Fiktionale Retrospektive, zukünftige Erinnerung: R. Youngs/L. Fowler

Die Glasgower Diversitätskünstler Richard Youngs und Luke Fowler stellten ihre aktuelle Sound-Kollaboration beim Colour Out Of Space Festival in Brighton vor.

Foto: Filmstill »The Poor Stockinger, the Luddite Cropper and the Deluded Followers of Joanna Southcott«, Luke Fowler, 2012.

Ort: Brighton. Genauer: das Festival Colour Out Of Space, eine der Anlaufstationen britischer und internationaler Experimentalmusik. Unter dem exzentrischen Kuratorium von Dylan Nyoukis haben seit 2006 Acts wie Aki Onda, Bill Orcutt, Thurston Moore, Henri Chopin oder MV&EE hier gespielt. So auch das junge Kollaborationsprojekt Youngs/Fowler, einer der Headliner diesen November. Für das Gespräch zwängen wir uns in eine klaustrophobische Backstage-Kombüse.

Richard Youngs flottiert als Multiinstrumentalist und Sänger chamäleonhaft zwischen den Genres, irritiert mit seinen idiosynkratischen Klanghybriden und wird nicht müde sich unablässig neu zu erfinden. Seine Releases umspannen progressiven Minimal und Noise ebenso wie Avant-Folk und Post-Pop und sind auf Labels wie Jagjaguwar und Ba Da Bing! oder in limitierten Auflagen auf seinem eigenen Label No Fans erschienen. Kollaborationen mit Makoto Kawabata, Jandek oder Neil Campbell tragen zur Heterogenität seines Werks bei und positionieren ihn als einen der Heads der britischen Experimentalmusik-Szene. Sein Kollege Luke Fowler ist trotz langjähriger musikalischer Tätigkeiten und seinem Label Shadazz wohl am ehesten durch sein filmisches Schaffen bekannt. In dicht collagierten Bildern werden persönliche Auseinandersetzung und wissenschaftliche Recherche zu gegenkulturellen Denkern und deren Umfeld verknüpft: so thematisiert sein neuester Film »The Poor Stockinger« den schottischen Politologen und Historiker E. P. Thompson und die Workers‘ Education Association. Außerdem setzt er sich zusammen mit Soundkünstlern wie Yoshida Tsunoda filmisch mit Fieldrecordings auseinander.

Luke_Fowler_____Fowl_Tapes_II.jpg»Man sucht sich immer unterschiedliche Quellen in seinem Leben«, meint Fowler. »Wenn ich Filme mache, befriedigen diese bestimmte Bedürfnisse, die ich als Individuum oder Künstler habe, während Musik oder Freundschaft wiederum andere Bedürfnisse stillen.« Es ist die heterogene Vielschichtigkeit der Herangehensweisen, die beide Künstler zu verbinden scheint. »Das Leben ist sehr facettenreich. Manche Menschen finden es schwierig zu sehen, dass Kunst genauso divergent sein kann«, konstatiert Youngs. Auch Fowler zeigt sich skeptisch, wenn es darum geht, einen Grundgestus in seinem Werk auszumachen: »Ich glaube nicht, dass es einen holistischen Ansatz hinter all dem gibt. Ich denke, es gibt eine Tendenz, dass Menschen eine stringente Erzählung aus der künstlerischen Identität machen wollen und eine Idee konstruieren, die einem »Du-bist-die-Kunst-die-du-machst«-Prinzip folgen möchte«.

Youngs und Fowler leben in Glasgow, einer Stadt, deren breit gefächertes Netzwerk aus Musikern wie Alaisdar Roberts, Alex Neilson, Daniel Padden und nicht zuletzt dem von David Keenan und Heather Leigh Murray ins Leben gerufenen Plattenladen Volcanic Tongue einen kreativen Knotenpunkt diverser musikalischer Strömungen darstellt. Es sind die Kollaborationen, die einen wichtigen Teil der Arbeitsweise beider Musiker ausmachen, wobei sie den freundschaftlichen Charakter der Zusammenarbeit betonen. »Der soziale Aspekt ist entscheidend. Viele Menschen treffen sich und gehen Golf spielen, wir haben zum Glück Freunde, die Musik machen. Es ist eine großartige Sache auf diese Art gemeinsam Zeit zu verbringen«, so Fowler.

 

Das Potenzial technologischer Restriktion

Wie sich diese kollektive Autorenschaft konsequent weiterspinnen lässt, wird an dem neuesten Release von Fowler deutlich. Für die auf dem Label Dekorder erschienene LP gab er Youngs über hundert Stunden Musik in Form skizzenhafter Modular-Synthesizer-Aufnahmen, die er über die Jahre gesammelt hatte. Youngs dazu: »Luke wollte, dass jemand anderes sein Material zusammenfügt. Ich hatte diverse eigenständige Teile, die ich verknüpfen musste. Am Ende hatte ich bis zu fünf Layers, wobei ich ein-, zweimal selbst noch etwas hinzugefügt habe, weil ich keine passende Stelle fand«. Für ihn war es eine Herausforderung, das erste Mal mit elektronischen Mitteln zu komponieren. Beide unterstreichen den didaktischen Charakter des Projekts und Fowler ergänzt: »Im Endeffekt war »Fowl Tapes« ein Lernprozess für beide; in meinem Fall mit den Modulen zu experimentieren und unterschiedliche Ideen, Konzepte, Frequenzen auszutesten.«

Ein gewisser pädagogischer Ansatz ist auch ihrem aktuellen Projekt eigen, mit dem sie sich in Richtung 1980er Soft-Chicago-House bewegen. Der Anreiz, sich einem speziellen Genre zu widmen und dieses für sich zu erforschen, setzt sich auch mit der Frage auseinander, wie man als Musiker in den Hintergrund treten kann. Der Name John Cage fällt. Fowler macht klar: »Ich versuche darauf zu achten, dass der musikalische Ausdruck nicht zu einer reinen Selbstdarstellung wird und somit Gefahr läuft, einem bloßen Geschmacksurteil zu unterliegen. Es geht darum, einen Weg zu finden, der nicht so stark von eigenen Wertungen bestimmt ist. Zudem sind wir beide sehr vorsichtig, wenn es darum geht, dem Dogma oder der Kohärenz eines Genres zu entsprechen, außer wir entschließen uns bewusst für ein Genre, um es für uns zu nutzen und es quasi zu bewohnen. Da gibt es ein aufklärerisches Moment, das uns antreibt. Man beschäftigt sich damit, wie eine Technologie die Art und Weise bestimmt wie man Musik macht. Es ist interessant zu sehen, in welchem Ausmaß bestimmte Tools vorgeben, welche Musik man macht. Wir stellen uns die Frage, wie der Zugang zu Musik war bevor es Laptops, Ableton, Plugins, Software-Synthesizer gab und ziehen diese Art der Einschränkung als Vorgabe heran«.

 

065.jpgRelationale Zeitreisen

Diese persönliche Annäherung an technologische wie assoziativ-emotionale Parameter wird auch für eine Sammel-LP verfolgt, an der Youngs und Fowler seit einiger Zeit als The Lurists arbeiten. Basierend auf der Idee einer fiktionalen Retrospektive, imaginieren sie eine gemeinsame musikalische Vergangenheit. »Wir haben begonnen zusammenzuschreiben, welche Motivationen wir hatten und welche Technologien damals gerade aktuell waren«, umreißt Fowler das Konzept. »So z. B. unser erstes Keyboard, der erste Sampler, die erste Drummachine oder Technologien, die mittlerweile obsolet geworden sind. Es geht um entscheidende Momente unserer musikalischen Sozialisation, die wir in Bezug zu unseren zeitgenössischen Empfindungen und Wahrnehmungen setzen. So haben wir etwa unsere eigene Version der »Oblique Strategies« von Brian Eno erfunden.« Youngs fügt hinzu: »Wir haben uns zurückerinnert, wie man im Alter von vierzehn Jahren gedacht hat: damals hatte ich mir gewünscht, in Sheffield zu sein. Das wäre dann einer dieser Bezüge. Wobei am Ende etwas komplett Futuristisches entstehen soll, etwas, wo wir beide noch nicht waren«. Fowler bringt es auf einen utopischen Begriff: Post-digital. Und Youngs lacht: »Ob man sich das anhören kann oder nicht bleibt abzuwarten«.

 

Aktuelle Releases

Richard Youngs/Luke Fowler: «Yellow Gardens« (Fourth Dimension Rec.)
Luke Fowler: »Fowl Tapes II« (Dekorder)
The Lurists (Richard Youngs/Luke Fowler/Steven Warwick): »Volume 1: Red & Blue« (Dekorder)
Luke Fowler: »The Poor Stockinger, the Luddite Cropper and the Deluded Followers of Joanna Southcott«. Film mit Kompositionen von Richard Youngs und Ben Vida (GB, 2012)