Bild: Netflix
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Leslie streamt sich durch: »Famous Last Words«

Autor und Producer Brad Falchuk (»American Horrorstory«) interviewt sterbende Promis kurz vor ihrem Tod, um die Interviews nach deren Ableben auf Netflix zu präsentieren. Das auf Sensation gebürstete Konzept ist so kaputt wie es klingt, vermittelt aber Einblicke ins Sterben im Streaming-Zeitalter.

In Michel de Montaignes Essay darüber, wie der Tod anderer zu beurteilen ist (»Essais«, Buch 2, Kapitel 13), macht der französische Premiumdenker zunächst die grundsätzlich bedeutsame und tiefsinnige Beobachtung, dass Menschen ihr Sterben viel stärker auf ihr Leben als auf ihren Tod beziehen. Wer stirbt, spekuliert über seine, wenn auch geringen, Lebenschancen. Haben nicht viele andere bereits schwerwiegendere Krankheiten überlebt? Hört man nicht immer wieder von Wundern? (Der »Pechvogel« Pomponius Atticus wollte seinen Tod durch Nahrungsmittelverweigerung beschleunigen und gesundete dadurch zeitweilig.) Schön, diese heiteren Wendungen, nicht wahr? Noch im letzten Moment erfreuen sich Menschen an Ausflüchten, genüsslichen Einfällen, wie vielleicht doch noch einmal dem Tod ein Schnippchen geschlagen werden könnte. Der Gedanke an die Unerbittlichkeit des eigenen Todes scheint auch unter Sterbenden nicht sonderlich populär zu sein. 

Ansonsten sorgt Sterbende eher ihr Sterben als ihr Tod, den sie überraschend wenig fürchten. Die in Zeiten Montaignes hochgehaltenen Klassiker, die fast immer spektakuläre Tode lieferten (Julius Caesar et al.), hatten dazu einen Tipp im Gepäck: »Schnell ist besser.« Es mag ein paar, meist religiöse, Ausnahmen geben, die sich eine lange und schwere Agonie wünschten (um Gott noch nahe zu sein, letzte Dinge zu beichten etc.), die meisten wünschen diese Lebensphase jedoch eher zügig abzuschließen. Überraschend wenig bedenken Menschen in letzten Momenten ihr »Nachleben«, sondern erinnern sich lieber an Momente des Glücks. Ein Blick in die Freakshow »Famous Last Words« zeigt, wie weit sich unser Medienzeitalter hier von Antike und Renaissance wegbewegt hat.

Mogelpackung letzte Worte

Zunächst muss angemerkt werden, schon der Titel der Serie ist ein Schwindel, denn die Shows liefern keinerlei berühmte letzte Worte à la Lord Sandwich, der angeblich auf dem Sterbebett meinte: »Heute geht aber auch alles schief.« In den bisherigen Ausgaben von »Famous Last Words« redeten Ende 2025 die bekannte Primatenforscherin Jane Goodall und jüngst der Schauspieler Eric Dane (»Grey’s Anatomy«) über ihr Leben in einer Weise, die fast empörend unreflektiert gegenüber ihrer Lebensphase ist. Nun sollte sich Filmkritik nicht dazu aufschwingen, das Leben und insbesondere das Sterben von Menschen zu beurteilen. Das wäre selbst wiederum eine Pietätlosigkeit. Es geht vielmehr darum, zu beurteilen, was die Serie medial aus den Menschen macht, wie sie sie verführt und vorführt. Und in welche unmögliche Situation sie das Publikum bringt. Da wir als Öffentlichkeit nicht wissen, »wer als nächstes dran ist«, heißt das, dass wir hier mitspekulieren sollen? Am Ende gar auf die nächste gute Show hoffen, wenn wieder wer den Löffel abgegeben hat? 

Durch Netflix wird das Sterben zum öffentlichen Akt. Nicht so krass wie Timothy Leary, der im Fernsehstudio per Live-Übertragung sterben wollte, aber eben per Abschiedsbrief vor der Kamera. Der seltsame Clou bei der Show ist, dass durch sie das Sterben nicht als unumkehrbares Ende des Lebens erlebt wird, sondern als der offenkundige Versuch, weiterhin auf das Leben einzuwirken. Unter dem Motto »Was ich der Welt noch zu sagen hätte« werden Kämpfe über den Tod hinaus ausgetragen. Jane Goodall lässt in ihren abschließenden Worten Elon Musk, Donald Trump und Bibi Netanjahu wissen, dass sie diese gerne auf einer dieser Marsraketen wüsste. Sie ist vermutlich Wissenschaftlerin genug, um zu wissen, dass Marsreisen derweil unmöglich sind (kosmische Strahlung lässt sich interplanetar kaum abschirmen, das Gewicht des zusätzlich nötigen Raketentreibstoffs hebt dessen Schubkraft auf, weshalb es mit heutiger Raketentechnik kein Zurück vom Mars gibt, etc.), deshalb wünscht sie den fiesen Herren schlicht den Tod. Ein Blick auf das Werk von Trump, Musk und Netanjahu macht Goodalls Wunsch gut nachvollziehbar. Dennoch auffällig ist aber hier der Lebensbezug auf die nicht ausgestandenen Konflikte, der so gar nicht mit dem »Ende« in Beziehung zu stehen scheint.

Inszenieren des Sterbens

Der Interviewende Brad Falchuk ist während der Show sehr darum bemüht, die Sache »groß« zu machen. Er muss sich selbst und das Publikum immer wieder vergewissern, dass er hier große Fische an der Angel hat. Schimpansen-Mama Jane Goodall darf sich dauernd anhören, wie einzigartig und besonders sie war (und nimmt den Ball gerne auf). Dabei denkt Falchuk weniger an die besondere existenzielle Situation seines Gegenübers als an die Quote. Dies spiegelt sich auch im Setting der Show wider. Die Kameraleute wurden aus dem Studio verbannt, um mehr »Intimität« zu erzeugen. Also wohlgemerkt Intimität vor einem Millionenpublikum an den Bildschirmen. Nun braucht aber heutige Kamera- und Studiotechnik ohnehin kein Bedienpersonal mehr vor Ort, der Kniff ist somit wohlfeil. So wird aber aus dem sterbenden Studiogast noch mehr ein Versuchsobjekt gemacht. 

Am Ende verlässt auch Falchuk das Studio, denn jede*r stirbt für sich allein, wenn Netflix spektakuläre Aufnahmen will. Die Einsamen im Studio können dann ihren Nachlass in drei Minuten runterbeten. Der Showeffekt führt zu seichten Ergebnissen. Goodall wiederholt nochmals ihre Botschaft »Save the planet« und hat damit vollkommen Recht (abgesehen von ihrem transzendenten Anspruch, die Chose nach ihrem Tod von oben im Auge zu behalten und dass sie somit also eigentlich gar nicht vorhat, zu sterben). Allerdings hat sie all dies mehr als einmal im Leben bereits gesagt und das Publikum hat geflissentlich einen drüber fegen lassen. Schwer vorstellbar, dass jetzt die Leute reihenweise ihre Flugreisen canceln. Bei Eric Dane ist das Ende wesentlich schlimmer. Der von schwerer Krankheit gezeichnete Vater wendet sich an seine zwei Töchter und betet ihnen die üblichen angloamerikanischen Durchhalteparolen runter (»Geh deinen Weg«, »Setzt dich durch« etc.). Das ist ergreifend und empörend zugleich, denn warum müssen sich das die beiden Mädels im TV anschauen? Hat er es ihnen nicht privat gesagt? Bei aller Anteilnahme einem sterbenden Vater gegenüber müssen sich die Betrachter*innen in eine Schmierenkomödie reingezogen fühlen. Unterm Strich zieht Brian Falchuk vulnerable Menschen in einer höchst schwierigen Lebenssituation in sein Studio und beutet sie aus – einmal abgesehen davon, dass die interviewten Medienprofis dabei vermutlich auch ihrer eigenen Eitelkeit folgten.

Man stirbt nur zweimal? 

Man muss Brad Falchuk lassen, er denkt immer nur an sein Publikum, das er freimütig als jene charakterisiert, die zum Zeitpunkt der Ausstrahlung sicherlich traurig über den Verlust der geliebten Person sein werden und dann höchst wissbegierig diese Show ansehen. Nun, hier kennt jemand seine Zielgruppe haargenau. Das Kalkül der Macher*innen ist damit offenkundig und verdient das Prädikat »abgeschmackt«. Etwas ist daran aber auch in der Tiefe betrachtet schlicht falsch und wird der existenziellen Situation nicht gerecht. Falchuk meint, es sei der Wunsch aller Hinterbliebenen, noch einmal Zeit mit den Frischverstorbenen zu verbringen. Aber ist das nicht ein dümmlich grausamer Gedanke? Einer, der zum vertrockneten Stehsatz wurde, weil ohnehin niemand genau darüber nachdenkt? Denn hieße diese kurzfristige Auferweckung nicht notwendig, dass die Toten ein zweites Mal sterben müssten? Wäre damit der Abschiedsschmerz nicht verdoppelt? Für die Angehörigen und die Verstorbenen ist dies kein Trost, sondern die aberwitzige Zusatzqual mehrfachen Sterbens. 

An die Sache muss kein weiterer Gedanke verschwendet werden, weil sie ohnehin unmöglich ist, aber was bedeutet der beknackte Ansatz von »Famous Last Words« eigentlich für die mediale Rezeption? Auch hier liegt ein schwerwiegender Irrtum vor. Das Publikum muss sich an den Tod eines Promis nicht gewöhnen, weil diese Person für die Zuschauer*innen ohnehin nicht eigentlich gelebt hat. Als Beispiel: Fühlt sich im Jahr 2026 ein Film mit Robert De Niro anders an als einer mit Robert Redford? Weil der eine ja noch lebt, während der andere im letzten Jahr verstorben ist? Nun, die meisten Leser*innen werden weder dem einen noch dem anderen im Leben je begegnet sein. De Niro lebt zwar noch, aber der Star aus »Raging Bull« ist ebenso für immer aus der Welt entschwunden wie jener aus »Barfuß im Park«, weil weder der lebende De Niro seine Paraderolle aus dem Jahr 1980 ausfüllen kann noch der verstorbene Redford seine aus dem Jahr 1967. Die Filme hingegen können immer wieder angeschaut werden und die Darsteller im vollen Saft erlebt werden. Die mediale Unsterblichkeit darf somit schon lange als erreicht gelten.

»Famous Last Words« reiht sich nahtlos in den heutigen Schund ein, der digital das Sterben überwinden soll, von sprechenden Grabsteinen mit Grußbotschaften von denen sechs Fuß weiter unten bis hin zu Wiederbelebungsversuchen durch KI (»Opa hat heute im Gruppenchat schon wieder dieselben Plattheiten gepostet, wir müssen nochmal seinen Prompt überarbeiten …«). In diesem digitalen Gruselkabinett scheinen die Menschen das Sterben zu verlernen, indem sie die Welt mit ihren Banalitäten über den Tod hinaus fluten. Wieweit dies Hinterbliebenen nützt, ist fraglich. Das eigentliche Werk von Jane Goodall oder Eric Dane mag künstlerisch, politisch oder wissenschaftlich hochstehend und wichtig gewesen sein, ihr letztes Gequassel darüber ist es nicht. Dem Nachleben der Verstorbenen leistet die Show keinerlei Dienst, weil sie bestenfalls ein Interview unter vielen liefert. Für Menschen, die lustvoll reflektieren, gibt es am Ende nur einen Tipp, der über den Tod hinaus zutreffend ist: Mehr skug lesen und weniger Netflix schauen. 

Links:
https://www.netflix.com/at/title/82053197;
https://www.netflix.com/at/title/82125158 

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