Collage: Bettina Kogler (c) Brunilda Castejon

Den Kreis auf den Punkt bringen

Bettina Kogler, die neue künstlerische Leiterin des Tanzquartiers Wien, im Gespräch über ihre Vorhaben nach der Wiedereröffnung im Jänner 2018.

Das Tanzquartier Wien wird nach mehrmonatiger Umbaupause Ende Jänner wiedereröffnet. Mit der neuen Intendantin Bettina Kogler kommt auch eine neue Corporate Identity. Das Kreislogo der ersten Intendantin Sigrid Gareis, das durch ihren Nachfolger Walter Heun erweitert wurde, wird nun geöffnet. Oder sollte man vielmehr sagen gesprengt, da es ja nun ganz verschwunden ist? Es sind jedoch die haarkleinen, feinen Dinge der Veränderung, die die kommenden TQW-Spielzeiten prägen werden, wie skug bei einem Gespräch vor Ort erfuhr. Bettina Kogler setzt auf Kontinuität und versucht nun, den Kreis auf den Punkt zu bringen.

skug: Die Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin Donna Haraway scheint ein wichtiger Einfluss für Sie zu sein. Können Sie kurz erläutern, warum diese Theoretikerin für Sie so wichtig ist?
Bettina Kogler: Die US-amerikanische Theoretikerin ist eine wichtige Referenz für mich, weil sie für unsere komplizierte Zeit, die einen immer wieder hilflos zurücklässt, einen Ausweg anbietet, der in seiner Einfachheit und Praktikabilität bestechend ist. Sie vertritt einen Ansatz, den man als »Storytelling for a better future« zusammenfassen könnte: Wir müssen endlich damit aufhören, uns immer und immer wieder dieselben negativen Geschichten zu erzählen und diese dadurch festzuschreiben. Wir können in unserer Kreativität ganz aufgehen, wenn wir uns neue, fantasievolle Geschichten erzählen. Und so eine bessere Zukunft erschaffen. Ich glaube, dass fast alle zeitgenössischen Kunstorte dieses Potenzial in sich bergen. Donna Haraway warnt weiters davor, zu glauben, dass der Kapitalismus die einzige Form sei, um Handel zu betreiben. Interessant finde ich auch die Idee, eine kleine familiäre Gemeinschaft zu gründen, wie Haraway das selbst für sich gelöst hat.

Wie unterscheidet sich nun Ihr Ansatz der Programmierung von Ihren beiden VorgängerInnen Sigrid Gareis und Walter Heun? Wo soll es hingehen?
Das Tanzquartier wird zum ersten Mal zu einem Ort, wo man auch selbst tanzen kann. Also nicht nur Tanzerfahrungen als ZuschauerIn sammeln, sondern selbst aktiv teilnehmen. Dafür haben wir ein paar neue Formate entwickelt. Einmal im Monat donnerstags im Rahmen unseres Trainingsprogramms gibt es die Golden Hour, wo von 18 bis 24 Uhr zu guter DJ-Musik getanzt wird. Den ersten Abend wird Brenk Sinatra gestalten. Alle, die Lust haben, sich zu bewegen, sind dazu eingeladen. Das ist ebenfalls in unserem Trainingsprogramm neu: Einerseits werden die Advanced-Level-Kurse stärker professionalisiert, andererseits werden zweimal in der Woche Open-Level-Kurse für alle Tanzinteressierten angeboten. Wir beginnen mit einem Stimmtraining. Ich denke, das kann für viele Menschen interessant sein. Außerdem bieten wir ein spezifisches Tai-Chi-Training an, das alte Bewegungsmuster zu erkennen und zu verändern hilft. Zusätzlich gibt es einen offenen Workshop von Doris Uhlich für Menschen mit und ohne Behinderung.

Den choreografisch-analytischen Aspekt bei den Vorträgen werden Sie aber beibehalten?
Es wird eine Öffnung in Richtung Popkultur und Gendertheorie beim theoretischen Zugang und beim Körperdiskurs geben. Die Theorie wird bei uns auf zwei Standbeinen stehen. Das Vortragsprogramm geht im gleichen Ausmaß weiter. Hinzu kommt ein neuer Theorieteil, und zwar das TQW Magazin, bei dem ein großer Pool an AutorInnen auf unserer Website Texte über die TQW-Produktionen veröffentlicht. Diese Reflexionen werden dann einmal im Jahr in Printform als Magazin erscheinen. Den choreografisch-analytischen Ansatz im Vortragsprogramm werden wir beibehalten, aber schon im ersten Vortrag zeigt sich die Öffnung in Richtung Popkultur. Wir programmieren in Zukunft auch stärker entlang von Themensträngen. Eine der ersten Fragen dreht sich um groteske Körperlichkeit, daher der Vortrag des Musikkritikers Adam Harper. Harper, der u. a. für »The Wire« schreibt, wird am 2. Februar Musikvideos von Arca, Holly Herndon, Jesse Kanda, Gaika, Gazelle Twin, Planningtorock, Moor Mother und den relativ neuen Körperbegriff, der in diesen Videos vorkommt, analysieren. Zu beobachten ist die Verschränkung von Technologie und einem nicht ganz zuordenbaren Erotikbegriff. Laut Adam Harper steckt da eine eigene Genrerichtung dahinter. Zum Thema »groteske Körperlichkeit« zeigen wir auch die Produktion »Boca de Ferro« von Marcela Levi und Lucía Russo aus Brasilien, die eine spezielle Form des nordbrasilianischen Techno, den sogenannten tecnobrega, verarbeiten. (Anm.: Boca de Ferro, übersetzt »Mund aus Eisen«, ist der Spitzname von riesigen Ghettoblastern in diesen Gegenden).

»Boca de Ferro« (c) Elisa Mendes

Als weiteres Theoriestandbein könnte man ja auch die umfangreiche Präsenzbibliothek betrachten, gibt es da auch Neuerungen?
Die Bibliothek bei uns im Halbstock liegt etwas versteckt. Ich möchte aber keine schlafende Bibliothek. Also holen wir jetzt die besten Stücke unserer Fachliteratur herunter ins Foyer und außerdem haben wir das neue Format »lunch book« entwickelt. Das Profitraining am Vormittag findet wie gehabt statt. Danach ist es üblich, dass im Foyer gejausnet wird. Die Trainingsleute sitzen dann also da und jausnen und in dieser Zeit wird ab nun täglich von Montag bis Freitag Christina Gillinger, die die Bibliothek betreut, um 13 Uhr eine halbe Stunde aus einem unserer Werke vorlesen.

»Nicola Gunn« (c) Gregory Lorenzutti

Wie sieht es mit weiteren Fragen rund um den politischen Körper abseits von eurozentrischen Sichtweisen aus?
Uns interessiert natürlich auch außereuropäisches choreografisches Schaffen – in der ersten Saison etwa anhand von Stücken aus Brasilien, Australien oder Singapur. So wird Nicola Gunn zum Beispiel den australischen Blick auf Europa hinterfragen. In ihrer gesellschaftskritischen Arbeit »Piece for Person and Ghetto Blaster« geht es um einen Vorfall, den sie in Belgien beobachtet hat: Ein Mann wirft mit Steinen nach einer Ente. Gunn fragt sich, ob sie das nicht verstehen kann, weil sie kulturell unterschiedlich geprägt ist, und findet viele unterschiedliche, teils auch humorvolle Antworten darauf. Dieses Stück findet sich in unserem Programm rund um politische Fragen des Körpers. Die groteske Körperlichkeit, politische oder sexuelle Fragen rund um den Körper sowie Fragen der Intimität werden die ersten Themenstränge sein, die wir behandeln. Im Herbst folgen die Themen Tradition oder auch Cultural Appropriation. Was mir auch wichtig ist: das Verständnis unseres Körperbilds zu hinterfragen und die Diversität von Körpern auf der Bühne in den Vordergrund zu stellen. Nicht nur jene perfekten, jungen Körper, die wir z. B. aus der Werbung kennen, zu präsentieren, sondern auch generationenübergreifend zu denken. Im Rahmen der politischen Fragen rund um den Körper gibt es im März die Arbeit »Monday: Watch Out for the Right« der portugiesischen Künstlerin Cláudia Dias zu sehen. Sie boxt mit dem spanischen Schriftsteller Pablo Fidalgo Lareo in zwölf Durchgängen. Dazu wird ein Text über ihre persönliche politische Arbeit verlesen, auch Fragen zu Europa kommen darin vor. Hier wird dem Blick von Nicola Gunn auf Europa sozusagen eine Innenperspektive von Cláudia Dias gegenübergestellt.

Cláudia Dias: »Monday Watch Out for the Right« (c) Cláudia Dias

Sie haben auch diese Idee der Laborsituation, wie es sie unter Sigrid Gareis gab, wieder aufgegriffen.
Was ich wieder aufgreifen möchte, aus der ersten Epoche des Tanzquartiers, ist der verstärke ExpertInnendiskurs im Rahmen von Laborsituationen. Da sind im Hintergrund ganz viele Begegnungen passiert und diese Research-Situationen haben auf die lokale Tanz- und Choreografieszene vielfach befruchtend gewirkt. Im Rahmen von Laborsituationen sind viele KünstlerInnen zusammengekommen und haben sich zu einem Thema ausgetauscht. Manchmal gab es eine öffentliche Präsentation, manchmal keine. Für die lokale Szene war das ein ganz wichtiger Input. Deshalb möchte ich das wieder verstärkt aufgreifen. Es wird mindestens einmal im Monat ein Labor geben, mit Themen, die von den KünstlerInnen selbst vorgeschlagen werden oder die sich an unseren Themensträngen orientieren. Verschiedene KünstlerInnen, auch aus unterschiedlichen Genres, zusammenzubringen, diesen Austausch auch zwischen verschiedenen Altersgruppen zu fördern, das ist mir ein großes Anliegen. An zwei Freitagen pro Monat steht dafür auch das Studio 1 von 10.45 bis 12.30 Uhr für die Tanz- und Trainingsszene zur freien Verfügung – ein offener, autarker Raum für selbstorganisiertes Zusammenkommen, Ausprobieren und Experimentieren. Weiters habe ich – bewusst als lokalpolitisches Statement – beschlossen, nach der mehrmonatigen Umbauzeit 2018 die sehr teure Halle E nicht zu bespielen, um dafür nach der Schließzeit des TQW nun mehr Geld zur Unterstützung der lokalen Szene in die Hand nehmen zu können. Hier kommt der Ansatz des »Storytelling for a better future« von Donna Haraway wieder ins Spiel. Keine negativen Geschichten, die auf unbegründeter Angst oder Bedrohung basieren, weiterzugeben, sondern Kontinuität, Raum, Zeit und Kraft für Kreativität.

www.tqw.at