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Baku Live – 4. 5. 2005, Wiener Konzerthaus

Allein die elektrifizierte Besetzung, die enorm Gas gab und echte Charaktere aufbot, war nicht von dieser westlichen Welt. Und trotzdem darin verankert, weil eben die ländliche und urbane Volksmusik aus Aserbaidschan elektrisch verstärkt roher und ungeschliffener, mit viel Biss und bei hoher Lautstärke interpretiert wurde. Ein zurückhaltend wirkender Gentleman, der seine rote E-Gitarre spielte, als ob es im Land am Fuße des Kaukasus und des kaspischen Meeres eine Selbstverständlichkeit wäre, hatte es mir ebenso angetan wie der auf der rechten Außenseite der Akkordeonspieler. Dieser hatte die Härte eines Hans-Peter Falkner (Attwenger) und riss gar oft die Initiative an sich, um das Quintett zu neuen Höhenflügen zu animieren. Durchaus ebenbürtig erwiesen sich die Musiker an kleiner und großer Perkussion und der Keyboarder zauberte natürlich auch westliche Melodien rein. Selbst früher Jazz war beim E-Gitarristen ein hörbarer Einfluss und die ruppige Spielweise entsprach eher einem Punkrockgestus. Und plötzlich spaziert ein Riese auf die Bühne des Neuen Saales des Konzerthauses. Im weißen Anzug, mit roter Krawatte, sicher über zwei Meter groß, in Kleiderschrankbreite. Bilal Aliyev schmettert mit einer sopranähnlichen Stimme herzzerreißende Lieder. Immer wieder mal abgelöst wird er von drei (solo oder im Duett) prächtig aufgemodelten Sängerinnen, deren schrille Stimmen ebenso mitreißen wie deren unkonventionelle Kleidermode. Zu dritt intonieren sie gar ein songcontest-kompatibles Lied, das durchaus Referenzen zu Ruslana aufweist … Scheinbar ein Faux-Pas, der aber noch mehr beweist, dass hier nicht eindimensional musiziert wird.

Optisch blendend ergänzten Einlagen einer vierköpfigen Tanztruppe, die enorm drahtig vor den Musikern herumwirbelte, das für hiesige Beobachter kurios anmutende Musikschauspiel, das dank zweier zwischengeschobener Modern Dance-Stücke die ästhetischen Unterschiede zwischen Orient und Okzident offenbarte. Hier wurden die Geschichten aus überliefertem Märchenstoff bezogen und doch war die Musikbeschallung im zweiten Set der Mann/Frau-Geschmeidigkeit auf der Höhe der Zeit. Subsonischer Dub traf auf aserbeidschanische Musiksamples.

Alles in allem ein Wahnsinnsabend, den nicht nur die zahlreich erschienene aserbaidschanische Community (Veranstalter war der Kulturverein Vienna Acts und die Botschaft der Republik Aserbaidschan in Österreich) sichtlich genoss. Bleibt nur die Hoffnung, dass das ölreiche, seit 1991 von der UdSSR unabhängige Aserbeidschan das autokratische Regime überwindet und auch der Konflikt um Berg-Karabach – es wurden auch Lieder aus dieser Gebirgsregion kredenzt – mit Armenien doch irgendwann einer politischen Lösung zugeführt werden kann.

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Text
Alfred Pranzl

Veröffentlichung
10.05.2005

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