Cycling und Recycling

Über die »Tour de France-Soundtracks«, Kraftwerks erstes Album nach 17 Jahren, wurde in den letzten Wochen viel geschrieben. Nur wenig davon stimmt. Die Zeit scheint reif für eine Richtigstellung.

Nach unzähligen Vorankündigungen und mindestens ebenso vielen Vertröstungen und Dementis war es dann plötzlich so weit: Mit »Tour de France 2003« stand die erste Auskoppelung eines angeblich bald nachfolgenden Albums in den Regalen der Plattenläden. Niemand wollte es zunächst so richtig wahrhaben, zu oft schon waren in Sachen Kraftwerk die vom Label geschürten Erwartungen enttäuscht worden. Zu festgefahren war der Glaube daran, die alljährliche Vorhersage eines Erscheinungsdatums sei Teil eines unfreiwillig komischen Maßnahmenkatalogs zur Aufrechterhaltung der Kraftwerkschen Legende. Doch schon allein die Cover-Gestaltung – eine beinahe unveränderte Übernahme des 83er-Motivs – ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier tatsächlich eine neue Kraftwerk-Single vorlag. Nichtsdestotrotz wurde der Ankündigung des Labels, die Single sei der Vorbote einer kommenden Album-Veröffentlichung, seitens erfahrener Kraftwerk-Fans keine weitere Bedeutung beigemessen. Einfacher gestrickte Gemüter, die sich unverhohlen euphorisch gaben, ernteten bloß Lächeln, Kopfschütteln und Abwinken. Eine weitere Absage schien vorprogrammiert. Als die Tour de France dann auch vorbei war, ohne dass die angesagte Sensation einer weiteren Veröffentlichung stattgefunden hatte, fühlten sich gerade die Kopfschüttler und Abwinker in ihrer anfänglichen Skepsis bestätigt. Umso erstaunter müssen sie gewesen sein, als nur wenige Tage nach Beendigung der Tour, mit den »Tour de France-Soundtracks«, die angekündigte »Langspielplatte« aus den Düsseldorfer »Kling Klang«-Studios dann doch noch erschien.

Welchen Stellenwert Kraftwerk auch nach 17-jähriger Abwesenheit in der modernen U-Musik heute noch einnehmen, lässt sich allein daran ermessen, dass in beinahe jeder deutschsprachigen Tageszeitung, die in kulturellen Belangen ein gewisses Mitspracherecht für sich beansprucht, eine Rezension des neuen Albums erschien.

Betrachtet man nur den heimischen Blätterwald, ist dabei eine so einhellige wie absurde Auffassung entstanden: Das neue Album sei zwar gar nicht so übel wie erwartet, von einem (erhofften?) Meisterwerk sei es allerdings weit entfernt. Jene, die früher einmal das Feld angeführt hätten, fänden sich heute im Hauptfeld in die Pedale tretend wieder. Auch vor den einstigen Pionieren habe die rasante Entwicklung innerhalb der elektronischen Musikszene nicht Halt gemacht. Sei es nun House, Techno oder Elektro-Punk: die Laptop-Generation sei den Gründervätern längst enteilt. Das neue Album beweise dies auf eindrucksvolle Weise.

So metaphorisch plausibel das auch klingen mag, so wenig beschäftigten sich jene, die in ihren Besprechungen einen Mangel an Erneuerungspotential erkennen wollten, tatsächlich mit der Musik. Besprochen wurde insgesamt weniger die musikalische Qualität der »Tour de France-Soundtracks«, als vielmehr das (Miss)Verhältnis zwischen der Legende Kraftwerk, ihrer 17-jährigen Schaffenspause, Mutmaßungen über die möglichen Gründe einer so langen Abwesenheit und dem nun vorliegenden Comeback.

Zugegeben: In den meisten Fällen verfügt der Rezensent über zutreffendere Informationen als bei einer Band, die, mehr oder weniger, seit ihrem Bestehen einen, aus notorischer Öffentlichkeitsscheu begründeten, überaus seltsamen Umgang mit Medien, irgendwo zwischen Selbstinszenierung und bewusster Fehlinformation, pflegt. Mit anderen Worten muss der Versuch, ein Comeback-Werk im Kontext von Bandgeschichte und Gesamtwerk zu interpretieren, zumindest dann fehlschlagen, wenn man dafür entweder mehr als siebzehn Jahre zurückgehen muss oder auf jene Spekulationen und Verlegenheitslegenden zurückgreifen muss, aus denen die jüngere Geschichte Kraftwerks gestrickt ist.

Schließlich waren es Kraftwerk, die dem Medienrummel im Zuge der »Menschmaschine« zu entkommen versuchten, indem sie aus der Not der manischen Abneigung gegen jede Form von Selbstvermarktung eine Tugend machten und ihre Pressekonferenzen, ganz im Sinne des Mensch-Maschine-Konzepts, mit Roboter-Nachbildungen beschickten. Es waren auch Kraftwerk, die das Gerücht in die Welt setzten, die Zeit zwischen »Electric Cafe« (1986) und »The Mix« (1991) hätten sie ausschließlich damit verbracht, ihr eigenes Songmaterial zu digitalisieren. Spätestens damit trugen sie das Bild in die Öffentlichkeit, Anspruch und Wirklichkeit begännen im Hause Kraftwerk unaufhaltsam auseinander zu driften. Letztlich waren es aber auch Kraftwerk, denen das Bild, das sie von sich selbst evozierten, stets völlig egal zu sein schien, wollte man die Öffentlichkeit doch ernsthaft glauben machen, man arbeite seit Jahren tag und nacht an einem neuen Album, womit man den Boden der Realität abermals verließ.

Revolution und Selbstzitat

Manche Kritiker gaben sich erstaunt darüber, wie unverkennbar das alles nach Kraftwerk klänge. Wie Dieter Bohlen zitiere sich die Formation ständig selbst und variiere dabei bloß frühere Themen. Beim Lesen der meisten Reviews beschleicht einen das seltsame Gefühl, dass die gesamte Kritik zu sehr damit beschäftigt war das Kraftwerk-Typische am neuen Album aufzuspüren, um Augen für das Untypische zu haben. Das neue Album sei vollends anachronistisch, hieß es, und genauso unauffällig, anonym und mystisch wie seine Macher. Dass die Soundtracks eher von Nostalgie denn Innovation geprägt seien, stimmt allerdings nur bedingt. Der schwer zu leugnende Drang, dem Monolithen »Kraftwerk« Unzulänglichkeit nachzuweisen, mag hier den Blick auf das Wesentliche verstellt haben.

Tun wir doch einfach einmal das, was all jene, die den Bogen ihrer Kritik von Revolution über Legenden bis hin zur Enttäuschung spannten, offenkundig nicht taten: Hören wir uns das neue Album einfach an und legen wir dabei – weitgehend unabhängig von der Rezeptionsgeschichte und außerhalb jeglicher Referenzsysteme – das Hauptaugenmerk auf die Musik:

Und siehe da: Plötzlich weht einem von Beginn an mit stählernem Beat unterlegter Elektro-Funk der frühen 80er entgegen. Wuchtige House-Bässe dominieren, dazu gibt’s Vocoder-Harmonien und konkrete Poesie wie eh und je. Neu ist der Facettenreichtum im dunkleren Klangsegment. Dadurch, dass man an Bass deutlich zulegte, hat der klassische Kraftwerk-Sound eindeutig an Wärme gewonnen. Ein Kritiker mit besonders scharfem Gehör wollte sogar vernommen haben, dass Kraftwerk teils immer noch analoge Synthesizer einsetze. Das musikalische Gesamtbild ist von Entschlackung und sparsamer Akzentuierung geprägt. War es früher noch zurückhaltende Melodik, geben sich die heutigen Melodien manches Mal überhaupt erst nach mehrmaligem Hören als solche zu erkennen. Insofern ist man – vergegenwärtigt man sich die Bandgeschichte – einen logischen Schritt weiter in Richtung Minimal-Techno und Micro-House gegangen. Und dennoch: Wer bei all der vorherrschenden Reduktion genau hinhört, dem erschließt sich die Detailversessenheit, die den typischen Kraftwerk-Sound von Anbeginn an ausmachte. Unter dem Stahlgewitter offenbarten sich immer schon verspielte Miniaturen ungeahnter Schönheit.

Die Entdeckung des Dub

Kraftwerk erfanden die klare und asketische Struktur des Techno, weil sie frühzeitig den hypnotischen Effekt maschineller Beats erkannten (»It’s more fun to compute«). Sie waren Techno-Pop, nie aber Downbeat. Ihre Düsternis bezog die Musik stets aus ihrer visionären Kraft und nur selten aus dem Klangbild. Den Begriff »Technopop« prägten Kraftwerk schließlich, als sie ihren Zenith längst überschritten hatten und Techno trotzdem noch in weiter Ferne lag.

Kraftwerk haben ohne Zweifel so einiges erfunden, der Dub gehört allerdings sicher nicht dazu. Umso erstaunlicher ist es, dass bislang niemandem die zart dubbigen Anklänge in »Elektro-Kardiogramm« auffielen. Durch seine wohltemperierte Mischung aus den altbewährten Atemgeräuschen als Taktgeber und neuer Rhythmik dient es als das Beispiel schlechthin dafür, dass
das Selbstzitat nicht unbedingt zur peinlich sentimentaler Reise in die eigene Vergangenheit gerinnen muss, sondern – angereichert mit neuen Einflüssen – beides sein kann: unverkennbar eigenständig und doch progressiv.

Unverständlich ist auch, dass die Kritik der altbewährten und zudem nicht unbedingt einfallsreichen konkreten Poesie in »Vitamin« mehr Beachtung schenkte als dem Track mit der vielleicht zwingendsten Melodie des Albums: »La Forme«. »La Forme« ist Verzögerung pur. Zu pochendem Bass mäandert eine kleine, feine Orgelmelodie über meisterhaft verzögerten Delays vor sich hin. Mal verliert sie sich in zarten fragmentarischen Einsprengseln ihrer selbst, um dann wieder aus der Tiefe der Bässe hervorzubrechen, was die Spannung ins Unerträgliche dehnt und eine hypnotische Wirkung hervorruft, wie man sie von Kraftwerk zum letzten Mal auf »Computerwelt«- dort allerdings in doppelter Geschwindigkeit – gehört hat. Natürlich ist das alles nicht neu, geschweige denn eine Revolution in Sachen Sound, sondern ganz das, was Kraftwerk immer waren: Musik gewordene Zurückhaltung, die sich in all ihrer Eindringlichkeit melodisch erst nach mehrmaligem Hören offenbart und einen Gutteil ihres Charmes aus der Wechselwirkung zwischen bis zur Unerträglichkeit gedehnten minimalistisch-monotonen Spannungskurven und geradezu naiv anmutender Melodik bezieht.

Innovation und Nostalgie

Kraftwerk waren immer elektronisch, selten hart, nie aber »industrial«. Bei Kraftwerk war es nie ungepflegter Straßenlärm, der den Ohren der Zuhörer zugemutet wurde. Es war vielmehr etwas, das so klang wie Straßenlärm, nur ungleich glatter, gefiltert, sorgsam poliert. Ähnlich den künstlich colorierten Speisen beim Fernsehkochen waren es ästhetisierte Formen, eigens geschaffen für die Momentaufnahme, die als Zukunft verkauft wurden. Ob es in der Absicht der Kraftwerker lag, den Kern der Sache so punktgenau zu treffen, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist, dass man wahren Realismus schaffen wollte und dabei die intellektuelle Form eines verklärten romantischen Realismus schuf, eine »nostalgisch verklärte Vision der Zukunft«, wie es ein britischer Kritiker einmal nannte, »futuristisch-geradlinig, bevor der Modernismus zu bröckeln begann«. So bezog die Musik ihre treibende Kraft aus dem »produktiven Widerspruch zwischen Nostalgie und Futurismus«.

Seit der Blütezeit Kraftwerks wurde die elektronische Musik aber zusehends einer Entschlackungskur unterzogen. Weniger Konzept, weniger Variete, mehr Beat. Der Kraftwerksche Spagat zwischen Innovation und Nostalgie – sieht man einmal vom aktuellen 80er Retro ab – scheint heute nur schwer denkbar. Es ist daher unausweichlich, dass Kraftwerk so klingen, wie sie klingen: nach Kraftwerk, minimal und retro.

Variation als Reduktion

Jede andere Band der Welt, so ein Kritiker, würde, hätte sie es gewagt ein solches Album vorzulegen, in Grund und Boden geschrieben. Alleine Kraftwerk verstünden es, von ihrem Bonus als Erneuerer derart zu zehren. Beweis dafür, wie sehr man hinter früheren Ergebnissen hinterherhinke, meinten viele, sei nicht nur der Umstand, dass man es offenbar notwendig habe, das neue Album als Fortführung der legendären 83er-Single zu gestalten, sondern vor allem die Tatsache, dass man den Originaltrack auch noch in einer beinahe unbearbeiteten Fassung als letzten Titel anhing. Aber ein Gutes habe diese Vorgangsweise schließlich doch:
Während man in den Neubearbeitungen in den Tracks 1-3 das alte Thema weitgehend uninspiriert variierte, zeige die alte Fassung am Ende des Albums, welch »wunderbare Melodiebögen man einst über stählernes Rhythmusgerüst zu spannen vermochte.«

Wahr ist an dieser Sichtweise nur, dass am »Tour de France«-Original tatsächlich besonders deutlich wird, wie weit Kraftwerk ihrer Zeit einmal voraus waren und es einem noch immer den Atem verschlägt, lässt man die 83er-Urversion in der nun vorliegenden naturbelassenen, nur sanft geglätteten Album-Adaption auf sich wirken. Dass es Kraftwerk vor genau 20 Jahren verstanden, in einem einzigen Track das gesamte Zusammenspiel von Harmonie, Dynamik und Repetition, das den späteren Elektro ausmachen soll, vorwegzunehmen, grenzt an Prophetie.
Wer die Bezugnahme auf den 83er-Track in den »Etappen« 1 bis 3 als Zeichen kreativen Stillstands interpretiert, verkennt, dass die Variation neben Duplikation, Austauschbarkeit und Automatismus immer schon zu den zentralen Themen im Schaffen von Kraftwerk zählte. Im technoiden Musikbild Kraftwerks begreift sich Variation als Reduktion und damit als wesentlicher Schritt zu Einfachheit und Widerholung, zwei Wesensmerkmalen jeglicher Trance. Wer jemals Gelegenheit hatte zu hören, mit welcher Begeisterung Ralf Hutter in so manchem Interview davon spricht, wie man beim Radfahren nach einiger Zeit aufhöre, die Pedale zu spüren, versteht vielleicht nicht nur die Wahl des Tour-Motivs, sondern ungleich mehr: den Zusammenhang zwischen Mensch, Maschine – dem Lebensthema Kraftwerks – und jener Trance-Mission, auf der sich Kraftwerk seit Beginn ihres Schaffens befinden. Minimale Harmonie und deren Variation gepaart mit präziser technoider Wiederholung ergibt perfekte Harmonie.

Die Bezugnahme auf das »Tour de France«-Original lässt sich aber auch als Programm begreifen, hätten die Kraftwerker dem Streben, an die eigene goldene Ära anschließen zu wollen, doch nicht trefflicher als durch diese Reminiszenz Ausdruck verleihen können. Dadurch schließt sich nach 20 Jahren gewissermaßen wieder der Kreis der eigenen Geschichte.

Missverständnis und Legende

Einfach zu sein, haben Kraftwerk nie für sich beansprucht. Mitunter derart grundlegend missverstanden zu werden, haben sie aber dennoch nicht verdient. Bisweilen wurde schier Unglaubliches verbreitet. Zwischen purem Missverständnis und Legende verläuft ein wahrlich schmaler Grat.

Kraftwerk wurden nicht selten mangelnder Humor und Eitelkeit nachgesagt. Der Ursprung solcher Gerüchte ist schnell ausgemacht. Zielstrebige Innovation und unterkühlte Präzision zählen gemeinhin zu deutschen Tugenden. Insofern war die Musik Kraftwerks ungemein deutsch. Fast zu deutsch für die Deutschen, die sich anfangs für die so offen zur Schau gestellte Eigenständigkeit wenig begeistern konnten. So begegnete die Kritik den ersten Kraftwerk-Alben mit abwartender Distanz. Erst als die ersten US-amerikanischen Djs die hypnotische Dauerschleife von »Autobahn« für sich entdeckten und den Track durch Heavy-Rotation in Discos und Radio-Stationen unter die US-Top 5 hievten, wurde man in Deutschland auf die Eigenständigkeit dieses neuartigen Sounds aufmerksam.
Kraftwerk wussten mit dem Klischee des Deutschseins auch meisterhaft zu spielen. Als Beispiel sei nur das Original-Cover von »Transeuropa Express« genannt: Vier Vorzeige-Schwiegersöhne posieren in feinem Zwirn vor schwarzweißer, mit Weichzeichner bearbeiteter Wohnzimmerromantik hart an der Grenze zur Deutschtümelei. Nein, so sehen wahrlich keine Rockstars aus! Was heute Gang und Gäbe ist, stieß damals auf wenig Gegenliebe: Das Spiel mit Image und Identität als falsch verstandene Provokation…

Humor, so sagt man weiter, zähle nicht unbedingt zu den Stärken der Deutschen. Insofern passt es gut ins Bild, dass auch Kraftwerk, schenkt man den Kritikern Glauben, nur wenig davon abbekommen haben. Es ist schon eher eine Mischung aus sprödem Charme und Skurrilität, die ihnen nachgesagt wird. Kraftwerk selbst schienen sich in dieser Sonderling-Rolle stets zu gefallen. Immer wieder bezeichneten sie sich selbst als Musik-Arbeiter. Ihr Studioalltag, den sie Reportern beschrieben, ähnelte eher jenem eines Bergarbeiters als dem eines Künstlers. Und das sollte wohl auch so sein. Nicht Kreativität oder Kunstsinn, sondern die deutschen Tugenden Fleiß, Zielstrebigkeit und Konzentration waren es, die man gegenüber der Presse – und sei es auch nur, um einmal mehr Verwirrung zu stiften – hervorkehrte. Nur
mit der Bescheidenheit, einer weiteren Tugend mit der sich der Deutsche ab und an gerne schmückt, wollte es nicht so recht klappen. Als man zur Expo 2000 für einen halbminütigen Jingle, von dem es noch dazu nur eine vier Sekunden lange Sequenz zur Ausstrahlung im TV gelangte, 400.000 DM kassierte, schäumte die deutsche Boulevardpresse und nicht nur sie.
Gründe dafür, dass Kraftwerk nie unumstößlichen Denkmalcharakter erlangten, gibt es zur Genüge: Zum einen ist es die offenkundig zur Schau getragene Suche nach einer deutschen Nachkriegsidentität, die die Pop-Industrie der westlichen Nachkriegswelt gegen den Strich zu kämmen schien und den amerikanophilen Deutschen so gar nicht in den Kram passte. Zum anderen ist es die fortwährende Ignoranz, mit der Kraftwerk den Medien begegneten. Umso bemerkenswerter ist die hymnische Verehrung, die Kraftwerk zumindest seit »Autobahn« in den USA und GB zuteil wurde. Die Liebe zu Kraftwerk kannte dort keine kulturpolitische Inklination. Daran wird vor allem eines deutlich: Das Phänomen Kraftwerk ist eng mit seiner Rezeption verwoben und ohne sie kaum zu verstehen. Auch anhand der »Tour de France-Soundtracks« ließen sich große Unterschiede im Zugang zum Werk zwischen deutscher und britischer bzw. US-amerikanischen Kritik erkennen, wo man dem neuen Album en gros mit erheblich größerem Wohlwollen als hierzulande begegnete.

Und wo bleibt der Humor? Sind Kraftwerk tatsächlich diese arbeitsamen Musik-Beamten, die sie stets zu sein vorgaben? Mitnichten: Jenen bösen Zungen, die immer noch behaupten, Humor zähle nicht zu den Stärken der teutonischsten aller Bands, muss das aktuelle Interview, das Ralf Hutter neulich dem Spiegel gab, nahegelegt werden. Nur selten hat man eine derartige Chuzpe erlebt. Nach siebzehn Jahren Schaffenspause zu behaupten, man habe zwar zuletzt wenig veröffentlicht, könne das Tempo aber jederzeit wieder anziehen, ist ein starkes Stück. Hutter setzte allerdings noch einen drauf, indem er meinte, trotz eingeführter 168-Stunden-Woche seien die Archive leer, da auch wirklich alles, was man anfange, veröffentlicht werde. Wer Hutter dann auch noch »Das ist kein Comeback. Wir waren ja nie weg« sagen liest, kann nicht umhin, zumindest dem Sprachrohr der Kraftwerker ein gewisses Maß an Ironie sich selbst und seiner Arbeitsweise gegenüber zuzugestehen. Aber: Die Grenze zwischen Ironie und Hohn, Humor und Frechheit, Wahrhaftigkeit und bewusster Verweigerung zu ziehen, fiel bei Kraftwerk immer schon schwer. Die Legende will schließlich genährt werden.

Besser als erwartet, schlechter als erhofft?

Ein neues Kraftwerk-Album würde es, da es an der revolutionären Kraft der eigenen Visionen und an nichts weniger gemessen würde, schwer haben, das wusste man. Dass es von vorneherein keine Chance bekommen würde, konnte man hingegen nicht ahnen. Legendenbildung, bewusste Verweigerungstaktik und journalistischer Kleinmut hatten den Boden längst bestellt. Das Wagnis überhaupt noch einmal zu veröffentlichen wurde, zumindest von der deutschsprachigen Kritik, nicht belohnt. Sollte das Album nach der Kritik tatsächlich auch beim Publikum durchfallen, könnten sich freilich weder Kraftwerk noch ihr Label darüber beklagen, hat man eine Vielzahl der Gerüchte doch selbst geschürt und damit den wesentlichen Nährstoff der Legendenbildung geliefert.

Zu welch absurden Ergebnissen dies führte, kann man daran ermessen, dass ein Großteil der musikinteressierten Öffentlichkeit tatsächlich davon ausging, in den Düsseldorfer »Kling Klang«-Studios entstehe ein Album, das »das gesamte Genre resümiere und Zäsuren setze«. Kurzum: Es gelang, den Eindruck zu erwecken, man habe schlicht siebzehn Jahre im Kämmerchen am perfekten Pop-Album gefeilt. Glaubwürdig wurde ein derartiger Unsinn erst dadurch, dass zuvor unter anderem das Gerücht verbreitet worden war, man habe zwischen 1986 und 1991, sieben Jahre (!), fast ausschließlich damit verbracht das eigene Material zu digitalisieren. Wer zu derartigen Verrücktheiten neigt, dem wird auch noch größerer Wahnsinn zugetraut. Mitunter hieß es auch, Kraftwerk sähen sich dem Erwartungsdruck einfach nicht gewachsen. Viel höher kann die Latte des Erwartungsdruckes eigentlich nicht mehr liegen.

Die gesamte Rezeption zum aktuellen Kraftwerk-Album lässt sich daher auch als Lehrstück dafür auffassen, dass Verweigerungstaktik und bewusste Falschinformation der Medien, wenn überhaupt, so nur kurzfristigen Erfolg zeitigen und eine Band – und sei sie auch noch so berühmt oder legendär – ein solches Spiel letzten Endes nicht gewinnen kann. Denn, so unbefriedigend das auch sein mag, letztlich erweisen sich die »Tour de France-Soundtracks« als klassisches Beispiel dafür, wie sich der dem Journalisten auferlegte Druck, eine Geschichte schreiben zu müssen, bei Rezensionen oftmals als kontraproduktiv erweisen kann. Im Besonderen scheint das für Rezensionen zuzutreffen, für die ein schier unerschöpflicher Fundus an Legenden, aber keine wirkliche Geschichte zur Verfügung steht. Die zentrale Botschaft des neuen Kraftwerk-Albums lautet jedenfalls, dass die »Tour de France-Soundtracks« mit dem Originaltrack nicht mehr viel zu tun haben, was angesichts mancher, oftmals geglückter, hie und da verunglückter Selbstzitate nicht so transportiert wird, wie es der erdrückende Anspruch vielleicht notwendig gemacht hätte. Insofern handelt es sich beim Bildmotiv des Covers eindeutig um eine Mogelpackung. Da ist es wieder: Das Spiel mit der Erwartungshaltung…