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Durch Europas Hinterhöfe

Zurzeit fährt das sehenswerte Theaterstück »Cargo Sofia - Wien« durch das nächtliche Wien. In zwei Stunden bekommt man einen Einblick in das Transportwesen.

Ventzislav Borissov und Nedjalko Nedjalkov sind zwei bulgarische Kraftfahrer. Sie steuern einen Klein-LKW mit 47 Zuschauern an Bord durchs nächtliche Wien, der so umgebaut ist, dass die Theaterbesucher durch eine große Glasfront hinausschauen können. Andererseits wird eine Leinwand heruntergefahren, auf die Filme von Strassenfluchten, Fabriksgebäuden und Autoreparaturwerkstätten projiziiert werden – eine virtuelle Fahrt durch die Hinterhöfe Europas.
Weitere Ebenen dieses von Stefan Kaegi konzipierten Theaterabends auf der Strasse: Ein ebenfalls projiziierter Erzählstrang berichtet von illegalen Machenschaften des deutschen Spediteurs Willi Betz, der das staatliche bulgarische Speditionsunternehmen Somat übernommen hat – in Spitzenzeiten waren bis zu 900 ausgebeutete bulgarische Fahrer ohne ausreichende Papiere und unterbezahlt in ganz Europa unterwegs.
Live aus der Fahrerkabine
Von der Einsamkeit auf der Strasse erzählen die beiden Fahrer des Theater-Trucks auf einer weiteren Ebene: Sie berichten von Fahrten 20 Kilometer hinter der Frontlinie des Irak-Krieges, von den Konserven-Dosen und zwei Meter Salami, die sie während einer Fahrt durch halb Europa von Bulgarien mitnehmen, weil Proviant im Westen viel zu teuer ist. Ventzislav und Nedjalko verdienen 5 Cent für jeden gefahrenen Kilometer, das macht bei 80 km/h einen Stundenlohn von 4 Euro.
Während dieser Erzählungen sind die beiden zu sehen, weil ein Live-Bild aus dem Fahrerhaus abwechselnd mit den anderen Bildern an die Wand geworfen wird. Die Fahrer zeigen Fotos in die Live-Cam: Die Familie, ein Foto von Ventzislav neben dem Eiffelturm, am Strand von Italien.
Reale Situationen und Fiktion
Die Realität wird in »Cargo Sofia – Wien« zur Fiktion und dadurch vielleicht umso realer. Der dichteste, intimste Moment ist vielleicht jener, in dem Ventzislav und Nedjalko miteinander ein bulgarisches Lied singen. Traurig, sehnsüchtig, mit der Wehmut der Exilierten. In diesem Moment könnten man sich tatsächlich überall in Europa befinden, irgendwo auf einer Strasse.
»Welcome to Serbia!«, rufen die Fahrer in die Live-Cam und erzählen im nächsten Moment von Schmiergeldern für serbische Polizisten und Grenzbeamte. Dass der Balkan in Wien beginnt, wird einem in diesem Moment einmal mehr klar.
Ein hartes, schonungsloses Leben on the road wird an diesem Abend direkt erfahrbar, auch wenn man fast immer weiß, dass man sich durch die Industriezone am Stadtrand von Wien bewegt. Doch solche Zonen sind austauschbar und könnten in ganz Europa sein: In Serbien wie in Frankreich oder eben in Österreich. Und deshalb gelingt Stefan Kaegi mit »Cargo Sofia – Wien« ein erlebenswerter Theaterabend, der einen auch über die Notwendigkeit von globalen Handels- und Transportwegen nachdenken lässt.
>> »Cargo Sofia – Wien« ist noch bis inklusive 22.12.2006 zu erleben. Abfahrt am Schwedenplatz jeweils um 18:30h und 21:00h.
Karten dazu gibt es telefonisch unter +43 (0)1 581 35 91 und online: Tanzquartier Wien

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Text
Jürgen Plank

Veröffentlichung
21.12.2006

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