Tristan Honsingers Hopscotch © Cristina Marx/Photomusix

Es roch nach Shrimp

Vom 31. Juli bis 3. August 2019 fand in Berlin die siebente Ausgabe des A L’arme-Festivals statt. Es war ein internationales Fest mit Avantgarde Jazz und überhaupt experimenteller Musik jedweder Art. Ein paar Impressionen aus vier durchwachsenen Abenden mit einigen – aber nicht nur – Höhepunkten.

Eröffnet wird das Festival am Mittwoch, dem 31. Juli 2019 durch den New Yorker Trommler Greg Fox, der nach eigenen Angaben übermüdet, aber nichtsdestotrotz maschinengleich eine Art Drum-Showcase auf die Bühne bringt, wo er wie vom Endlosband solo sein Können zeigt. Fürwahr, Double- und Single-Strokes hat er geübt. Und zum Ende wird es dann nicht nur imposant, sondern auch musikalisch interessant, wenn er mit seinen Überschallwirbeln und Mega-Fußmaschinenarbeit eine heftige Spannung aufbaut und explodieren lässt. Später soll sein Spiel noch einmal in den Fokus geraten, wenn er zum Ende des Festivals am Samstag, dem 3. August mit Ex Eye die Bühne betritt. Bevor es am Mittwoch zum Höhepunkt kommt, muss man sich aber noch durch den Auftritt der norwegischen Gurls kämpfen, die zu dritt, mit Kontrabass, Tenorsaxophon und dem zugegeben sehr starken Gesang etwas befremdlich wirkende Liebeslieder über Boys singen, à la »I am his and he is mine, thatʼs how it goes«. Das zieht sich ziemlich hin und ist recht eintönig. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Norwegerinnen von einem österreichischen Koch singen, der nur Fleisch isst. Oder an dem Lied, in welchem sie jodeln. Ja, bestimmt.

Mats Gustaffson in Anguish © Cristina Marx/Photomusix

Dann kommen Anguish. Wie erwartet großartig, vielleicht sogar bereits das Glanzlicht des Festivals, denn hier findet festivaltypisch zusammen, was in der Regel nicht zusammengehört, aber doch so gut zusammenpasst: Ein Rapper und MC aus einer Industrial-Band, ein Herr aus einem Krautrockprojekt an den Keys, ein Free-Jazz-Saxophonist … Ja, ungemein gut passt das. Von Beginn an herrscht eine dichte Atmosphäre, MC Dälek und Mats Gustafsson wechseln sich quasi als Frontmänner ab, das Publikum zu beeindrucken. Des MCs imposanter Auftritt mit ultracool vorgetragenen Lyrics und die Auswürfe des zurzeit wohl als einer der besten Saxophonisten geltenden, äußerst umtriebigen Mats Gustaffson. Dessen Soli sind, wenn es das heutzutage überhaupt noch gibt, legendär, für die Ewigkeit. Anguish lassen sich angenehm flüssig wie eine wohlschmeckende Soße von einem französischen Soßier einnehmen, jede Zutat ein Genuss und im Ganzen eine Hymne.

Shrimps, Intermezzi und Geisterbeschwörung
Am zweiten Tag wird nach Practical Music die Bühne mit einem Saugroboter für die Performance von Tristan Honsingers Hopscotch gecleant. Was dann passiert, ist eigentlich recht schwer in Worten zu erklären, gleichzeitig aber auch glasklar. Es geschieht so viel Verschiedenes, es wird Musik gespielt, Theater gespielt. Jemand führt einen Shrimp Gassi. Dann wird dieser gekocht und zum Sound und der Vision gesellt sich ein fruchtiger Meeresgeruch. Es wird japanisch getanzt, es wird gesungen, es wird fantastisch komponierte Musik gespielt, die als Gegengewicht zu der abgefahrenen Theaterperformance mit einer irren Begriffstombola alles durcheinanderwirbelt, doch jeder kann nur gewinnen. Dann wird sogar noch ein Herz aus einer Wolke operiert. Ein Gesamtkunstwerk à la Wagner + Geruch.

Rieko Okuda und Hanna Schörken © Cristina Marx/Photomusix

Nur kurz beglückt Intermezzo-artig Rieko Okuda am Klavier mit Begleitung von Hanna Schörken am Gesang, die zwischen klarem Operngesang und expressivem Gesang aus Lauten und Wortfetzen eine kaum misszuverstehende Sprache spricht. Perfekt begleitet Okuda mit einem hämmernden Stakkato Schörkens hohen Gesang aus einer unfassbar starken Kehle, dass einem die Haare zu Berge stehen. Selbst wer »so etwas« vorher noch nie gesehen hat, kommt wohl nicht umhin, begeistert von dieser Art zu musizieren zu sein. Es folgt das Super Jazz Sandwich: Drei Männer haben enormen Spaß dabei, nach eigenen Konzepten und Karten das Publikum zu unterhalten, doch nicht immer wird klar, worauf sie hinauswollen. Das Publikum so massiv einzubeziehen, hat keinen Mehrwert, sondern unterbricht eher den Flow.

Els Vandeweyer & Hamid Drake © Cristina Marx/Photomusix

Hochwertig gerät dann der Auftritt von Els Vandeweyer an Marimba und Vibraphon. Ja, sie kann das sehr gut und es macht Riesenspaß, ihrem Virtuosentum zuzusehen, während sie wie irre zwischen den Rieseninstrumenten hin und her springt. Unter der recht zurückhaltenden Begleitung von Hamid Drake am Schlagzeug und gut passenden illen Vibes von DJ Illvibes an den Turntables fliegt einem der Auftritt nur so um die Ohren. Doch dann versucht man A Lʼarme-typisch die Gratwanderung. Zu »Ernster Musik« (obwohl, der Turntable ist ja schon ein unernstes Instrument, aber seiʼs drum) gesellt sich weitere »Unernste Musik«, die sich zuerst bloß im Hintergrund ankündigt. Seltsame Stimmen, seltsames Gefasel aus dem Off und dann ein beleuchteter Geist, der pseudo-deepe Sätze vorträgt. Es handelt sich da um die Rapper Splidttercrist (wie er mehrfach betont) und Real Geizt (alias Taktloss). Letzterer ist ja für seine Arbeit, die zuweilen ganz amüsant daherkommt, bekannt. Wie auf Koks vorgetragene Lines ohne Reim, der Sinn nur nach dem dritten Um-die-Ecke-Denken erahnbar, oft lustig, im Ganzen jedoch nach fünf Minuten so unterhaltsam wie ein Abiturientenscherz auf Gras. Dementsprechend geht dann der Auftritt der beiden auch irgendwann auf die Nerven, die Lines von Splidttercrist sind zwar ulkig, aber auch nicht halb so spannend wie die drei anderen Instrumente, die bei der Freak-Show leider völlig in den Hintergrund gedrängt werden.

Irreversible Entanglements © Cristina Marx/Photomusix

Ein Sound wie von tausend Elefanten
Der letzte Tag beginnt mit den Irreversible Entanglements, dem Projekt der auch als Moor Mother bekannten Camae Ayewa. Ihre bedeutungsschweren Ansagen hallen über den äußerst lauten und knalligen Free-Jazz-Sound ihrer Band. Der Hals des Trompeters schwillt mitunter so weit an, dass er größer scheint als sein Kopf. Wie eine Matte liegt der Sound auf der Bühne, auf der Ayewa ihre selbstbewusst und stolz vorgetragenen (aber leider wegen des immensen Sounds nur schwer zu verstehenden) Texte vorträgt. Der Kontrabass groovt so laut und kraftvoll, so tief und bassig, dass man meint, es sei hier ein Schlagzeuger am Werk. Sämtliche Hüte ab!

Musikalisch vielleicht nicht das interessanteste, aber vom Sound her eins der eindrucksvollsten, nicht zuletzt, weil eins der lautesten Projekte, sind Ex Eye. Im Muskelshirt Colin Stetson, der in Canada sein eigenes Fitnessstudio betreibt und zu Fuß den Weg mit seinem gigantischen Bass-Saxophon (und einem Altsaxophon auf dem Rücken) zurücklegt, begleitet vom bereits erwähnten Trommeltier Greg Fox (bald auch oberkörperfrei). Zudem werken Toby Summerfiel, der in der Freizeit als Jerry Garcia auftritt und Van-Halen-Soli in doppelter Geschwindigkeit auf YouTube veröffentlicht, an der Gitarre sowie der Biochemiker (!) und Übermusiker Shazad Ismaily am Moog. Wahnsinn, die Töne, die Stetson aus seinem Blasinstrument herauszaubert. So muss es klingen, wenn man einem Elefanten auf den Fuß tritt und dieser aufjohlt. Zusammen mit dem Ultra-Moog-Sound und Foxens Drumgeballer überrollt einen der Sound wie eine Horde Panzer. Nur Garcias Gitarre schenkt, wenn man genau hinhört, Melodienartiges, sanftere Töne in diesen Wänden aus Lautstärke und Tiefen. Beeindruckend, sympathisch und am Ende fühlt man sich seelisch gereinigt. Das ist gut. Danke, A Lʼarme, für die mutige Auswahl der Künstler*innen!

Link: http://alarmefestival.de/