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Dynamisches Abrutschen in die Realität

Der Weg führt durch apriligen Nieselregen ins Wiener Café Raimund, wo mich der Performance-Künstler Oliver Hangl um die Mittagszeit zu einem Gespräch über sein im Juni stattfindendes »aspern Parlament« erwartet. Zuerst gilt es jedoch, Grundsätzliches zum Thema öffentlicher Raum zu klären. Ein transkribiertes Interview als performative Führung durch Gedankengänge…

skug: Was ist ein Freiraum für dich?
Oliver Hangl: Freiraum ist zum einen ein freier Denkraum, aber auch das, was dazwischen liegt. Meine Arbeiten bewegen sich oft in solchen Zwischenräumen: mal passen sie in diesen, mal in jenen Kunst-Kontext. Das ist aber nichts, worüber ich mir Gedanken mache. Die Kontextualisierung und oft auch Instrumentalisierung ist Sache der anderen. Meine Arbeit ist nach innen gerichtet. Aber zurück zum Thema Freiraum. Je mehr Freiraum, umso besser. Das ist der fruchtbare Raum, in dem Experimente passieren können, der auch sehr dynamisch ist.

Was verbindest du mit dem Begriff Leer-Raum, kann ein Raum leer sein?
Ich hab vor kurzem ein Interview gelesen, wo jemand beschreibt, wie zum ersten Mal nichts in seiner Schublade liegt und er sich richtig leer fühlt. Sämtliche künstlerischen Ideen sind aufgebraucht und er beschreibt, wie gut er sich nun fühlt. Ich denke aber, dass es die vollkommene Leere nicht gibt, genauso wie es z. B. eine perfekte Sauberkeit nicht gibt, da Schmutz genauso essentiell ist. Kinder, die von Schmutz ferngehalten werden, bekommen Allergien. Scheinbare Gegen-Teile bedingen sich und ergeben ein Ganzes. Isolierte Begrifflichkeiten sind in der Theorie zwar spannend, praktisch interessiert mich aber vor allem die Spannung, die sich aus Widersprüchen ergibt. Jede Philosophie, jedes Leben, jeder Mensch ist in sich widersprüchlich, was vielleicht viel zu wenig wahrgenommen wird.

Wie war dein künstlerischer Freiraum beim Aspern-Projekt?
Bei diesem Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekt habe ich einen enormen Freiraum! Die Lust an Innovation und der Mut zu unkonventionellen Lösungen in einem tendenziell konservativen Umfeld hat mich wirklich sehr überrascht. Dieses Agitationsfeld ist für mich inhaltlich wie auch institutionell neu und eine große Herausforderung. Eine Messe ist ja das Paradigma eines öffentlichen Ortes! Öffentlichkeit entsteht, sobald man darüber spricht. Die Messe mit ihren kleinen, individuellen Mikro-Bühnen, auf denen zwei oder mehrere Menschen inhaltlich und emotional verhandeln und kommunizieren, stellt das perfekte Setting für strategische Handlungsszenarien dar! – Wobei ich in einer Umgebung interveniere, in der ökonomische Faktoren eine große Rolle spielen. Hier agieren ausschließlich Institutionen, Bauträger, Städte- und Raumplaner, Architekten usw. Eine Eintrittskarte für diese Fachmesse kostet über zweihundert Euro pro Tag!

Was assoziierst du mit dem Begriff Möglichkeitsraum?
Das sehe ich in Verbindung mit Freiraum und Leer-Raum. Ein Freiraum impliziert Erfüllung, drängt nach größtmöglicher Ausdehnung und wendet sich gegen Grenzen. Jeder Mensch hat ja gewisse Fluchtphantasien. Viele Künstler wollen vor geregelten Arbeitszeiten, dem ökonomischen und terminlichen Druck fliehen. Der Schritt zu entscheiden, dass man von der Kunst leben will, ist vorerst ein Experiment, das hoffentlich funktionieren wird. Wieviele Menschen leben das Leben, das sie sich erträumen? Ich arbeite seit ca. fünfzehn Jahren ausschließlich als Künstler, nehme aber gerne auch Lehraufträge auf Unis und Kunsthochschulen an. Ich sehe darin einen Möglichkeitsraum, der eine gewisse Dynamik in mein künstlerisches Schaffen reinbringt.

Wo würdest du die Grenze zwischen öffentlich und privat ziehen?
Die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum verläuft nicht entlang von Gebäudefassaden, Mauern oder Strassen und definiert sich auch nicht durch Außen- oder Innenräume! Öffentlichkeit existiert per se nicht, muss immer neu produziert werden und ist ein soziales, politisches und kulturelles Phänomen. Öffentlichkeit wird von Menschen und Dingen, die interagieren, hergestellt! Im öffentlichen Raum liegt auch mein Hauptinteresse, in ihm werden 90% meiner Arbeiten realisiert. Ich arbeite ja stets kontext- und ortsspezifisch und entwickle maßgeschneiderte Konzepte für einen bestimmten Raum, die sich nur selten auf andere Orte 1:1 übertragen lassen.

Normierter Raum, was verbindest du mit diesem Ausdruck?
Dazu fallen mir Regelwerke in der Stadt ein, die es auch braucht, z. B. Verkehrswege und Erdgeschoßzonen. Städteplanerisch finde ich vor allem die Entwicklung und Auslegung von Regelwerken interessant. In Aspern bin ich über den ambitionierten Gestaltungswillen und großen Mut überrascht, der in dieser Planungsphase omnipräsent ist. Klarerweise ist die vollständige Umsetzung fraglich, aber Normen und Regeln entwickeln sich ja auch unter ökonomischem Druck und fachlicher Innovation weiter.

Kannst du kurz dein Aspern-Projekt beschreiben?
Ausgehend von einem Konzept der Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny bin ich für den Messeauftritt von »aspern Die Seestadt Wiens« auf der Immobilienfachmesse Real Vienna verantwortlich. Dieser Auftritt besteht aus einer künstlerischen Intervention, die den kollektiven Raum der Messe als öffentlichen Raum versteht, in den mehrere PerformerInnen durch die Messehalle ausschwärmen, um eine zukünftige Stadt aus den verschiedensten Perspektiven zu erkunden und zu erzählen. So bekommen in »aspern Parlament« die Messebesucher die Möglichkeit mit der Jungfamilie, der Unternehmerin oder auch der personifizierten U-Bahn und dem See über ihre Bedürfnisse und vielleicht auch Forderungen an eine Stadt, die noch in Planung ist, zu reden und diskutieren. Auf dem Messestand selbst wird ein Teil dieser Gespräche über mehrere Lautsprecher live übertragen, sodass sich ein vielstimmiger, sicher auch widersprüchlicher Denkraum konstituiert, der sich mit der Entwicklung einer neuen urbanen Realität auseinandersetzt. Aus der Vielfalt der individuellen Bedürfnisse kann etwas Neues, kann Kreativität entstehen. Diese Gespräche werden natürlich sehr unterschiedlich sein, wir verhandeln ja etwas Zukünftiges und genau das kann man als eine Parallele zu stadtplanerischen Prozessen sehen. Zusätzlich tritt das »aspern Parlament« drei Mal täglich am Stand zusammen, um wie ein antiker Chor einen Kommentar zum Erlebten abzugeben.

Was wird im Rahmen des von dir konzipierten Projektes im Juni stattfinden?
Meine aktuellen Projekte finden fast ausschließlich in Bewegung statt. Es geht stets um Kunstproduktion und -Rezeption in Bewegung im öffentlichen Raum, wobei ich die Realität als unkontrollierbares Setting bewusst miteinbeziehe. Ende Juni wird beim Straßenbahn-Projekt »Kino im Kopf spezial« eine Straßenbahngarnitur in einen rollenden Kino-Saal verwandelt. Das Publikum hört die Tonspur des Spielfilms »Die Truman Show«, das zufällige Geschehen in der Stadt liefert die Bilder. An ausgewählten Orten sind jedoch mehr oder weniger sichtbar Darsteller platziert, die zeitsynchron genau jene Szenen spielen, die in der Tonspur gerade ablaufen. Man erlebt einen Hörfilm, der sich mit der dynamischen Realität des Stadtgeschehens überlagert. Inszenierte Fiktion oder inszenierte Realität?

Siehst du dich als Entertainer?
Ich setze zwar bewusst die Kategorie der Unterhaltung und das Spiel mit popkulturellen Oberflä
chen oft in meinen Arbeiten ein, sehe mich aber keinesfalls als Entertainer. Tritt man als Performer selbst auf, wird man gerne als Selbst-Inszenierer wahrgenommen. Die künstlerische Arbeit tritt in der Folge in den Hintergrund, wobei mich derart eindimensionale Schnellurteile langweilen. Auf der Real Vienna bin ich als Regisseur nicht sichtbar.

>> www.olliwood.com

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Text
Michael Franz Woels

Veröffentlichung
27.04.2010

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