Desert Dub: Badawi

Dub und dessen Durchlässigkeit von Zeichen und Codes: In der Musik von Raz Mesinai aka Badawi verschmelzen jamaikanische Dub-Technologies, arabische Rhythmen und New Yorker Downtown-Improvisationen. Zion, Black Ark und Nahost-Politik, amalgamisiert zu einer toxisch-tanzbaren Sound-Alchemie.

Mesinai war diesen Sommer zum ersten Mal in der Formation Badawi Quintet in Europa. Das skug-Interview fand während des Jazzfestivals Saalfelden statt, auf dem seine Platte »Clones & False Prophets« komplett aufgeführt wurde.

Original in skug #77, 1–3/2009

Raz Mesinai wurde 1973 in Jerusalem geboren und kam in jungen Jahren nach New York. Beeindruckt von einer Sufi-Zeremonie, der er als Siebenjähriger zusammen mit seiner Großmutter, einer Schülerin des Sheiks Murshid Hassan, in einem palästinensischen Flüchtlingslager beigewohnt hatte, begann er, marokkanische und aus der Tradition des Bratslaver Chassidismus kommende Perkussion zu lernen. Als Zehnjähriger nahm er diese Perkussions dann auf Tape auf und bastelte daraus seine ersten Loops. Nachdem ihm ein Freund eine Echo-Maschine gegeben hatte, war der Weg zu Dub sozusagen vorgezeichnet. Ursprünglich in der New Yorker B-Boy-Szene unterwegs, gehörte er von Anfang an zur In-Crowd des in den frühen 1990ern in NY entstandenen Illbient. So war er zusammen mit dem Bassisten John Ward als Sub Dub mit dem Track »Monuments on Earth« auf der dritten Release von WordSound, der Compilation »Crooklyn Dub Consortium – Certified Dope Vol. 1« (1995), vertreten. Sub Dub brachten einige Maxis, Remixe und die LP »Sub Dub« (1996, Instinct Ambient) heraus, die von den Tunes von On U Sound, Tackhead, oder Suns of Arqa beeinflusst waren. Später spielte Mesinai mit Shelley Hirsch, Elliot Sharp, John Zorn, Zeena Parkins, Kode9 oder Mark Feldman und veröffentlichte auf Labels wie Tzadik, theAgriculture, ROIR und Asphodel.

 

Bereits als 17-jähriger stand er immer wieder an den Turntables. »Reguläres DJing fand ich aber irgendwann richtig langweilig«, meint Mezinai. »Zusammen mit DJ Olive machen wir gelegentlich Sessions, bei denen wir »blind« auflegen. Vergiss das Vorhören oder auch welche Platte man gerade in der Hand hat. Rauf auf den Plattenteller damit. Mit ein bisschen Ûbung entstehen so immer wieder verblüffende Soundscapes.« 

Die um 1993 gestartete Formation Badawi ist nach Sub Dub Mezinais Hauptprojekt. Für seine 2001 erschienene Platte »Soldier of Midian« erhielt er einen Anerkennungspreis der Ars Electronica und als eines der persönlichen Highlights wertet Mesinai, als er 2002 das Festival Next, Next Wave mit dem nubischen Oud-Großmeister Hamza El Din eröffnete. Er war auf das Composer’s Lab des Sundance Festivals eingeladen und zeichnete für einige Film- und Dokumentationssoundtracks verantwortlich (»Sorry, Haters«, 2005, »The Saint of Avenue B«, 2006 u. a.). Ab Badawis Debüt »Bedouin Sound Clash« (1996) taucht die Sängerin Carolyn »Honeychild« Coleman regelmäßig auf seinen Veröffent-lichungen auf, in letzter Zeit hat sich mit dem Kronos Quartett ein intensiver Austausch ergeben.

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 Badawi: »Pessimistic Frequencies« (Resident Advisor)

 The Desert and the Real

Im Interview erzählt Raz Mesinai von der Leere (»desert«). »Für mein Interesse an arabischer oder »orientalischer« Rhythmik wird oft meine Herkunft verantwortlich gemacht. Was in gewisser Weise durchaus seine Berechtigung hat. Ich sehe mich aber als Weltbürger, ich glaube nicht an politische Systeme oder Grenzen. Diese »Leere« ist im musikalischen und psychologischen Sinn ein Zwischen- oder Ûbergangsstadium jenseits von Zeit und Raum, in dem archaische Rhythmuserfahrungen auf moderne Produktionstechniken treffen. Die Leere findet sich in der Wüste genauso wie in der Großstadt. Sie ist ein metaphysisches Sinnbild für Versenkung und geschärfte Wahrnehmung.«

Dafür kreuzt Mesinai Sound-Alchemie mit Dub und transferiert die Trompeten von Jericho über den Jazz-Umweg auf die Tanzfläche. Bei Badawi fusionieren sich Partikel aus all diesen Zugängen zu einem satten Soundsystem, dessen akustische Anschläge jenen von Muslimgauze oder Wordsounds HIM recht ähnlich sind. Die wohl stringenteste Kreuzung lässt sich auf »Soundboy’s Gravestone Gets Desecrated By Vandals« (2008, Skull Disco Rec.) nachhören: auf dieser DCD-Compilation von Skull Disco findet sich der Badawi-Remix von Shackletons »The Rope Tightens«. Hier trafen definitive sound brothers in mind aufeinander, die dem Dancefloor eine ordentliche Portion Sound-Theorie verpassten.

 

Demgegenüber wurde Mesinai vom heurigen Saalfeldner Jazzfestival damit beauftragt, eine dezidierte Jazzvariante des Albums »Clones & False Prophets« (2004) aufzuführen. Mit von der Partie bei dieser Europa-Premiere waren Badawis Stammbassist Shazad Ismaily sowie Eyvind Kang, der auf »Safe« (2006) für die satten Viola-Sounds zuständig war. In etwas mehr als einer Stunde spielte sich das Badawi Quintet – Mesinai (Piano, Electronics, Percussions), Kang (Viola), Ismaily (Bass), Jim Black (Drums, Percussions) und Okkyung Lee (Cello) – durch die Platte und überzeugte mit intensivem Sound, allerdings wurden Beatlastigkeit und dubbige Delaykammern zugunsten jazziger Improvisa-tionen radikal ausgespart. Ein schwieriges Unterfangen, wie Mezinai später im Interview feststellt.

Auf »Soldier of Midian«, einem Album, die gleich neben dem Å’uvre von Muslimgauze gereiht sein könnte, verdichten sich Legenden über Midian – der vierte Sohn Abrahams sowie die gleichnamigen biblischen Wüstennomaden im gebirgigen Südosten Palästinas – zu einer musikalischen Erzählung über alttestamentarische Befreiungs- und Selbstbestimmungskämpfe. Dafür verwendete Badawi Instrumente wie eine persische Tombak, eine marokkanische Bendir oder eine arabische Darbuka. Auf dem Cover der im November 2001 veröffentlichten Platte ist ein Epigramm abgedruckt, das sich wie eine Vorwegnahme kommender Ereignisse liest: »I cannot worship the man, only the life of the man. If there is to be war let the horses decide who will be victorious. And even after a path has been paved, even then … I will only follow the storm.«

Ûberhaupt ist das mythische Bild des Beduinen oder Nomaden eines, auf das Badawi oft rekurriert – am offensichtlichsten etwa in dem Track »The Bedouin Walks Alone« auf »Safe«. Dieses Konzept des Nomaden hat auch mit Nomadologien zu tun: »The nomadic way of life is characterized by movement across space which exists in sharp contrast to the rigid and static boundaries of the State. […] The nomad is a way of being in the middle or between points. It is characterized by movement and change, and is unfettered by systems of organization. The goal of the nomad is only to continue to move within the »intermezzo«« (Gilles Deleuze/Félix Guattari: »Mille Plateaux«, 1980). Sand und Wüste materialisieren sich dabei zu symbolischen Formeln, die wie Dub auf den permanenten Flux von Raum und Zeit hinweisen, auf konstante Veränderung und damit auch auf die Einebnung von Besitz- oder Gebietsansprüchen.

 

So liefert der israelisch-palästinensische Konflikt für Badawi »bloß« eine Matrize für Aktualisierungen. »Mir geht es eher um eine kafkaeske Mythologisierung [siehe etwa seine von Kafkas Prosatext »Vor dem Gesetz« inspirierte Kompositionsreihe »Before The Law« (Tzadik) von 2001; Anm.], in der sich Dinge permanent gegenseitig bedingen, auslöschen oder brechen. Denn das »Reale« lässt sich weder darstellen noch in Musik fassen. Es gibt keine einzigartige Situation, sondern nur Umschichtungen von Zuständen. Nachdem ich mit eigenen Augen vor Ort gesehen hatte, wie Israel mit den Palästinensern umgeht, kann ich nicht einfach so tun, als wäre alles OK. Araber und Palästinenser hatten in der Geschichte kaum Probleme miteinander, erst der Zionismus verwandelte die Gegend in ein Pulverfass. Ich sympathisiere mit dem jüdischen Volk, nicht aber mit der Nation Israel. Ich fand den Krieg im Irak u. a. deswegen so schrecklich, weil dadurch jahrtausende alte Kulturgüter zerstört wurden, für die damals viele Menschen ihr Leben lassen mussten und so nicht nur diese Kultur- schätze, sondern auch die dafür erlittenen Opfer unwiederbringlich ausgelöscht wurden.«

Man könnte annehmen, dass Badawi Probleme mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs hat. Er kommt auf durchaus heikle Vergleiche zu sprechen: »Hier in Saalfelden schaue ich auf Gebirge und Wälder, und nicht auf Hitler. Er ist tot. Weder meine künstlerische Praxis noch meine Beobachtungen über die Schönheit der Alpen werden davon beeinflusst. Im Gegensatz dazu ist in der Architektur eine bestimmte Präsenz spüren, da sie menschengemacht ist. Ein Beispiel dafür aus dem isrealisch-palästinensischen Raum sind die Sperranlagen im Gazastreifen und im Westjordanland. Auch wenn besonders letztere gegen Völkerrechtskonventionen verstößt, wurde sie errichtet. Aus isrealischer Sicht handelt es sich um einen »Terrorabwehrzaun«, aus palästinensischer um territoriale und ethnische Segregation. Man muss indes berücksichtigen, dass sich unter jenen, die für den Bau der Sperranlagen verantwortlich waren, auch Intellektuelle fanden, die bereits für die Errichtung des Staates Israel gekämpft hatten. Abgesehen davon, dass es natürlich immer besser ist, zu versuchen, Konflikte friedlich zu lösen, stellt sich die Frage, wie weit ein Staat, eine Gruppe oder auch eine Idee gehen kann oder auch muss, um ihre Interessen und ihre Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten oder zu verteidigen. Ich für meinen Teil versuche mit meiner Musik, diese geopolitischen Grenzen zu überwinden. Die »desert« geht weit über menschliche Bauwerke oder Perspektiven auf Realität hinaus.«  

 

Rhythmythologien

Auf der aktuellen (Re-)Mix-CD »Unit of Resistance« werden in Zusammenarbeiten mit Kode9, Marina Rosenfeld, DJ Spooky und DJ/rupture nicht nur der weite musikalische Horizont Badawis zwischen Turntablism und Dub-Remixologien abgesteckt, sondern auch, einmal mehr, seine politischen Ambitionen. Unter dem Eindruck der Wiederwahl von George W. Bush und den konfliktreichen Zeiten rund um 9/11, »the war on terror« und den Zweiten Irakkrieg schreibt Mesinai in den CD-Linernotes: »We need to know that in fact war is not so different than music, because war is the act of taking a formless essence (violence), and controlling it in order to reach a particular goal. In the same way WE [sic] take a formless matter (sound), and manipulate it in order to create music.«

Tracktitel wie »Enter the False Prophets«, »Waves of Conflict« oder »War on Mt. Zion« sind hierbei nur die offensichtlichsten Beispiele einer mit Geschichte aufgeladenen Sound-Semantik, bei der sich der ewige Kampf zwischen Gut und Böse zu einer sonischen Mythologie verdichtet. Abgesehen von »Unit of Resistance« im monochromen Schwarz-Silber-Cover, wirkten sich diese Rhythmythologien auch auf die Covergestaltung aus: Bei dem noch sehr unter dem Eindruck von King Tubby stehenden Album »Bedouin Sound Clash« sind frühneuzeitliche Bilder aus Äthiopien und Mesinai am Mischpult abgebildet. Die Designs von Diane Vilettri auf »Clones & False Prophets« legen genauso wie die stilisierten Teppichornamente von Julietta Cheung auf »Soldier of Midian« ähnliche Fährten bloß. Während auf diesen Covers bestimmte biblische beziehungsweise tribalhafte Konnotationen auszumachen sind, wurde für »Safe« ein vergleichsweise »bildungsbürgerliches«, auf jeden Fall europäisches Cover verwendet: das Bild »Perseus befreit Andromeda« des Renaissance-Malers Piero di Cosimo, auf dem der altgriechische Halbgott gegen das Meeresungeheuer Ketos kämpft. 

 

 

 

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Unendliche Weiten

Praktisch jede Badawi-Platte legt Versatzstücke geschichtlicher Mythologien frei. Sie alle gruppieren sich um den zentralen Begriff »Space«. Nicht umsonst meint Mesinai: »Ich finde, archaische Rhythmen zu elektronifizieren, ergibt die besten Beats überhaupt.« 

Dub ist und bleibt der wichtigste Referenzpunkt. Ob arabisch-vorderasiatische Percussions, Ismailys Maschinenbass, statische Streichersätze oder Mesinais Klavierphrasen: alles dient als Ausgangs-material für endlose Delay- und Echolayers, in denen der Brennstoff für die akustischen Zeitreisen in die »desert« gezündet wird. »Ich fand King Tubbys Dub-Ansatz immer schon sehr experimentell. Ich nehme meine Band auf und reduziere dann das Material Schicht um Schicht. »Unit of Resistance« ist meiner Meinung ein gutes Beispiel dafür. Es geht um Sound-Mutationen. Oder, wie es die Alchimisten nannten, um Transmutation. Oder, trivialer, um die Idee des Remixes als künstlerisch-sozialer Austausch. Elemente werden ineinander umgewandelt und verstärken sich dadurch. Es gibt weder Anfang noch Ende, sondern nur Veränderung. Der Remix wird so zu einer Aussage über einen bestimmten Zustand, der sich im nächsten Moment schon wieder ganz anders darstellen kann.«

Wieder aus dem Covertext von »Unit of Resistance«: »[W]ho’s to say that it stops here? Although the prima material seems to be the elements from the recording of the day, it isn’t. It goes back way further, and doesn’t even stop there. And who’s to say that this book of sound is the final result?« Und schließlich eine Frage, die sowohl musikalisch (Dub) wie politisch (Anti-/Nation) interpretiert werden kann: »What hope is there in anything finished?«

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Auch wenn die Soundentwürfe von Badawi – ähnlich wie die von Skull Disco oder The Bug – gerne als Inspirationsquellen für Dubstep genannt werden, hat Badawi schon längst nur noch sehr wenig mit Club- und Bass-Musik als solcher zu tun. »Battle Cry« auf »Clones & False Prophets« lässt mit seinen martialischen Drums und der fahrigen Gitarre von Marc Ribot an ein Kriegslied, »To Be Continued« auf derselben Scheibe durch Honeychilds Gesang an Massive Attack, und »I Said Oblivion« auf »Safe« mit seinen enigmatischen Streicherparts an amerikanische Minimalisten denken. In diesen späteren Werken Badawis wird Bass nicht mehr forschungsleitend sondern als kanalisierende und verstärkende Klammer verhandelt. Diese Platten erzählen von untergegangenen Zivilisationen und antiken Helden, von der Liebe und dem Scheitern. Das gut dreizehnminütige Stück »The Avenging Myth« auf »Safe« beispielsweise kommt als ein cinematisches Feuerwerk an virtuosen Klavier- und melancholischen Streicherarrangements daher, das mit seinen treibenden Tribal-Beats den Imaginationsraum in eine schiere Endlosigkeit aufdehnt; man wähnt sich umgeben von Wüste, die aber nicht lebensfeindlich ist, sondern in der es nur so wuselt. Irgendwo in diesen Weiten lässt sich dann eine Oase ausmachen.

Wie heißt es auf einem Covertext von »Clones & False Prophets«: »If you come in peace, then drink from the bass within«.


 

Diskografie (Auswahl)

»Bedouin Sound Clash«, ROIR, 1996
»Jerusalem Under Fire«, ROIR, 1997
»Final Warning« (12″), Asphodel, 1998
»The Heretic Of Ether«, Asphodel, 1999
»Soldier Of Midian«, ROIR, 2001
»Clones & False Prophets«, ROIR, 2003
»Safe«, Asphodel, 2006
»Unit Of Resistance«, ROIR, 2007