Ein Aufschrei geht durch die Menge, als Patti Smith auf der Bühne erscheint. Die Wiener Arena ist am Abend des 21. Mai 2026 dermaßen voll mit Menschen, dass nicht wenige die Sängerin nur in ihren Smartphones erblicken können, die hoch über den Kopf gehalten werden müssen. »Happy birthday, Arena!« Der nächste Aufschrei. Der Gitarrist des Patti Smith Quartetts ist ihr Sohn Jackson Smith. Jahrzehntelang war ihr Gitarrist Lenny Kaye, der jüdische Junge, der wie ein Mädchen aussah. Das Lied »Because the Night«, das sie gemeinsam mit Bruce Springsteen schrieb, als sie schwanger war, widmet sie Jacksons Vater Fred Smith. Viele singen lauthals mit: »Because the night belongs to looove!« Auch mit unglaublichen 79 Lebensjahren singt Patti Smith zum Teil sehr melodiös, trifft die hohen Töne genau. Ihr Timbre ist sofort zu erkennen. Von wegen Punk wäre nur Schreierei und Lärm! Lenny Kaye schrieb 1972 die zehn Gebote des Punk auf. Unter anderem steht da: »Du sollst zum Wesentlichen zurückkehren. Du sollst das mit furchtbarer Energie tun. Du sollst keine anderen Götter neben dir haben. Du sollst revolutionär und karikaturhaft sein.«1
Arena im Sonnenuntergang
Wir sitzen vor dem Arena Beisl und hören Patti Smith zu, sehen junge Punks, die herumscherzen. Manchmal vermisse ich die alten Konzerte im Arena Beisl – den Spaß, das fröhliche Leben. Wie das Konzert von Dope, Guns and Fucking in the Street mit Michi Schnulze am Schlagzeug und dem langen Gustl von der Ägidigasse. Lang, lang ist es her. Joshua Korn von den früheren Porcelain Hip (mit der verstorbenen Elinor Mora) singt inzwischen in einem Wiener Chor namens New Quire, der bulgarische Kirchenlieder zum Besten gibt. Er zeigt Kirchenfotos her. Joshua, dessen Großvater nach England fliehen musste, wird, ebenfalls im Rahmen der Festwochen, am Mittwoch, dem 27. Mai mit seiner Band What’s inside a girl am Badeschiff auftreten. Und sicher seinen alten Hit »We are, we are: the porno stars« voller Gehüpfe, Gesäusel und Verrenkungen vorführen. »She is so strong!«, sagt Josh über Patti Smith. »Arena, one of the best venues in the world«, macht Patti Smith derweil Komplimente von der Bühne herunter. Nächster Aufschrei. Im Backsteingebäude gegenüber stehen einige Arena-Leute am Fenster im roten Licht des Sonnenuntergangs. Ein Rettungshubschrauber fliegt vorbei und landet auf dem Dach des ÖAMTC- Gebäudes. »Is it part of the show?«, fragt Barbie, die Sängerin von Joshs Band.
Klassiker und Coverversionen
Patti Smiths Lieder sind inzwischen dermaßen Klassiker geworden, dass viele Leute Cover vermuten, wo es gar keine gibt. Dabei singt sie ihre eigenen Songs! Ein sehr tanzbares Lied spielt das Quartett ohne Patti. Bei uns speibt inzwischen eine junge Frau in einen Pflanzenkübel, was mich an alte Zeiten erinnert. Es stinkt erbärmlich. Das nächste Lied ist »When Doves Cry« von Prince: »How can you just leave me standing / Alone in a world that’s so cold? / Maybe I’m just too demanding / Maybe I’m just like my father, too bold…« Noch so ein Klassiker, den alle mitsingen können, den Liedtext auswendig hersagen! Das Lied »Gloria« des irischen Songwriters Van Morrison singen ebenfalls alle mit. 1975 war der Vietnamkrieg zu Ende. Im New Yorker Central Park gab es das Konzert »The War is Over«: »Tausende saßen auf den abschüssigen Hängen des Parks und als Richard und Lenny die schmetternden Akkorde von ›Gloria‹ anschlugen, schien sich auf die hoffnungsvolle Menge das trümmerübersäte Schlachtfeld der Sechzigerjahre herabzusenken. Selbst inmitten der bittersüßen Feier trauerten wir um die Stimmen, die man ausgelöscht hatte«, schreibt Patti Smith in ihrem neuen Buch »Bread of Angels«.2 In einem anderen Kübel mit Totenkopf-Logo drauf sprießen Pfingstrosen. Die bunten Glühbirnen beim Arena Beisl gehen an und wieder aus. Neben dem hohen Backsteinschornstein hängt der Halbmond in der Luft. Man wird ganz wehmütig. Die Zeit vergeht. So viele Punks sind schon tot. Dreck, der mir das Buch über das KZ am Loiblpass klaute. Michis Bassist Krise. Und viele andere.
Orangefarbener Supermond
Patti schreit: »We want fucking freedom« – Pause – »and creative energy!« Das Publikum schreit zurück. Oberhalb der Bühne weht eine schwarze Piratenfahne im Wind. Patti Smith widmet Bob Dylan ein Lied zu seinem 85. Geburtstag, den er am 24. Mai feiert. »I used to listen to his records when I was a teenager.« Dann singt sie ernsthaft unplugged »Happy Birthday« für die Arena, die sie »Erinä« ausspricht. Vor Jahren ging bei einem Arena-Konzert von ihr ein orangefarbener Supermond auf und Patti Smith tat so, als wäre dieser riesige Mond extra für sie da und als würde sie ihn auf der Handfläche halten. Kinder tanzten damals wie Ziegenböcke auf dem Arena-Gelände herum. »People Have the Power« ist dann wieder so ein Song, den alle kennen und fröhlich mitsingen, Fäuste in der Luft. »Don’t forget it!« Nachsatz: »See you next year!« Bei der Wiener-Festwochen-Eröffnung trägt Patti Smith ein Franziskus-von-Assisi-Holzkreuz um den Hals, passend wohl zum Motto der Festwochen, dass wir neue Gött*innen brauchen würden. Dabei war ihre Mutter nach dem Tod ihrer Eltern Zeugin Jehova geworden und Patti erfuhr erst mit 70 Jahren, dass sie nicht von ihrem sozialen Vater abstammte und ihr biologischer Vater jüdisch war. Nach dem Konzert gehen Joshua und ich zu Fuß zur Schlachthausgasse, an einem Sporthotel mitten im Industriegebiet vorbei, mit blinkenden Hochhäusern im Hintergrund. Ein einsames altes Gasthaus am Weg. People have the power – don’t forget ist!

1Steven Lee Beeber: »Die Heebie-Jeebies im CBGB’s. Die jüdischen Wurzeln des Punk«, Ventil Verlag 2008
2Patti Smith: »Bread of Angels. Die Geschichte meines Lebens«, Kiepenheuer & Witsch 2025











