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Selbstporträt mit Gruselspinne

Olga Neuwirth über Trickfilme, den Uraufführungs-Wahn der Konzertveranstalter und die totale Verlangsamung am Schreibtisch.

»Das ist aber ein Pfitschi-Pfeil«.
(Olga Neuwirth Fan)

Alles an ihr – wie sie redet und gestikuliert – wirkt speedy, flexibel, von einer unterschwelligen Energie in Bewegung gehalten. So wie die raschen Farbwechsel und die schnellen, filmischen Schnitte in ihrer Musik. Olga Neuwirth besitzt eine ganze Sammlung von Videocassetten nur mit Trickfilmen.

Also das trau?? ich mich ja schon fast nicht mehr sagen, weil ich dann immer ausgelacht wurde, aber wie ich die »Handtelleropern« damals geschrieben habe für die Wiener Festwochen, habe ich mir jeden Tag in der Früh erst einmal alle Bugs Bunnys, Donald Ducks und Tex Avery-Filme angeschaut, weil da ist soviel drinnen an Bosheit über das menschliche Dasein und die menschlichen Bedingungen und den alltäglichen Wahnsinn, mit so einem gemeinen Witz und einer Ironie – da kann man viel lernen, das liebe ich ja hei&szlig.

Ein Spiel mit der Realität

Olga Neuwirth bei einem ersten Treffen vor knapp fünf Jahren. Im Blickfeld während des Interviews: Die schwarze Horrorspinne, die man auf dem Porträtfoto von Didi Sattmann sieht. Das war in der Dampfschiffstra&szlige. Damals wohnte sie im letzten Stock eines Gründerzeithauses, in dem früher die historischen Kontore der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft angesiedelt waren. In dieser Wohnung herrschte eine komplizierte, heterogene Art von Ordnung, ähnlich wie in Olga Neuwirths Musik. Bücher noch und noch, dazwischen ein bisschen Ethno-Kunsthandwerk, Musikerbüsten, Comics-Figuren. Eine überdimensionale Fliege, die sich mit ihren plüschbesetzten Drahtbeinen an eine Zimmerpalme heftet. Die Gruselviecher, die sich Olga Neuwirth anschafft, sind nicht einfach Gimmicks, sondern stehen für eine wichtige Seite ihrer Ästhetik.

Das ist eine Art von Ironie. Die überhöhte Spinne und die überhöhte Fliege, noch dazu zwei Tierchen, die ich überhaupt nicht leiden kann. Also vergrö&szligere ich sie mir, damit ich sie annehmen kann. Ein Spiel mit einer Realität, die überhöht wird. Die Wirklichkeit und speziell die fürchterlichen Dinge des Daseins kann man sowieso mit Kunst nicht darstellen, wenn man sie nicht überhöht und ästhetisiert, um dann vielleicht auf eine andere Weise wieder zur Realität zurückzukehren.

Nichts ist an Olga Neuwirths Arbeit so offenkundig wie ihre Vorliebe für irrwitzig Komisches und Bizarres, für die surrealistische Traumlogik und abgründige Phantastik, für Witze zum Fürchten und Horror zum Lachen. Diese Neigung sollte – siehe Fliege und Spinne – nicht als reiner Spleen, als ästhetisches Hobby mi&szligverstanden werden.

Hypergeschwindigkeit und totale Verlangsamung

Es ist ja überhaupt nicht so, dass ich einen Joke produzieren will. Es geht um einen leichteren Umgang mit sich selbst und der Umgebung, damit man überhaupt noch existieren kann. Allein dass ich am Schreibtisch sitze, ist absurd heutzutage. Das muss man einfach einmal sagen. Die Zeit, die gebraucht wird, um eine Partitur zu schreiben: Gemessen an der schnelllebigen Umwelt, wo Informationsaustausch jede Sekunde kommt, kommt, kommt, ist das ein Zeitverhältnis zwischen Hypergeschwindigkeit und totaler Verlangsamung am Schreibtisch. Ich prügle mich in meinem Hirn jeden Tag zum Schreiben, weil diese Form von Disziplin eigentlich gar nicht zu meiner Art passt.

Sie ist durch einen heftigen Ruck im Alter von sechzehn Jahren Komponistin geworden. Was hei&szligt, Ruck – es war ein wilder Crash. Mit ihren Eltern (Vater: Der bekannte Grazer Jazzpianist Harry Neuwirth) war sie auf schneeglatter Fahrbahn unterwegs. Ein entgegenkommendes Auto rammte sie. Olga Neuwirth, damals in Ausbildung als Trompeterin, wurde von einer Eisenstange am Kinn erwischt. Mit dem Traum, ein weiblicher Miles Davis zu werden (»Als Kind wollte ich immer eine rote Trompete«), war es nach diesem Unfall vorbei.
Gerade zu der Zeit leitete Hans Werner Henze einen Kompositionsworkshop bei den Jugendmusiktagen in Deutschlandsberg – das war das auslösende Moment für den Neustart als Komponistin.

Klangschichten

Olga Neuwirth war ein Landkind und konnte sich mit anderen Landkindern spielend in der Natur austoben, in dem Ort Schwanberg am Ausgang der Koralpe. Nach der solcherart glücklichen Kindheit wurde es ihr mit steigendem Alter auf dem Dorf zu eng, so dass sie gleich nach der Matura ganz radikal wegging. Ihr Kompositionsstudium begann sie in San Francisco. Am Conservatory of Music, das von dem Minimalisten John Adams geleitet wurde, war das Klima liberal genug, um verschiedenes zu probieren und erst einmal über die eigene Orientierung nachzudenken. Etwas später dann: Eine Saison an Pierre Boulez?? renommierter Computermusik-Versuchsstation IRCAM in Paris und Kurse bei Tristan Murail. Er und seine Frau spielen übrigens das Theremin Vox; dieses historische Elektronik-Instrument, das so unnachahmlich jault und wummert und das Olga Neuwirth so gern in ihren Stücken verwendet.

Zwischen diesen Ausbildungs-Eckpunkten lagen diverse Semester an der Wiener Musikhochschule, die ihr aber wenig brachten – zu starres Lehrsystem, zu wenig Anregungen. Den nötigen Background suchte sich Olga Neuwirth schlie&szliglich in Eigenregie zusammen. Bei der Universaledition und bei der älteren Kollegin Adriana Hölszky in Stuttgart ackerte sie wichtige zeitgenössische Partituren durch. Hölszkys Musik steht ihr nahe; eine wichtige Parallele zwischen beiden Komponistinnen ist das permanente Bemühen um detailreich-vielgliedrige, fein konturierte Klangschichten.

Als Olga Neuwirth zweiundzwanzig war, verschaffte ihr Elfriede Jelinek einen Kompositionsauftrag der Wiener Festwochen.
Aus zwei Kurzhörspielen der Dichterin wurden die satirischen Handtelleropern »Körperliche Veränderungen« und »Der Wald«.

Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Jelinek und Neuwirth, die seither wiederholt kooperiert haben, und der Beginn einer Karriere, die von au&szligen betrachtet spektakulär aussieht. Olga Neuwirth bestreitet zwar nicht, da&szlig sie in ihrer Generation derzeit zu den »Big Players» der E-Musik-Avantgarde gehört. Trotzdem fühlt sie sich auch jetzt noch da und dort zurückgesetzt gegenüber angepasster agierenden Naturen beziehungsweise männlichen Kollegen. Bis heute hat ihr niemand einen Lehrauftrag angeboten. Sie lebt also allein vom Komponieren. Irrsinn.

Der Druck der Uraufführungen ist natürlich ein gro&szliger, und man hat ständig die Deadlines. Das ist eben der absolute Wahn dieses Betriebs. Das find?? ich so etwas von vollkommen absurd…. man hat so viele Stücke, und die sind gut, aber nein, jeder will eine Uraufführung! Somit muss man immerfort, immerfort was liefern – da gibt’s kein Erbarmen. Mir hat sogar schon einmal jemand erklärt, ich sei ausgeschrieben, mir falle quasi nichts mehr ein. Aber dann kam »Bählamms Fest« (Die Oper für die Wiener Festwochen 99, Anm.), und ich glaube nicht, dass das ausgeschrieben klingt.

Ein Input von Leben

Es ist nicht immer leicht, mit Olga Neuwirth (»Pfitschipfeil«, s.o.) ein Treffen zu vereinbaren. Für das aktuelle Gespräch war ein Treffen unter einem Baum im Münchner Hofgarten notwendig. Ursprünglich hätte es Venedig sein sollen, wo Olga Neuwirth seit zweieinhalb Jahren eine Arbeitswohnung hat – einen ausgebauten Dachboden in einem alten Palazzo, im Viertel Canareggio, nördlich des Ghettos in der Nähe der Kirche Santa Maria della Misericordia. Venedig bietet Olga Neuwirth unter anderem: Einen Panorama-Rundblick über die Dächer, den zweitgrö&szligten Fischmarkt der Stadt fast um die Ecke, und garantiert fast keine Ablenkung von der Arbeit, dazu sei Venedig viel zu museal konstatiert sie: Denn »Szene« sei dort nur in Spuren vorhanden.

Also, würde ich nur dort leben, dann würde ich absterben. In dieser Stadt is
t nichts au&szliger melancholischer Schönheit – aber es ist fast schon ein Disneyland. In der Arbeit allerdings kann man genau gegen diese Art von Vergangenheits-Schönheit ankämpfen. Das animiert einen auch, sich aufzulehnen gegen diese Flucht, Flucht, Flucht einer Gesellschaft, die nichts Junges mehr zulässt.

Doch mit Venedig wird es sowieso bald aus sein, weil der Vermieter der Wohnung Eigenbedarf anmeldet. Nachher will Olga Neuwirth wieder in einer Gro&szligstadt leben, weil sie jetzt »einen Input von Leben« braucht.

Ich möchte mich nicht abschlie&szligen. Man muss sehr wohl aufnehmen, was rundherum passiert.. Aber das Schwierige ist dann, wenn man analysieren muss, was das alles bedeutet. Das war für mich gerade in Amerika sehr spürbar: Ich wei&szlig zur Zeit auch nicht, wo man hin soll, da eben so vieles möglich ist und dann wieder gar nichts. Verbunden mit diesen Extremen ist die Frage was macht man für sich? Und ich glaube, das Einzige ist ganz einfach: Man tut.

Read also: »Die Komponistin Olga Neuwirth« von Stefan Drees

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Text
Dorothee Frank

Veröffentlichung
02.06.2000

Schlagwörter

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