Curt Owen: »For Sam, Forever Ago« © Already Dead Tapes and Records

Grundrauschen #8

Grundrauschen stellt für skug die interessantesten Kassettenveröffentlichungen des Monats vor, um dem Anflug spätsommerlicher Melancholie noch einmal auf die Füße zu treten.

Wer den schweißgebadeten Hundstagen nachträumt, findet Hoffnung. In Form von Kassetten lässt sich der anbrechende Herbst nämlich gleich besser ertragen. Grundrauschen lässt die Gedanken noch einmal schweifen, bevor sich die Sonne für die nächsten sechs Monate verabschiedet. Kollektive Dunkelheit mit anarchischem Techno, treibendem House und verspieltem HipHop. Dazu der ein oder andere Ausflug in die experimentellen Gefilde der elektronischen Klangerzeugung. Kompakt zusammengefasst.

African Ghost Valley – »ERCAMESCZ« (oreille gardée)
Nicht nur metaphorische Welten liegen zwischen Kanada und Europa. Von dort aus agieren nämlich die zwei Klangasketen von African Ghost Valley. In Gedanken und über hochleistungsstarkes Glasfaserkabel verbunden kommt es dabei über kurz oder lang zu ziemlich abstrusen Interferenzen, die in der jüngeren Vergangenheit auf so unterschiedlichen Labels wie Czsaszka, Jungle Gym, Søvn und Luce Sia zu manifesten Verstörungen geführt haben dürften. Mit dem Album »ERCAMESCZ« geht es für die beiden auf jeden Fall weiter in eine experimentellere Richtung, Beats und irgendetwas Greifbares fehlen tatsächlich ganz. Stattdessen legt man ein kontinuierliches, rauschendes Rattern frei, unter dem verfremdete Geräusche nebst Field Recordings den Klangäther erweitern. Geschirr wird zerschlagen und die Rakete gestartet (»BREATHING MUD«), die kurzen Ansätze von harmonischen Klängen werden als abschwellende Zurückweisung erfahren (»PO DOGM«) und »ARDYO JAR« könnte man sich genauso gut als alternativen Soundtrack für Tarkowskis »Stalker« vorstellen. Dass African Ghost Valley mit einem Gespür für fein arrangierte Klänge jenseits konventioneller Popstrukturen gesegnet sind, wird mit diesen sechs Stücken einmal mehr deutlich. Gut, dass Kanada nicht in Europa ist.

IE – »Pome« (Moon Glyph)
Wirklich eilig haben sie es nicht. Die Band IE (als »eeeee« ausgesprochen, wie die Pressemappe dankenswerterweise erklärt) hat nach ihrem letztjährigen Ausflug in die überschwänglichen Überlängen der Psychedelic-Drones ein neues, einigermaßen gemächliches Album mit einer ziemlich verrückten Hintergrundgeschichte produziert. Ein unzuverlässiger Heimwerker bat Schlagzeugerin Meredith Gill vergangenen Winter für seine überfällige Arbeit um Verzeihung. Mit einer einfachen Entschuldigung war es unter den gegebenen Umständen aber offenbar nicht getan. Also schenkte er ihr einen riesengroßen Whirlpool. Wie viel an dieser Story wirklich dran ist, lässt sich nur schwer in Erfahrung bringen. Der arme Teufel zog jedenfalls alle Register. Immerhin: die Kundin war glücklich – und mit ihr gleich die gesamte restliche Band. Die umfasst mit Bassistin und Sängerin Crystal Myslajek, Saxophonistin Mariel Oliveira und Travis Workman (Synthesizer) sowie Michael Gallope (Keyboard) immerhin ganze fünf Personen und stammt aus Minneapolis. Nach einem Jahr des Badens in ihren Privatgewässern begannen die Minimal Vibes der Band also eine verblüffende Entwicklung hin zu neuen harmonischen Feldern und kultischen Auren zu nehmen. »Pome« klingt in seiner sanften Machart jedenfalls dem Krautrock der frühen 1970er-Jahre verpflichtet, streut mit unzähligen Synthesizerimprovisationen und verträumt daherkommenden Saxophoneinlagen aber zusätzlich unzählige Momente des ambientösen Driftens mit ein. Ein Album zum Sich-Verlieren.

Pierre Noir – »Welcome to the black rave« (Grabaciones Autobombo)
Grabaciones Autobombo ist ein Label aus Asturien, dem autonomen Norden von Spanien, das sich hauptsächlich auf elektronische Musik und Klangexperimente aus einer anti-kommerziellen und selbstverwalteten Perspektive konzentriert. Tapes sind für sie also eine niederschwellige Möglichkeit, mit Musik zu arbeiten, um sie anschließend (zu einem mehr als vernünftigen Preis) weiter zu verteilen. Auf deren neuer Veröffentlichung hören wir drei Stücke von Pierre Noir, allesamt kantig, roh und offensichtlich von der zerklüfteten Härte der asturischen Küstenregion geprägt. Pierre Noir vermischt Power Electronics mit unprätentiösem Techno. Übersteuerte Stromgitarren werden über riesige, verhallte Kick Drums gestapelt und im Kreischen der Feedback-Schleifen zwischen ratternden Hi-Hats platziert. Die brachiale Gewalt von Black Metal trifft auf jene der elektronischen Klangerzeugung. Für den nächsten Rave unter verstaubten Autobahnbrücken ein ziemlicher Bringer!

Curt Oren – »For Sam, Forever Ago« (Already Dead Tapes and Records)
Endlich Jazz! Oder zumindest das, was davon übrigbleibt, wenn man so wie Curt Oren alle lebensnotwendigen Bestandteile von Jazz entfernt, um mit den restlichen Teilen etwas zusammenzubasteln, das eigentlich gar keinen Sinn ergibt. Aber was ergibt heute überhaupt noch Sinn? Eben! Curt Oren ist US-Amerikaner und als solcher hat er die unendlichen Weiten der Landschaft von Haus aus im Blut. Mit seiner ersten Soloveröffentlichung begeht er deshalb jene abgelegenen Pfade des Free Jazz, die von Veteranen der Szene geflissentlich vermieden werden. Von Brötzmann erwartet schließlich niemand, dass er während seinem Geblöke mit Popfragmenten kokettiert. Wie auch immer. Curt Oren hat vor derlei Verwässerungen keine Angst und wechselt sein riesengroßes Baritonsaxophon auch gerne mal gegen verträumte Flötenklänge und das (melodische) Gezupfe einer Akustikgitarre ein. Gegen den Einsatz von Computern verwehrt er sich übrigens auch nicht. Samples werden verschnitten und formen ein rhythmisches Gerüst (»Walkin’ With Jimi«), unter dem dann doch wieder das Grunzen und Grölen durchklingen darf. »Moab« weckt Erinnerungen an Philip Glass, während »Prairie« in traumähnliche Ambientwelten abdriftet. Herzstück des Albums ist aber das über neun Minuten lange »It’s Simple (peace on earth)«, das sich abstrakt öffnet, nach sechseinhalb Minuten in eine rauschende Klimax übergeht und später im Chor den einen titelgebenden Satz immer und immer wieder wiederholt. »It’s Simple (peace on earth)« ruft sowohl Jim O’Rourkes »Woman of the World: Take Over« als auch Jackie-O Motherfuckers »Radiating« in Erinnerung. Das ist kein Fehler und macht aus »For Sam, Forever Ago« ein superbes Album.

Max Gowan – »Exit Line« (Temporary Enjoyment)
Max Gowan macht es sich selbst nicht wirklich leicht. Der aus North Carolina stammende Singer-Songwriter hat eine neue Platte voller Schwermut aufgenommen. Und auch wenn die vier Stücke auf »Exit Line« gerade einmal als komprimierte Mini-EP durchgehen, zeigen sie doch eine interessante Entwicklung des jungen Musikers hin zu vormals unbekannten Orten seiner Seelenwelt auf. Irgendetwas hat aufgehört zu sein, während Neues bereits begann – und doch ist alles anders, unberührt und irgendwie frei von voreingenommenen Eindrücken. Die Gitarrenakkorde erinnern manchmal an Radioheads »In Rainbow« und umspülen seine unterdrückte, kratzende Stimme. Sie ist Kernstück und Kapital von Gowan: ausdrucksstark und zerbrechlich zugleich, ganz so, als stünde Elliott Smith mit wohlmeinenden Ratschlägen hinter ihm, um die emotionale Stoßrichtung von »Exit Line« vorzugeben. Eine existenzielle Melancholie schwebt über den Stücken, die zusätzlich von einem Arrangement getragen wird, das keine Zweifel an einer unentdeckten, wenn auch blinden Schönheit hegt. Wer den Sommer mit der ein oder anderen Träne verabschieden möchte, liegt jedenfalls mit einem kurzweiligen Ausflug in die Welt von Max Gowan nicht falsch.

Javuligan – »Hunamos« (Lunar Tapes)
Wie klingt HipHop aus Chile? Keine Ahnung? Dann ist es ziemlich super, dass sich der aus der Hauptstadt Santiago stammende Produzent Javuligan um eine exemplarische Darstellung dessen bemüht, mit dem sich die meisten Menschen jenseits des Atlantiks wahrscheinlich noch nie auseinandergesetzt haben. Javuligan greift dabei auf schlurfend-träge Beats genauso zurück wie auf Myriaden von unterschiedlichen Samples, in denen eine idealisierte Ästhetik der 1990er-Jahre mitschwingt und die ästhetisierende Wirkung wankender Klangskizzen, die am Vaporwave der jüngeren Vergangenheit Anklang nehmen. Mehr als Skizzen sind es bei einer durchschnittlichen Laufzeit der Tracks von knapp zwei Minuten zwar nicht, die der 21-jährige Chilene auf »Hunamos« anfertigt. Allerdings zeigt er in eben dieser Verknappung sein Talent für ausgefuchste Arrangements und ein Gespür, unterschiedliche Stile miteinander in Verbindung zu bringen. Soul-, Funk- und (Free-)Jazz-Scheiben werden auseinandergeschnipselt, um die Versatzstücke weiterzuverarbeiten, sie zu verlangsamen und durch ihre neue Zusammensetzung mit Ausschnitten aus amerikanischen Hollywoodfilmen eine instrumentelle Grundlage für etwas gänzlich Anderes zu schaffen. »Hunamos« ist wie eine Nacht mit luziden Träumen, die Schlösser aus bunt eingefärbter Watte formen. Stücke wie »Eternal.desyre« und »knowurmanners.« werden von mysteriösem Flötenspiel begleitet, das ohne weiteres von Bobbi Humphrey stammen könnte, während »Kthana« und »Fellin.bttr[thnkyu.]« verhallte, außerweltliche Züge tragen. Die Beats sind eine Mischung aus der verschleppten Art J Dillas und der virtuos-verspielten Hektik von Flying Lotus. Das alles kommt in den insgesamt 22 Tracks zusammen und gewährt einen eigentümlichen Einblick in die musikalischen Untergründe der chilenischen Hauptstadt.

Dravier – »Off Shore Predator« (IDS Recordings)
IDS Recordings wurde vor einem Jahr von Ryan Wick gegründet. Das Label ist damit immer noch ein Geheimtipp für Veröffentlichungen von entspanntem House der Kategorie Afterhour mit Stil. Der aus England stammende Dravier steuert für die ganz und gar nicht verflixte 13. Kassette seinen Anteil bei, verflicht seine langsam ineinanderfließenden Synthesizer-Patterns mit entspannt nach hinten gelagerten Bässen und Beats zu einem großen, runden Ganzen, das den Kopf berührt und die Füße schont. Nach einer durchtanzten Nacht ganz sicher ein dankenswerter Zug! Anschmiegsam, einlullend, umgarnend. Die Gedanken sind frei, wenn man sich in Stücken wie »Jowai River« treiben lässt und in ambientösen Intermezzi (»Coast 1 +2«) ganz verliert. Dravier ist Minimalist. Als solcher stattet er seine Stücke mit gerade genug Veränderungen aus, um nicht Gefahr zu laufen, die Subtilität des Gesamtgefüges zu zerstören. »Off Shore Predator« mimt den frühmorgendlichen Wellengang, der weit weg von der Realität des Alltags stattfinden darf. Mit geschlossenen Augen in eine andere Welt, die es nicht gibt, wahrscheinlich nie gegeben hat und erst durch die trägen Beats über den ausgewaschenen Synthflächen in unseren Gedanken existieren kann.

»Grundrauschen« im Radio
»Grundrauschen« ist nicht nur der Name dieser Kolumne, sondern auch ein Gefühl, das sich in und mit Musik beschreiben lässt. Auf Radio Orange 94.0 wird jeden dritten Dienstag im Monat ab 21:00 Uhr genau diesem Gefühl nachgespürt – mit interessanten KünstlerInnen und experimenteller Musik, die sich dem Mainstream weitläufig entzieht. Je größer die Verstärkung, umso deutlicher das Grundrauschen.

Link: https://o94.at/radio/sendereihe/grundrauschen/