Anything Goes - New Hollywood 1966 - 1978

Wie die Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Generation Hollywood rettete. Das Wiener Filmmuseum, das im Herbst 2004 nach gelungener Renovierung neu eröffnet wurde, begibt sich auf Spurensuche …

Als das Linzer Pop-Duo Waterloo & Robinson 1974 »Good Old Hollywood is dying/Good Old Hollywood is dead« sangen, schickte das »New Hollywood« gerade Peckinpahs »Bring Me The Head Of Alfredo Garcia« und Coppolas »The Godfather, Part II« in die Kinos, hatte jedoch selber noch drei Jahre bis 1977, als nicht nur Punk – vorbereitet u.a. von der Horror/Trash-Abteilung um Romero (»Night Of The Living Dead«), Waters (»Pink Flamingos«) und Carpenter (»Assault On Precinct 13«) -, sondern mit »Jaws« und »Star Wars« »ohne Umweg über die Moderne« (Georg Seeßlen) auch die Ära der Blockbuster anbrechen sollte. Wiewohl die Wege hin »zum reichen, grimmigen, unsauberen, abenteuerlichen Kino der Jahre 1967-76« (Alexander Horwath) nicht nur einem Mix aus »intelligenten Handwerkern«, »verwirrten Kunststudenten« (Horwath), Roger Corman-Protegés (Scorsese, Peter Fonda, Dennis Hopper, Coppola, Jonathan Demme, Peter Bogdanovic) sowie Autodidakten zu verdanken war, bei dem sich das exploitative Drive-In-Kino und das (europäische) Kunst-Cinema die Hände reichten und erstmals Sozialisationen durch Rock’n’Roll, TV, Comics und Filme das Kino an sich verändern sollten. Europa (Godard, Truffaut, Fellini) und die eigene Filmgeschichte (Ford, Hawks, Hitchcock, Fuller) fungierten dabei gleichermaßen als Vorbilder, wodurch sich u.a. allmählich auch ein (reflektierend-analytisches) Bewusstsein über die Unterschiede zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten (nicht nur innerhalb der Pop Culture) herauskristallisierte.

Hatten doch Rock’n’Roll & Pop als Antriebsmotoren einer Entwicklung an deren Beginn eigentlich eine Krise der Bilder (die für Gilles Deleuze mit der »Krise des amerikanischen Traums« korrespondiert) stand, selber schon (spätestens seit Kenneth Angers »Scorpio Rising«) den Zustand der Unschuld verloren. 1967, im Jahr als mit »Bonnie & Clyde« alles anfing, war Pop eigentlich schon in seine (erste) postmoderne Phase geschlittert. Die Beatles veröffentlichten »Sgt. Pepper«, die Doors wollten zur anderen Seite durchbrechen, Jefferson Airplane suchten den »White Rabbit«, Eric Burdon & The Animals spürten in San Francisco den »Winds Of Change« nach, Country Joe & The Fish sangen »I Feel Like I’m Fixin‘ To Die«, The Grateful Dead debütierten, Jimi Hendrix fragte »Are You Experienced?«, die Rolling Stones beamten sich auf »Their Satanic Majesties Request« 2000 Lichtjahre von hier weg, Scott McKenzie ging mit Blumen im Haar nach San Francisco, Sly & The Family Stone verkündeten »A Whole New Thing« (den im Rahmen der Retrospektive zu sehenden Blaxploitation-Klassiker »Sweet Sweetback’s Baadasssss Song« von Melvin Van Pebbles sollte sich niemand entgehen lassen, der HipHop auch nur irgendwie genauer verstehen will), Montery Pop ging über die Bühne und in New York erschien eine Platte namens »The Velvet Underground And Nico«. Dazu kamen blutige Unruhen in Berkeley und Detroit (sogenannte »Rassenkrawalle«), die Ermordung von Che Guevara sowie 9353 in Vietnam gefallene G.I.s.

Die Platte, die schon 1967 wohl am genauesten auch schon Problemzonen im New Hollywood voraussah, kam von den campen Eklektizismus-Hipstern Harpers Bizarre, die unter dem bezeichnenden Cole-Porter-Titel »Anything Goes« eine Art Patchwork-Swing als musikhistorischen Steinbruch aus Simon & Garfunkel, Glenn Miller, Gershwin sowie Rodgers & Hammerstein vorstellten, die wenig später (jedoch minus Camp) in so unterschiedlichen Filmen/Entwürfen wie »The Last Picture Show«, »Paper Moon«, »Nickelodeon« (alle Peter Bogdanovic), »American Graffiti« (Lucas), »Chinatown« (Polanski) aber ebenso »Bound For Glory« (Hal Ashby) und »Days Of Heaven« (Malick) das Thema Vergangenheit/Nostalgie auf die Leinwand brachten (auch »Bonnie & Clyde« gehört allein des romantisch-romantisierenden Banjo-Soundtracks wegen ebenfalls in diese Kategorie).
Im Rahmen der Retrospektive im Wiener Filmmuseum (mit deutlich größerer und breitgefächerterer Filmauswahl als zuvor bei der Berlinale-Reihe zum Thema) stellen diese Filme jedoch nur Eisbergspitzen dar. Was nicht hoch genug anzurechnen ist! In diesem Sinne: »Let’s go movies!« (Harvey Keitel in »Mean Streets«, 1973)

Lesetipps:
Peter Biskind: »Easy Riders, Raging Bulls. Wie die Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Generation Hollywood rettete«, Hamburg 2000
Alexander Horwath (Hrsg.): »The Last Great American Picture Show. New Hollywood 1967- 1976«, Wien 1995
James Monaco: »American Film Now«, München/Wien 1985
Hans Helmut Prinzler/Gabriele Jatho (Hg.): »New Hollywood 1967-1976. Trouble in Wonderland«, Berlin 2004

Retrospektive New Hollywood 1966 – 1978: März (1966-1973), April (1973-1978)
More Infos: www.filmmuseum.at