Matthias Forenbacher © Christopher Mavrič

Ein Lied kommt in die Küche

Zwischen Schwermut und Aberwitz liegt der Hund begraben. Von der außerordentlichen Weltreise eines neapolitanischen Canzones anhand von Matthias Forenbachers fabelhaften Loop-Variationen »Dogs«, erschienen auf Pumpkin Records.

Die Kulturinitiative Kürbis aus Wies im steirischen Bezirk Deutschlandsberg beherbergt neben einem Theater mit Platz für bildende Kunst die Buchedition Kürbis und Pumpkin Records, das nicht nur ein Faible für Sixties Music hat, sondern auch ein goldenes Händchen für entlegen Zauberhaftes. Und tatsächlich erweisen sich die »15 Noirs de Matthias Forenbacher« als sprudelnde Quelle für nähere Beschäftigung mit dem Ursprung. Meine Frau erkannte schon beim Anspielen des Intros »Trembling Dog At Midnight« die zugrundeliegende Melodie. Sie hat diese als Kind erstmals als »Mein Hut, der hat drei Ecken« gehört. Der Text kann auch als Spottvers gesehen werden, der den bei Napoleons Soldaten verbreiteten Dreispitz beschreibt. Die Entstehung des Liedes liegt aber länger zurück. Der deutsche Komponist und Opernproduzent Reinhard Keiser hat das Stück bereits 1707 in sein Singspiel »Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig« montiert. Die tatsächliche Herkunft datiert aber noch früher aus einer neapolitanischen Canzonetta namens »O mamma, mamma cara«. Niccolò Paganini trug wesentlich zur Popularisierung des Themas bei, hier zu hören eine 1805 notierte Version.

Paganini machte, wie ersichtlich, daraus die klassische Version »Carnevale di Venezia«, die den ursprünglichen Titel »O mamma, mamma cara« unterschlägt. Frédéric Chopin schuf später daraus das »Rondo Nr. 1« und Johann Strauss (Vater) komponierte daraus gar ein Werk für Klavier und Orchester.

Selleriesalat
Das Originäre ist also eine wandernde Melodie, die aufgrund ihrer Einfachheit zum Umtexten einlädt. Zu finden etwa auch auf dem Kinderliederalbum »Unser Apfelhaus« von Nena, wo die zweite Strophe mit der Passage »Mein Schuh, der hat drei Löcher« ergänzt wird. Mündliche Überlieferungen sind im Deutschen Volkliedarchiv mit dem Titel »Wer lieben will, muss leiden« zu finden. In katholischen Breiten ging es allerdings deftiger zu. In Volksliedarchiven mit Titeln vor den Jahren 1870 wurde die ehemalige Canzonetta als erotisches bzw. Frauenlied schubladisiert und hat als »Ich bin ein junges Weibchen (Selleriesalat)« delikate Verse zu bieten:

Ich lieg im Bett und schwitze
doch er, er bleibt eiskalt
Er hat halt keine Hitze
er ist halt viel zu alt

Ich koch ihm täglich Eier
und Selleriesalat
es bleibt die alte Leier
er steht ihm nimmer grad

Drum Mädchen, lasst euch raten
Nehmt keinen alten Mann
Viel lieber einen jungen
der’s euch besorgen kann

Wie dem Schlussrefrain zu entnehmen, dürfte der Urheber eher ein Jungspund ohne Hab und Gut gewesen sein, der gegenüber alten, reichen Patriarchen seine Potenz hervorhob. Allerdings gibt es auch bösartige alte bzw. volkstümliche Musikanten, die die Lyrics umschrieben und auf frigide alte Frauen münzten.

Da ist der Hund drin
Das Lied wurde u. a. auch auf Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch, Estnisch Hebräisch, Estnisch, Schwedisch oder Dänisch variiert, doch endlich muss auf den Hund gekommen werden. Der textliche Köter-Ursprung datiert vermutlich in den 1840er-Jahren, die Melodie ist aber dieselbe. »Ein Hund kam in die Küche« handelt von einem Mops, der ein Ei klaut und deswegen vom Koch erschlagen wird. Andere Hunde trauern am Friedhof und die Grabinschrift zitiert das Ereignis. Das Lied mündet somit in ein Zitat seiner selbst und ergibt ein Bild im Bild. Hans Magnus Enzensberger hat »Ein Mops kam in die Küche« als Iterationsbeispiel in seine Anthologie »Das Wasserzeichen der Poesie« aufgenommen, Bert Brecht ließ das Lied in seinem Stück »Trommeln der Nacht« singen und auch Samuel Beckett kommt um den Song in »Warten of Godot« nicht umhin. Bob Merrill machte daraus das pfiffig-schmissige »How much is that doggie in the window?«, mit dem Patti Page 1953 einen veritablen Hit landete, mit kläffendem Hündchen.

»Dogs« in Endlosschleife
Zum Schluss schweifen wir hinein in das 19 Minuten lang erfreuende »Dogs«, untertitelt als »15 Noirs de Matthias Forenbacher«. Der in Graz und Klagenfurt lebende Komponist wird der als Endlosschleife intendierten Textierung auf großartige Weise in Form von schlüssig angeordneten Miniaturen gerecht. Eine besonders wohllaunige Loop-Komposition ist »Streunende Hunde mit Ohrringen« und wunderschön sind ins wehmütig walzerhafte driftende Preziosen wie »xy«. Doch lauert auch der Frohsinn, etwa in »Underwater«, ehe gleich darauf zurückgelassene Hunde beweint werden. Doch pfeift einer davon lustig dahin und auch Bud Spencer und Terrence Hill wird Spaghetti-Western-mäßig Tribut gezollt, dies aber nur entfernt. Die teils wie verwehte Zithersounds klingenden »15 Noirs« erinnern an das Werden und Vergehen. Und prägen sich vielleicht deswegen tief ins Bewusstsein ein. Selten, dass dies experimenteller Musik so eindrucksvoll gelingt. Gefangen in einer Endlosschleife, schöner geht’s nicht!

Links:
http://matthiasforenbacher.com/
https://www.kuerbis.at/de/pumpkin-records/shop-produkte/matthias-forenbacher-dogs