filmen ist und wie Barbara Sukowa als diese Hannah Arendt daraus hervor sticht, mittelalt, kräftig, elegant ihren Weg gehend – das allein ist schon eine Sensation -, doch der Film hätte weitaus mehr Theorie vertragen und der Abspann mit »dem Bösen« ist falsch. Hannah Arendt hat ein ganzes Buch »über das Böse« geschrieben und die beliebte Verkürzung mit dem Sager der »Banalität des Bösen« ist schlichtweg zu einfach gedacht. Warum Eichmann, wie viele seiner Generation, nicht nur keine Sprache, sondern auch kein Selbst entwicklen konnte, ist komplizierter zu verstehen. Eichmann war z.B. nach dem Ende des Nationalsozialismus sehr froh, dass es Gott gibt, denn »ohne Führung müßte man doch ganz alleine sein« (nach Zvi Aharoni, Wilhelm Dietl: Der Jäger. Operation Eichmann: Was wirklich geschah; DVA 1996).