»Flötenzauber« © Anna Sommerfeld/Ich bin O.K. Kultur- und Bildungsverein

Eifriges Gekreise mit den Armen in der Luft

In der Produktion des Ich bin O.K. Ensembles waren Rollstuhlfahrer*innen Träger experimenteller Tanzkunst. Um die hundert Tänzer*innen waren an dem aufwendigen »Flötenzauber« im Wiener Akzent Theater beteiligt.

»Ich wünsche mir, ich hätte etwas, das mich beschützt, so etwas wie die Zauberflöte«, seufzt der Prinz im Rollstuhl, der in dem Theaterstück »Flötenzauber« mitspielt. Prinz Tamino ist in einem fremden Land und findet den Weg nach Hause nicht. »Flötenzauber« ist nach Mozarts Zauberflöte angelegt, aber eben doch ganz anders. Zum Beispiel gibt es ein Stück im Stück: Die Probe zu einem Theaterstück im Theaterstück ist aus. Der Schauspieler ist traurig: »Ich will nicht nach Hause, ich will Tamino bleiben. Tamino kriegt die Prinzessin und ich kriege immer nur Ärger.« Das Leben ist für Rollstuhlfahrer*innen manchmal ungerecht bzw. mühsam. »Ich bin immer am falschen Ort, immer im Weg, ich versuche, durchzutauchen«, beklagt er sich. Aber immerhin ist er ja ein Prinz. Tanzen inmitten echt und wie belebt aussehender Bäume kann er auf jeden Fall, ob mit Rollstuhl, oder ohne, sich rollend auf der Bühne. Die fröhliche Pamina tanzt teilweise kniend mit ihm. In einem rötlichen Licht wie in der Abendsonne. Sie steht auf dem Rollstuhl, streckt ein Bein nach hinten hinauf, Rollstuhl fährt langsam nach hinten. Ab.

»Flötenzauber« © Anna Sommerfeld/Ich bin O.K. Kultur- und Bildungsverein

Live-Musik auf der Bühne
Wer vor dem Stück des Ich bin O.K. Tanzstudios die Argentinierstraße hinauf in das Wiener Theater Akzent unterwegs war, traf auf aufgeregte und freudig erregte Darsteller*innen. Sie wuselten auf dem Gehsteig vor dem Bühneneingang herum, begeistert und strahlend. Voller Vorfreude. Im Stück sind es dann oft große Gruppen auf der Bühne, die agieren – zum Beispiel bei der Szene in Ägypten, vor Säulen und einem Portal mit rotem Auge und sehr viel Gold und Glitzer. Es wird von allen Beteiligten viel mit den Armen in der Luft getanzt, ein eifriges Gekreise. Drei fleißige Musiker*innen befinden sich ebenfalls dicht gedrängt auf der Bühne: Schlagzeug, Gitarre und Geige. Kindertheater mit Live-Musik ist wirklich ein absolut toller Trend. Macht echt was her. »Glaubt an euch selbst, dann könnt ihr nicht verlieren«, singt Sarastro mit dem goldenen Zylinder. Die Drehungen und Rundungen der Anleiterinnen oder Vortänzerinnen wirken manchmal übertrieben dekorativ oder »weiblich«. Man findet sich sehr schnell ein in eine »authentische« Tanzsprache von Amateur*innen, die puristisch, minimalistisch, eine Spur verlangsamt und sehr charmant wirkt. Der Gesichtsausdruck der Anleiterinnen ist oft sehr ernsthaft und würdevoll, von einem leisen Lächeln durchzogen.

»Flötenzauber« © Anna Sommerfeld/Ich bin O.K. Kultur- und Bildungsverein

Der Melodie folgen
Bei Sarastros Feuerprobe sind alle Darsteller*innen gelb und rot angezogen, ein eifriges Mädchen im Rollstuhl fällt auf. Sie tanzt in und aus der Reihe. Bei der Wasserprobe sind alle in Blau mit Glitzer. »Auch wenn mich alles hinunterdrückt, ich weiß, wie ich den Kopf über Wasser halte«, sagt eine Frau. »Wir halten zusammen und folgen der Melodie.« Ein guter Plan. Was dann folgt, ist wirklich erstaunlich. Wirklich junge Kinder flattern auf die Bühne, lauter Kindchen als Vögelchen verkleidet. Sollten die nicht im Bett sein zu dieser Uhrzeit? Eines hüpft bis zum Bühnenrand, ein anderes Kind hält das Kleine schleunigst auf. So viel Euphorie! Von hinten ruft einer laut »He, he, he!«. Geschwister und Eltern befinden sich unter den Zuschauer*innen. »Meine Tochter hat sich mit dem Feind verbündet?«, fragt die böse Königin der Nacht, die versucht hat, ihre Tochter zum Dolchmord an Sarastro anzustiften. »Hier gibt es keine Feinde, nur Freunde«, ist die Antwort.

»Habt ihr gelernt, euch selbst zu behaupten, dann seid ihr selbst der Herr«, singt der goldene Sarastro. Die Kleinen müssen wider Willen eingefangen und hinausgetragen werden. Bravorufe folgen. Ein kleiner Junge mit Goldzylinder kommt immer wieder auf die Bühne. Bravostürme, die Leute stehen auf. Neun Uhr ist es, die Kleinen müssen aber so was von dringend ins Bett. Im Foyer dann das Mädchen im Rollstuhl, das von ihren Freundinnen umarmt wird. Vor der Türe ein frecher Junge mit Trisomie 21, der Scherze macht. Ein Mädchen, das ihm erst nur schüchtern zusieht, muss schlussendlich breit grinsen. Unwiderstehlich, der Junge. Drinnen im altmodischen Buffet gibt es belegte Brote. Eine wunderschöne Terrasse mit Blick auf einen Park verwöhnt die Raucher*innen. Man wandelt erfüllt mit neuen Bildern, viel Farbe und einem »Lachen im Herzen« (so die Rednerin zu Beginn) die Argentinierstraße hinab.

Link: https://www.ichbinok.at/live/floetenzauber-2019/