Forever Freestylin

Das alte Spiel mit Beats, tiefen Bässen und Blues neu gemischt: zum einen von Berlins führenden Freistil-Produzenten Terranova, zum andern von deren zeitweiligem Gastsänger Tricky.

Die Telefonverbindung nach Berlin ist störungsfrei. Fetish, Gründungsmitglied des dreiköpfigen Produzenten- und DJ-Kollektivs Terranova, scheint bester Laune. Schließlich erscheint dieser Tage endlich das Debütwerk der seit 1995 aktiven Formation, das bereits im Herbst des Vorjahres aufgenommen wurde. Ein Grund für die Verzögerung dürfte die langwierige Marketingplanung gewesen sein – schließlich handelt es sich bei »Close The Door« (Studio K7) nicht um irgendein beliebiges, deutsches Downtempo-Album. Namen wie Tricky, Cath Coffey oder die deutsche Jungactrice Nicolette Krebitz auf der Gästeliste schreien nach Popvermarktung und einer großflächigen Hörerschaft, die sich eher mal eine Lamb-CD als die neueste, obskure Minimal-Techno 12″ ins Regal stellt. Dabei, versichert Fetish, ernten die Berliner nur die späten Früchte einer jahrzehntelangen Aufbauarbeit, wo es um konstantes Plattenauflegen ging und darum, ein friendly Netzwerk zwischen Berlin, Bristol, London und New York aufzubauen. Dieses Fantum von Fetisch, Meister und Kaos hört man, und es macht die bombastischste, eingängigste und englisch klingendste deutsche »Don’t-call-it-Trip Hop«-Platte in diesem Herbst so sympathisch…

Hip Hop & Blues Pt.1: Terranova

Ihr seid zu euren Gästen sicher über persönliche Connections gekommen, oder?
Ja, auf jeden Fall. Das ist natürlich keine Puff Daddy-Geschichte, wo alles so industriemäßig eingefädelt wird, dazu fehlt uns ja auch das Geld. Deswegen hat sich alles über Telefon, Post und DAT-Cassetten abgespielt. Es hat ja von Anfang an niemand damit gerechnet, dass wir damit reich werden, uns geht es ja bloß um den Spaß. Spaß und Freundschaft.

Das heißt, ihr wart auch nicht immer gemeinsam im Studio mit den Gästen?
Bei Tricky und Rasco lief es so im Telefon- und DAT-Verfahren. Die Sache mit Tricky fädelte der Mann von unserem Londonder Label Copasetik ein, der sehr gut mit ihm befreundet ist. Rasco ist auf dem selben Label. Tricky hat ein paar Sachen von uns gehört und fand die wohl gut, so kam das zustande. Wir haben ihn erst getroffen, als es fertig war, und er fand es super. Das ehrt mich, weil ich großen Respekt vor Tricky habe. Das ist für mich einer der größten Lyriker der 90er Jahre, der größte Textschreiber der Gegenwart, das kann ich mir stundenlang reinziehen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Cath Coffey?
Ich hab lange in London gewohnt, und die hab ich mal auf so einem Schiff singen gehört, auf der Themse. Da hat sie Musicals gesungen. Dann hab ich sie zu den Stereo MCs gebracht, und sie ist auch in unserem Übungsraum geblieben damals, wo wir schon erste musikalische Versuche miteinander unternommen haben. Ich hab ja damals schon so locker rumgestochert in London mit Musik und so, ein bis zwei Platten gemacht. Dann bin ich nach Berlin gekommen und hab Terranova mitbegründet. Als wir uns dann nach Vokalisten für unser Album umsahen, hab ich gleich an sie gedacht.

Ihr habt ja mit Jürgen Teller auch einen Stargast als Covergestalter…
Den kenne ich seit zehn Jahren, und ich bin ein großer Fan seiner ehrlichen und sehr persönlichen Arbeit. Toll, wie er es schafft, in dieser chirurgisch-klinischen Plastikwelt seine Ehrlichkeit zu behalten. Er liefert superromantische Arbeiten ab. Deswegen haben wir ihn gefragt, ob er uns fotografiert und ein Video macht. Und es hat zum Glück geklappt.

Könnt ihr damit leben, als die deutschen Massive Attack bezeichnet zu werden?
Das finde ich ein wenig größenwahnsinnig. Massive sind mit so das Größte, was in den letzten 10 Jahren in der Musik passiert ist, das ist ’ne andere Liga. Es ist ok, wenn wir mal auf einen UEFA-Cup-Platz kommen, aber in der Champions League spielen wir noch nicht mit. Das einzige, wozu uns Massive inspiriert haben, ist dieses Prinzip des Kollektivs, nicht im festen Bandformat zu arbeiten, sondern mit Gästen.

Noch eine Gemeinsamkeit ist, dass ihr auch sehr songorientiert arbeitet, während andere Elektroniker eher zum Trackformat tendieren.
Das liegt daran, dass wir selber gerne Songs hören und es auch nicht unbedingt ein Clubalbum werden sollte. Es gibt sehr viel gute Clubmusik, und da wollten wir nichts mehr hinzufügen. Es ist Musik fürs Auto oder für zuhause, und da hört man eben eher LPs, mit richtigen Hits darauf.

Ihr habt ja auch bei der K7-Nacht in Wien Hits aufgelegt und nicht wie üblich Tracks ineinandergemixt?
Der Abend war für mich katastrophal, weil ich mir einen kleinen Club erwartet hatte, und nicht so eine Riesenhalle. Es hat kein Monitor funktioniert, und wegen dieser technischen Hürden konnten wir nur Nummern aneinander reihen. Ansonsten ist mir jedes einzelne Stück, das ich auflege, schon sehr wichtig. Wir hatten aber schon oft Superabende in Wien, ich liebe ja auch die dortige Musikszene.

Aber Ohrwürmer sind dir immer wichtig beim Auflegen, oder?
Ich liebe Ohrwürmer, ich mag Musik nicht, die nur interessant ist, weil sie neu ist. Die Platten, die ich mir kaufe, möchte ich auch noch in einem Jahr hören können, die sollen nicht gleich nach drei Wochen abgelaufen sein. Da spielt der Ohrwurmaspekt schon eine Rolle.

Noch eine Parallele zu Massive sind diese Rocktendenzen, die kurz auf »Close The Door« aufblitzen…
Rock ist ein super Energieventil. Auch wenn die Musik sehr ruhig und langsam ist, ist uns eine bestimmte Aggression und Energie sehr wichtig. Der Typ, der bei uns die Gitarre gespielt hat, ist auch ein extrem inspirierender Musiker.

Du meinst Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten? Wird er auch live dabei sein?Wir wissen noch nicht genau, ob und wie wir das live auf die Bühne bringen. Bei der Record Release-Party mit all den Gästen kamen wir drauf, wie aufwendig die Sache ist. Wir wollen nicht nach der klassischen Methode durch die Länder touren, sondern erst mal warten, wie die Platte ankommt. Bis dahin belassen wir es bei einem Sound System, wo wir vielleicht mal einen Vokalisten mithaben.

Ist Hip Hop eure Basis?
Wir sind jedenfalls alle durch die Hip Hop-Kultur und die ihr zugrundeliegenden Techniken wie Sampeln oder Beats programmieren zur Musik gestoßen. Insofern ist es ein Hip Hop-Album geworden, weil es auf diesen Techniken beruht. Es hat aber auch sehr viel mit Blues zu tun, Hip Hop und Blues sind die Basis.

Hip Hop & Blues Pt.1: Tricky

Die Telefonleitung kracht und zischt, dazu bellt diese ohnehin schon kratzige Stimme aus dem Hörer. Mr. Adrian Thaws redet nicht gerne mit den Medien, und da muss man schon, wenn man ein Interview will, mit einem Tricky Vorlieb nehmen, der in London mit einem Handy im Taxi sitzt.
Dass der Mann überhaupt mit der verhassten Journaille redet, hat mit der aktuellen Kampagne seiner Plattenfirma zu tun, die den neuen, »gutgelaunten« und »geläuterten« Tricky verkauft. »Juxtapose«, sein aktuelles, fünftes Album, verkünden alle einschlägigen Gazetten, ist nach dem lärmig-abgründigen »Angels With Dirty Faces« wieder ein Versuch, an das melodische Erfolgsdebüt »Maxinquaye« anzuschließen.
Das stimmt, sei endlich mal bemerkt, gerade mal zur Hälfte. Neben der geringen, halbstündigen Spielzeit (»Ich hatte nicht mehr zu sagen«, keift Tricky), die etliche Käufer verstören dürfte, wimmelt es vor jenen akustischen Schrammen, die auch schon auf den Vorgängeralben kultiviert wurden. Kein einziger, »amtlicher« Beat weit und breit, keine Breitwand-Produktion, nichts, was auf ein »richtiges» Hip Hop-Album verweist, als das »Juxtapose« derzeit oft rezipiert wird. Mehr Pop ja, aber auch grob geschnittene Samples, hektische Billigbeats, Velvet Underground-Wärme, Sex, Paranoia und dreckiger Rap-Blues. Typischer Tricky-Stuff, und das ist gut so.

»Juxtapose« war ja als Kollaboration mit DJ Muggs von Cypress Hill geplant, unter dem Namen Stonepony. Was ist daraus geworden?
Es ist lustig. Ich hatte einen Streit mit Muggs, es ist nicht viel von dieser Zusammenarbeit übrig geblieben. Es sind nur zwei Songs auf dem Album, die mit Muggs entstanden sind. Die Songs funktionierten einfach nicht, er hat etwa acht Stücke mit mir aufgenommen, und nur 2 bis 3 funktionierten davon.

Wie bist du zu den vielen verschiedenen Sounds des Albums gekommen?
Ich holte mir Leute aus verschiedenen Bereichen und brachte sie an einem Ort zusammen. Es ist wirklich ein Mix verschiedener Welten. Oft hat ein einziger Song den Input von fünf verschiedenen Leuten. Leute jammten darauf, sogar ein Musiker von der Band Inner Circle. Sogar die Tontechniker im Studio wurden miteingebunden, da gab es welche, die spielten sogar Gitarre drauf. Überhaupt, Tontechniker! Da gibt es welche, die haben in obskuren Cover-Bands gespielt, richtig gute Musiker, die aber den Weg des Tontechnikers eingeschlagen haben. Die können »Smells Like Teen Spirit« spielen, einfach so. Die sitzen gelangweilt im Studio herum und warten ab. Warum nicht solchen Kids die Gelegenheit geben, zu spielen?

Deine Texte wirken weniger angespannt als auf den Vorgänger-Alben…
Da ist sogar ein Sinn für Humor zu hören. Das war beabsichtigt. Einiges davon ist echt lustig.

Wie schreibst du deine Lyrics eigentlich?
Weißt du was? Ich hab keine Ahnung, wie meine Texte entstehen. Es geht nur um Wortspiele. Manchmal sitzt du im Studio und hörst einfach der Musik zu. Manchmal schreib ich mir vorher einige Worte zusammen, ohne Musik im Kopf. Dann gibt es Fälle, wo das alles zusammenpasst. Ich weiß halt, dass man Vocals für einen Song benötigt, und es ist leider oft niemand im Studio, der das erledigen könnte.

In »Hot Like A Sauna« zitierst du aus »Hell Is Round The Corner», warum?
Zeilen aus älteren Songs zu zitieren, das ist, als ob du in der Zeit zurückgehst. Manchmal musst du zurückgehen, um vorne zu sein. Es ist, als ob du Dinge wieder erlebst, aber von einem anderen Blickwinkel aus.

Mit Muggs und Grease sind zwei waschechte Rap-Produzenten auf dem Album. War dieser Hip Hop-Vibe von Anfang an beabsichtigt?
Ja, ich möchte in die richtigen US-Hip Hop-Sendungen hinein. Ich verwendete deswegen auch viel 80er Jahre-Elektronik. Das ist es, wo der Hip Hop hingeht, hin zur Old School. Nach Puffy und all dem Popkram wollen die Leute wieder den rohen Stoff hören.

War das auch eine Reaktion auf deine Rezeption in Europa?
Ja, Ich möchte kein Teil dieser verdammten Trip Hop-Szene sein. Das hat nichts mit England zu tun, ich bin schon stolz, englischer Musiker zu sein. Ich gehöre aber auch nicht zum britischen Hip Hop. Ich mache mein Ding für mich, nicht für England.

Deine Position dem Musikgeschäft gegenüber ist unverändert kritisch, oder?
Das ist doch offensichtlich. Nichts hat sich geändert. Das ist eine Sache, zu der man immer wieder zurückkehren muss.

Wie geht’s du dann konkret mit deiner eigenen Firma um?
Die Leute wissen, dass ich ohnehin mache, was ich will. Marketingpläne kümmern mich nicht. Genau das wird dann vermarktet, diese Haltung. Ich hab alle Freiheiten, deswegen ist es schwer für mich, mich über meine Firma Island aufzuregen. Ich schimpfe lieber über die Plattenindustrie im allgemeinen.

Du nimmst dir auch live und im Studio alle Freiheiten, oder?
Ich nehme mir live sicher alle Freiheiten, das ist doch normal. Verschiedene Orte, verschiedene Menschen, verschiedene Energien. Du fühlst dich immer anders jede Nacht, da klingt auch die Musik immer anders. Und ich kann immer noch nicht richtig mit Studios umgehen, also folge ich meinem Instinkt. Auch die Bluesmusiker arbeiten so, die erfinden Sachen, während sie noch dran arbeiten. So arbeite ich schon seit 7 Jahren, ein endloses Freestylen.

Siehst du dich als moderner Blues-Musiker?
Blues ist experimentelle Musik, also bin ich ein blues artist. Blues hat mit Kämpfen zu tun, man ringt mit sich selbst. Ich komme aus einer armen Umgebung, und das ist fast so was wie das Vermächtnis des Blues.