Stella Sommer © Manuel Gehrke

Dunkelgraues Glück

Stella Sommer ist eigentlich Chefin und Frontfrau von Die Heiterkeit und hat so etwas wie Deathpop miterfunden. Was nach Widerspruch klingt, ist die Agonie des Dunkelgrauen und findet auf ihrem ersten Soloalbum »13 Kinds of Happiness« seine großartige Fortführung.

Es gibt mindestens 13 Gründe, um glücklich in der Sehnsucht schwelgend traurig zu sein. Einer davon stammt aus Hamburg und dürfte dazu beitragen, die schweißgebadeten Depressionen der sommerlichen Hundstage in allumfassende Heiterkeit umzukehren. Dabei ist letztere gleichermaßen namensgebend für jene Band, die vor zwei Jahren ein grandioses Doppelalbum unter dem Titel »Tod und Pop I+II« veröffentlichte. Stella Sommer ist Gründungsmitglied dieser Gruppe, die sich Die Heiterkeit nennt, verfolgt mit Die Mausis ein weiteres Projekt und veröffentlicht nun unter eigenem Namen ihr erstes Soloalbum. Und auch wenn jetzt auf Englisch gesungen wird, der unterkühlt daherkommende Weltschmerz vergangener Tage bleibt, auch wenn er auf »13 Kinds of Happiness« deutlich weniger durch die abgewandten Texte und deren sprachliche Tiefe getragen wird. Dafür aber liegt der Fokus auf einer Stimme, die zu den interessantesten und spannendsten innerhalb der deutschen Pop-Szene (und wahrscheinlich auch darüber hinaus) gehört.

Lieder über die Einsamkeit
Dass Stella Sommer in musikalischer Hinsicht nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen ist, dürfte seit »Tod und Pop« landläufig bekannt sein, wiewohl das Arrangement dort angesichts dreier anderer Mitmischerinnen dichter, undurchlässiger und nicht ausschließlich auf ihre Stimme ausgerichtet war. Ein Glück, dass es da mit Soloalben schon aus prinzipiellen Gründen leichter ist und man nicht jede Entscheidung bis ins allerletzte Detail in basisdemokratischen Zerwürfnissen vertagen muss. Sommer schafft es dadurch, die distanzierte Unaufgeregtheit beizubehalten, die man kennt, wenn man sie mit Die Heiterkeit gehört hat. Ihre tiefe, sonore Altstimme fällt aufregend verrucht, gleichzeitig aber offen und ehrlich aus, weil sie sich zurücknimmt und trotzdem irgendwie nach vorne drängen kann. Immer zwei, drei Schritte auf Distanz gibt sie den Stücken eine auratische Ausstrahlung der Unnahbarkeit, die den Schweiß auf der Stirn in salzgetränkte Eiszapfen gefrieren lässt.

Man schreckt auf, wenn man sie singen hört; nicht aus unflätiger Überraschung, sondern vielmehr, weil man meint, die Sängerin seit einer Ewigkeit zu kennen, ohne sie jemals getroffen zu haben. Dabei singt sie gerade einmal die ersten Strophen des ersten Songs, des hymnischen Titelgebers des Albums (»13 Kinds of Happiness«) mit seinem düster im Hintergrund durchblitzenden Choralgesang. Sommer erinnert abwechselnd an Nico, Haley Fohr und auch das schwebende Momentum von Sibylle Baier schimmert in manchen Momenten durch – allesamt Musikerinnen, die gut und gerne mit diesem gewissen Gefühl der Einsamkeit assoziiert werden dürfen, übertragen allein durch ihren Ausdruck, ihrer Authentizität und die stimmliche Extravaganz. Auch die 13 Titel des Albums »13 Kinds of Happiness« üben sich im Gefühlsleben der Einsamkeit, laben sich gewissermaßen in ihr und gehen über in sehnliche Augenblicke glücklichen Empfindens, während sie sich schließlich in einem kollektiven Schwellenzustand der heiteren Schwermut ganz verbinden.

Gemeinsam weniger allein
Wer sich einsam fühlt, weiß, wie es ist, alleine zu sein. Deshalb hat sich Sommer mit Hanitra Wagner und Philipp Wulf zwei Bandkolleg*innen geschnappt und genauso wie Pogo McCartney von der Band Messer und Pola Lia Schulten von Zucker mit auf die Stücke des Albums geholt. Deren sonst träge-treibende Schrammeleien sind mitunter aber weniger deutlich herauszuhören. »We Love You To Death« könnte sogar als süßliche Antwort auf die längst zur Unendlichkeit überdrehte Agonie der Tocotronen (»Eure Liebe tötet mich«) verstanden werden, das wunderbar traurige Duett mit deren Sänger Dirk von Lowtzow (»Bird of the Night«) wiederum als erquickende Freude über die Antizipation der Einsamkeit. Getragen von ein paar seidenen Klavierakkorden, in Ansätzen an Aphex Twins »Avril 14th« erinnernd, geht es mit Gänsehaut auf einmal halb so einsam durch die Nacht. Das alles sind ausgefeilte Balladen mit ordentlich Pathos, denen etwas Eigentümliches anhängt, was sie nicht minder leicht zu fassen macht. Sommer suggeriert intime Momente, die es nicht gibt, weil Distanz so gut wie alles ist, was über die 13 Titel aufrechterhalten wird.

Stella Sommer © Manuel Gehrke

Alles dreht sich also um die Einsamkeit. Das klingt in der Theorie meist einfacher, als es wirklich ist – zumal die Texte oft nicht so eloquent daherkommen, wie man es, der Macht der Gewohnheit zum Trotz, vielleicht erwarten würde. Fehlende Tiefe möchte man dem Album aber trotzdem nicht nachtragen. Die teils hölzernen Texte werden durch die eigentümliche Phrasierung einzelner Worte schlicht zu geschickt kaschiert. »Can you leave me alone tonight / You don’t talk and that’s just fine« heißt es da im schönen Stück »For A Loner«, »Moments the distance that I keep / Yellow the color of no sleep« im von Selbstzweifeln überbordenden »I Had No Idea«. Viele Worte braucht es aber ohnehin nicht, um das Wesentliche zu verklickern. Die Stimme spricht dafür ausnahmsweise Bände. »Collapse/Collapsing« ist die heimliche Abrissnummer des Albums, eine in Watte gepackte Hymne auf das Zerwürfnis und die Dystopie, und das abschließende (und auf Deutsch geschriebene) »Hierhin kommt der Teufel« deren Vollendung.

Stella Sommer besingt mit »13 Kinds of Happiness« die schwermütigen Themen unserer Zeit, ohne dabei übermäßig Trübsal zu blasen. Gedankenverloren möchte man sich umarmen lassen – vom Leben und der Liebe, während man auf einer einsamen Wolke der Heiterkeit entlang aufreißender Abgründe getragen wird. Schön dunkelgrau!

Stella Sommer: »13 Kinds of Happiness« (Affairs Of The Heart, Release: 10. August 2018)

Link: http://www.affairsoftheheart.de/