Alles hat einen Anfang, nur die Wurst hat zwei

Vom 2.-11. Juli wartete das bestens besuchte erste Wiener KlezMORE-Festival, eine Weiterentwicklung des Akkordeonfestivals, mit gro&szligteils fulminanten Doppelkonzerten auf.

Klezmer, die Musik des von der Nazibarbarei vernichteten Ostjudentums, hat sich vor allem aus der Volksmusik Osteuropas entwickelt, bis nach einer Jahrhunderte langen Reifezeit die heutige Festmusik (Feiertage, Hochzeiten) entstand.
Gesungen wird in Jiddisch, einer Sprache, die sich im 15. Jahrhundert entwickelte, als die Juden aus den deutschsprachigen Gebieten nach Polen getrieben wurden. Die Sprache vereint Mittelhochdeutsch mit slawischen und romanischen Einflüssen. Der nach Amerika ausgewanderte Anteil dieser Juden ersetzte mehr und mehr slawische Worte durch Englische. In diesen Volksliedern wird der Erhalt jener Sprache nach Jahren der Pogrome und Lebensvernichtungslager zelebriert.
In vielen dieser Lieder spürt man die verzweifelte Suche nach dem Quäntchen Glück in dieser tristen Hoffnungslosigkeit. »Obwohl du mir alles genommen hast werde ich mit Freude und Stolz mein Leben leben und meine Kinder nach meinem Ermessen erziehen«.
Dieses Festival, das mit Veranstaltungsorten im 2. und 20. Bezirk (Freizone im Prater, Kirche am Gaußplatz, Planet Music) an die ehemaligen Hauptwohngebiete der zugewanderten Ostjuden erinnerte, widmete sich nicht nur der Klezmermusik, sondern war auch sehr bemüht den Zuschauern die Hintergründe und Facetten der jiddischen Kultur (Workshops, Filme, Führungen) näher zu bringen. Den Focus legte das Team um den umtriebigen Festivalleiter (Akkordeonfestival, Wiener-Lied-Konzertreihen) Friedl Preisl indes auf einen Konzertreigen, der mit Kohelet3 (Slowenien, USA, Ukraine, Deutschland, Österreich) und Grinsteins Mischpoche (Deutschland) im Vindobona anhob. Dass Wien eine vitale Metropole in Sachen Klezmerpflege und -innovation ist, bewiesen u.a. die grandiosen Newcomer Nifty’s (Naftule-Brantwein- und Dave-Tarras-Afficionados) oder die Vienna Klezmer Band, deren Mitglieder allesamt ihre Herkunft in Osteuropa haben. Hervorgehoben sei Ela Malkin aus Czernowitz, die sich mit ihrer hinreißenden Präsenz und vokalem Schmachten in die Herzen des Publikums sang. Wie viele andere Ensembles zeigte sich Vienna Klezmer offen für auch neuartige Vermischungen. So schielte die sephardische, jiddische und chassidische Lieder darbringende Vienna Klezmer Combo auch gen Tango, Klassik und Jazz.
Auch die Auftritte der Stars überzeugten: Neben The Klezmatics bestach der Trio-Auftritt des Pianisten Leopold Kozlowski (die berührende Doku »Der letzte Klezmer …« von Yale Strom lief im Rahmenprogramm). Nach wie vor hat die auch an Film und Musicals und tiefgehender Tradition geschulte Musik der polnischen Legende, die gerne auch Bonmots streute, Kraft. Beindruckend auch jeweils wie sehr das Cimbalom den Sound eines Ensembles bestimmen kann: Sowohl bei FleytMuzik (USA), als auch bei den mit ruralen Hüten (cooles Aussehen!) konzertierenden Di Naye Kapelye (USA/Ungarn) fungierten die an die Romamusik andockenden Cimbalom-Rhythmen aus der (meist rumänischen) Karpatenregion als treibende Impulsgeber. Beim Quintett Klezmokum waren das u.a. maghrebinische jüdische Musik und Saxofonschreie des Free Jazz, die auf die Meisterschaft der Holländer verweisen: Klezmer wurde offensiv mit Jazzimprovisationen verquickt.
Enttäuschend war einzig der Auftritt der Franzosen Zakarya, die sich viel zu sehr in kraftmeierischer, richtungsloser Rockmusik ergingen. Viel lieber erzählen wir von einer swingenden Frauenband, die am Sonntag, dem 11. Juli das Festival mit dem letzten Trommelschlag beendete. Er kam von der Drummerin Eve Sicular, Wortführerin der aus New York kommenden Band Isle of Klesbos. Die Liaison von klassischem Swing Jazz mit der jüdischen Folkmusik aus Osteuropa war ein Genuss und regte sogar einige an, das Tanzbein zu schwingen.
Das seit 1998 bestehende, ausschließlich weibliche Sextett verbindet also Klezmermusik mit Jazz, ohne dabei den Ernst oder Respekt vor der Geschichte ihrer Vorfahren aus den Augen zu lassen. Jedes Bandmitglied hat jahrelange Musikerfahrungen, die von Jazz über Klassik bis hin zu R&B, Funk und Rock reichen. So hat sich z. B. die Trompeterin Pam Fleming von Salsa und Swing zu Funk und Reggae vorgearbeitet. Sie spielte für Rufus Wainwright bei der David Lettermans Latenight Show, als Solistin bei den Indigo Girls und arbeitete mit Größen wie Bruce Springsteen und Queen Latifah zusammen.
Die Band ging aus der New Yorker Sensation Metropolitan Klesmer, deren Bandleaderin auch Eve Sicular ist, hervor. Die Musikerinnen erfreuen sich seit Beginn ihrer Karriere an großem internationalem Zuspruch und sind auch in ihren bandunabhängigen Projekten sehr erfolgreich. Zurück zum Konzert der Isle of Klesbos: ihre Musik beherzte jazzig energetisch und war sehr charmant.
Für jene, die das rundum gelungene Festival verpasst haben: Keine Sorge, es sieht so aus als würde uns das KlezMORE-Festival noch einige Jahre erhalten bleiben und das ist mehr als gut so.
Und wenn man sich auch nur ein bisschen dieser Musik öffnet, wird sie einen verschlingen und wir können nur sagen: enjoy!

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